Das wahre Leben sucht man vergeblich in Statistiken

Das Wort zum Sonntag oder die Tatsache, dass Psychologen auch nur Menschen sind. Und: Irren ist menschlich!

Stuttgarter Zeitung Nr. 226, Samstag/Sonntag, 28./29. September 2019, Seite 11 unten

Laut einer britischen Studie bin ich wohl demnächst reif für die Psychiatrie. Denn es wurde nachgewiesen, dass die jüngsten Kinder einer Klasse offenbar unreif sind und deshalb zu Depressionen neigen. Da haben wir es mal wieder… Man verschwendet eine Unsumme an Geld, um irgendwelche Statistiken auszuwerten, die echt für den Müll sind. Und ich darf das hier sagen, denn es betrifft mich persönlich und genau wegen solcher Auswertungen und Zeitungsartikel macht man Kindern wie mir das Leben schwer. Habe ich ein erhöhtes Risiko für Lernschwierigkeiten? Gut, das könnte vielleicht stimmen. Lernen ist nicht gerade meine Stärke, allerdings haben sich die Lehrer auch noch nie beschwert. Leide ich unter Aufmerksamkeitsstörungen? Mist, tatsächlich! Wenn mich meine Mutter zum tausendsten Mal auffordert, mein Zimmer aufzuräumen, bin ich alles andere als aufmerksam. Aha! Die ersten beiden Punkte könnte man mit einem Augenzwinkern also bestätigen, aber Punkt 3??? Depressionen? Wer mich kennt, weiß, dass ich das Leben mehr als positiv sehe. Gibt es denn nichts Wichtigeres oder gar Interessanteres, über das man berichten könnte? Wenn ich mir keinen Kopf über mein Alter mache, wieso beschäftigen sich dann etliche Forscher damit? Es wurden tatsächlich Angaben von einer Million Kindern ausgewertet und scheinbar war keins wie ich dabei. Ich bin schon immer die Jüngste gewesen. Vor einiger Zeit haben mir die Schulsekretärinnen sogar gesagt, dass ich ein Systemfehler bin. Mein Jahrgang passt nicht zur Klassenstufe! Bin ich deshalb unreif? Ich würde mal schwer behaupten, dass die Jungs in meiner Klasse definitiv unreifer sind. Pubertät halt! Das Geld, das man für diese Untersuchung ausgegeben hat, hätte man lieber in die Lern- und Leseförderung investieren sollen. Manch eine Schulbibliothek (wenn es überhaupt eine gibt) würde sich über eine Spende freuen. Ehrlich, ich mag zwar noch ein Kind sein, aber eins habe ich bereits begriffen: eine Statistik kehrt alle über einen Kamm und aus diesem Grund muss ich tagtäglich gegen Vorurteile kämpfen. Danke, liebe Forscher!

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