Zwischen Flutlicht und Dunkelheit

Es ist kurz nach sieben Uhr morgens, als Filip Javorović den Motor abstellt. Das Nachwuchsleistungszentrum des SSV Jahn, in dem er heute einen seiner Spieler treffen wird, liegt still da, noch leer. Der Himmel ist grau, die Luft kühl. Javorović bleibt einen Moment sitzen, die Hände noch am Lenkrad. Er kennt diesen Ort gut: Hier werden Träume geboren. Aber oft beginnen sie auch genau hier, zu zerbrechen.

Filip Javorović arbeitet als Spielerberater im Jugendbereich, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Kristian ist er Inhaber der Stuttgarter Agentur Sport Cycle. Seit einigen Jahren bewegt er sich zwischen Kabinen, Tribünen und Trainingsplätzen. Bei ihm stehen U-Nationalspieler unter Vertrag, aber auch Spieler, die in den Nachwuchsleistungszentren schwerere Zeiten erleben. Die Jungs würden teilweise in einer Blase, der „Fußball-Bubble“, leben, erzählt er, während wir das Gelände betreten. In den Nachwuchsleistungszentren werden die Spieler rundum versorgt, „sie müssen im Grunde nur in die Schule und zum Training, aber das ist halt nicht die Realität“.

Der stille Druck

Im Profifußball ist der Druck sichtbar: volle Stadien, Millionenverträge, überall Kameras. Im Nachwuchsbereich ist er leiser, aber oft mindestens genauso gnadenlos. Der Kampf um Einsatzzeiten, Profi- oder Sponsorenverträge beginnt früh. Mentale Gesundheit? Die wird dabei kaum thematisiert, zumindest nicht offiziell. „Es gibt keine aktiven Programme“, erklärt Javorović. Ab und zu sei ein Speaker da, doch meist gebe es „pädagogische Ansprechprechpartner, die dann teilweise auch als Sportpsychologen dienen“, auf die die Spieler zugehen können sowie, „je nach finanzieller Ausrichtung des Vereins, einen Sportpsychologen, der die Jugend und die Profis betreut“. Wirklich offen darüber gesprochen wird jedoch nicht, wer Hilfe sucht, tut dies meist heimlich. „Es wird erstmal eine SMS oder ein Anruf sein, das alles soll diskret passieren“. Der Grund: das Stigma. Noch immer gilt jedes Gespräch über mentale Belastung als Zeichen von Schwäche.

Dabei ist der Bedarf real. Studien und Vereinsprojekte wie die von Lina Bürger im Rahmen ihrer Masterarbeit 2023 belegen, dass psychische Beschwerden im Fußball längst kein Einzelfall mehr sind. So ergab die Studie unter anderem, dass unter den 205 Spielerinnen und Spielern der TSG Hoffenheim einige „Leistungssportler von Depressionen und Angstzuständen betroffen sein können“. Der Leistungsdruck und die ständige Bewertung prägen bereits die Jugendlichen.

Perspektive eines ehemaligen Profis

Sebastian Kneißl weiß, wie sich dieser Druck anfühlt. Mit 24 Jahren beendete er seine Karriere als Profispieler (FC Chelsea, Eintracht Frankfurt) wegen seiner Burn-out-Erkrankung. Heute ist er als TV-Experte beim Streamingdienst DAZN aktiv. „Ich hatte immer ein Thema mit dem Umgang mit Druck“, sagt Kneißl. „Damals gab es noch kein Social Media, es war nur der Kicker, der allein bewertet hat“. Eine schlechte Bewertung hat ihn „die ganze Woche über beschäftigt“. Durch Social Media sind die Kanäle heute mehr, die Stimmen lauter, die Urteile schneller. „Zum Großteil lesen die Spieler Dinge über sich und bekommen das schon mit, auch wenn sie immer sagen: „Nein, das interessiert mich nicht. Ich blende das aus.““

Gegenüber dem Stern bestätigte Nationalspieler Nick Woltemade in einem Interview kürzlich Ähnliches: „Das Fatale ist: Wenn du zehn super Geschichten über dich liest und dann plötzlich eine negative, kreisen deine Gedanken nur um diese eine schlechte Geschichte.“

Auf die Frage, ob mentale Gesundheit ein Tabuthema im Fußball ist, antwortet Kneißl: „Wir sind auf einem sehr, sehr guten Weg.“ Insbesondere die jüngere Generation hat verstanden, wie wichtig das Thema ist, dennoch bleibt die Unsicherheit. „Ein gebrochenes Bein ist einfach sichtbar, da weiß man, was damit zu tun ist.“ Bei mentalen Problemen ist das anders, daher wird es oft verschwiegen.

Javorović als Vermittler

Während auf dem Platz das Vormittagstraining beginnt, steht Javorović am Spielfeldrand. Der 30-Jährige ist kein Manager im klassischen Sinne, für seine Spieler ist er eine Vertrauensperson. „Wir haben mit all unseren Spielern einen wöchentlichen Austausch“, erzählt er. „Und wenn wir merken, dass jemand mal einen Höhenflug bekommt, weil man in der Nationalmannschaft gespielt oder einen Puma-Vertrag unterschrieben hat, dann bremsen wir sie auch schnell ein und versuchen, dass sie den Bezug ins reale Leben nicht verlieren.“ Seine Rolle ist es, den Spielern Stabilität zu geben, denn „seine Jungs“ sind nicht nur auf dem Weg, Profispieler zu werden, sondern immer noch pubertierende Kinder. Und trotzdem werden in dieser anspruchsvollen Zeit bereits Nachwuchsspieler aussortiert, weil sie nicht gut genug sind. Er erklärt, dass sich ein Verein nicht um alle 23 Spieler einer Mannschaft gleich kümmern kann, daher „gibt es bei den Top-Talenten viele Sonderbehandlungen, manche Spieler fallen dabei aber auch hinten über“.

Strukturen mit Rissen

Die größte Baustelle ist dabei das System selbst, denn „in den Vereinen gibt es eine finanzielle Ungleichheit“. Daher haben Vereine wie die TSG Hoffenheim viel mehr Möglichkeiten als kleinere Nachwuchsleistungszentren mit weniger Budget. Denn mentale Betreuung kostet Geld: ausgebildete Fachkräfte, Programme, Zeit. Wer sparen muss, spart daher oft an dieser Stelle. Bundesliga-Vereine wie der FC Augsburg oder die TSG Hoffenheim arbeiten nach eigenen Angaben bereits seit längerer Zeit mit Sportpsychologinnen und Sportpsychologen zusammen, um die Jugendlichen in den Nachwuchsabteilungen zu begleiten. Laut der Akademie des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) ist „jedes anerkannte Leistungszentrum in Fußball-Deutschland […] dazu verpflichtet, eine Stelle mit einer Sportpsychologin oder einem Sportpsychologen zu besetzen“. Flächendeckende Regelungen oder Konzepte lassen sich aufgrund des wirtschaftlichen Aspekts jedoch nur bedingt umsetzen.

Die Verantwortung der Medien

Kneißl sieht die Verantwortung auch in seiner eigenen Branche: „Denn auf der einen Seite steht die Schlagzeile bei den Medien. Auf der anderen Seite gilt es, wirklich darauf zu achten, ob die Schlagzeile überhaupt gerechtfertigt ist, da ist der Mensch. […] Das sind zwei Dinge, die sich beißen.“ Aufmerksamkeit sei jedoch die Währung der Medienwelt. „Da geht’s auch mal darum, ein Zitat aus dem Kontext zu nehmen, einfach nur um Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Er selbst steht heute zwischen diesen Welten: Er weiß, wie es ist, bewertet zu werden – und er weiß, wie leicht Bewertungen belasten können, wenn der Druck zu groß wird. „Wenn du dieses Konstrukt verstehst, dann kannst du damit umgehen“, sagt er. „Aber die Medien haben eine riesige Verantwortung.“

Zwischen Hoffnung und Pflicht

Das Training ist vorbei. Die Jugendlichen lachen ausgelassen, ein Trainer bespricht sich mit einem seiner Spieler, ein anderer schießt einen Ball über den Platz. Javorović bleibt stehen, beobachtet. Er kennt die Statistiken: Nur ein Bruchteil dieser Spieler wird es schaffen, einen der begehrten Profiverträge zu ergattern. Er kennt die Gesichter derer, die den großen Traum einer Profikarriere irgendwann begraben müssen – oft still, ohne Auffangnetz. „Wir versuchen immer, […] eine gewisse Grundreife zu erzielen“, sagt er, „ein Fundament dafür, mental stabil zu sein“. Er wirkt müde, aber nicht resigniert. Seine Art von Sieg wird nicht nur auf dem Platz gefeiert. Sie passiert auch leise, in Gesprächen und Momenten, in denen junge Spieler lernen, mit Rückschlägen richtig umzugehen und dass es kein Makel ist, sich dabei professionelle Hilfe zu holen.

Mentale Gesundheit ist im Fußball längst kein Randthema mehr, aber trotzdem noch immer kein selbstverständlicher Teil der Struktur. Es gibt viele Fortschritte, Studien, Projekte. Und es gibt Menschen wie Filip Javorović, die in den Rissen des Systems arbeiten, auffangen und stabilisieren. Als wir das Gelände verlassen, sehen wir ein Foto des Jahnstadions, in dem die Profis des SSV Jahn Regensburg ihre Spiele austragen. Hiervon träumen die Spieler, die Sport Cycle betreut: von Ruhm, vollen Stadien und Profiverträgen. Aber vielleicht wird auch irgendwann von etwas anderem gesprochen: von Angst, Überforderung und von Hilfe – nicht als Tabu, sondern als normalem Teil des Spiels.

Bis dahin sitzt Filip Javorović jeden Morgen in seinem Auto, schaut auf das Gelände und steigt dennoch aus. Jeden Tag.

Zwischen Torraum und Eisfläche:
Das außergewöhnliche Leben der Kathrin Lehmann

Wenn in München über Sport gesprochen wird, fallen schnell große Namen, große Arenen und große Titel. Doch manche Geschichten entfalten ihre Größe leiser und wirken dafür umso gigantischer. Die von Kathrin Lehmann ist so eine. Sie führt von olympischem Eis bis ins Tor des FC Bayern und erzählt von einer Frau, die sich nie bloß für eine Bühne entschied, sondern gleich mehrere eroberte.

Die bayerische Landeshauptstadt ist für viele Sportler und Sportlerinnen Durchgangsstation, Karrieresprungbrett oder Endpunkt. Für Kathrin Lehmann ist die Stadt Lebensmittelpunkt und Resonanzraum. Hier lebt die ehemalige Weltklasse-Athletin heute, hier ordnet sie ihre außergewöhnliche Laufbahn ein und prägt als Expertin die öffentliche Wahrnehmung des Sports mit.

Ein Karriereweg, der Regeln ignorierte

Was Lehmann erreicht hat, sprengt die üblichen Kategorien des Spitzensports. Bis heute ist sie die einzige Frau, die gleichzeitig auf höchstem Niveau Profi-Fußball und Profi-Eishockey gespielt hat. Die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey in der höchsten deutschen Spielklasse traf, zudem die einzige Frau, die in beiden Sportarten die Champions League gewann. Und die einzige Frau, die im selben Land parallel im Fußball und im Eishockey Meisterin wurde.

Während sich andere spezialisiert haben, kombinierte Lehmann beide Welten. Im Fußball stand sie im Tor, im Eishockey spielte sie als Stürmerin. Zwei Extreme, die sich für sie logisch ergänzten: „Alles, was ich trainiert habe, habe ich immer für beides trainiert“, sagt sie rückblickend. Das sei möglich gewesen, da die Torhüterposition im Fußball eine Maximal- und Schnellkraft-Position und Eishockey eine Maximal- und Schnellkraft-Sportart ist.

Und der Erfolg gab ihr recht. Lehmann spielte in vier Ländern, in ihrer Heimat, der Schweiz, Schweden, Deutschland und den USA – und in jedem dieser Länder gewann sie Teamtitel sowie individuelle Auszeichnung. 1999 wurde sie unter anderem zur Schweizer Fußballerin des Jahres gewählt.

Gänsehaut in Vancouver

Der emotionale Höhepunkt ihrer Karriere liegt für Lehmann in den Olympischen Spielen 2010, an denen sie auch schon 2006 mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft teilnahm. Als Kapitänin führte sie ihr Team in das Eröffnungsspiel gegen die Gastgeberinnen aus Kanada. „Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut“, erzählt Lehmann heute über die Atmosphäre bei diesem Match, „mehr geht nicht“. Ihre Schlittschuhe stehen heute im Olympischen Museum, ein stilles Zeugnis einer großen Karriere.

Und auch im deutschen Fußball schrieb Lehmann Geschichte. Zuvor hatte sie bereits lange in der Bundesliga gespielt, unter anderem für den FC Bayern München und den 1. FFC Turbine Potsdam. Dann, 2021, mit 41 Jahren, kehrte sie noch einmal auf die große Bühne zurück: als dritte Torhüterin des FC Bayern. Am Ende der Saison konnte sie sich mit den Münchnerinnen schließlich doch noch den Traum der Deutschen Meisterschaft erfüllen.

Studieren zwischen Trainingstaschen

Parallel zu all dem studierte Kathrin Lehmann Literaturwissenschaft, Mediävistik und Neue Geschichte. Sie lernte während Busfahrten und Trainingslagern, doch was für viele unvorstellbar klingt, war für sie Normalität. „Nie hat man so viel Zeit zu studieren, wie wenn man Spitzensportlerin ist“, sagt sie.

Eine Stimme mit Haltung

Auch nach dem Karriereende blieb Lehmann dem Sport treu. Heute ist sie eine feste Größe im deutschsprachigen Sportjournalismus, arbeitet als TV-Expertin und Kommentatorin unter anderem für das ZDF, MagentaSport und das Schweizer SRF. Ihre Analysen sind präzise, unaufgeregt, fundiert und geprägt von ihrer eigenen Erfahrung auf höchstem Niveau. Besonders im Frauenfußball ist sie eine der glaubwürdigsten Stimmen und ist sich auch nicht zu schade, kuriose Spielsituationen wie Alexandra Popps Hechtsprung bei der Fußball-Frauen-Weltmeisterschaft 2023 kurzerhand im Studio selbst nachzustellen.

Seit rund 20 Jahren organisiert sie zudem eigene Sportcamps für Mädchen und Frauen von jung bis alt. „Gemeinsam spielen, lachen, lernen“ lautet dabei ihr Leitsatz. Es geht ihr nicht nur um Technik, sondern um Selbstvertrauen, Gemeinschaft und Haltung.

Denn als Frau, die in männerdominierten Sportarten Fuß gefasst hat, kennt Lehmann auch die Schattenseiten. Sie spricht offen darüber, wie sehr Gleichberechtigung im Sportalltag noch immer vom guten Willen Einzelner abhängt. Ob bei der Kabinenaufteilung, der Platzvergabe oder bei grundsätzlichen Förderentscheidungen in Vereinen und Verbänden, vieles ist bis heute nicht selbstverständlich. Besonders prägend war für sie ein Satz aus ihrer Jugend: Sie dürfe nicht weiter Eishockey spielen, weil sie „einem guten Jungen den Platz wegnehmen“ würde. Ein Satz, der sinnbildlich für eine strukturelle Ungleichheit steht, die bis heute nicht vollständig überwunden ist.

Lehmanns Antwort darauf war jedoch nie Rückzug, sondern Leistung. „Wer sehr gut ist, dem öffnen sich Türen“, fasst sie nüchtern zusammen. Sie weiß zugleich, dass dieses Prinzip nicht für alle funktioniert und dass viele Talente auf der Strecke bleiben.

Ein Vorbild, das wirkt

Vielleicht liegt aber genau hier ihre größte Bedeutung: Kathrin Lehmann steht für eine Generation von Sportlerinnen, die sich ihren Platz nicht erbittet, sondern hart erarbeitet haben. Die Systeme nicht romantisieren, aber verändern wollen, und die heute als Expertinnen, Mentorinnen und Vorbilder Verantwortung übernehmen. Sie ist mehr als eine ehemalige Athletin, sondern eine Stimme des Sports, die über Titel hinaus wirkt. Und für junge Mädchen, die heute auf Eisflächen oder Fußballplätzen stehen, ist sie der Beweis, dass außergewöhnliche Wege erreichbar sind, auch wenn sie zunächst unmöglich erscheinen.

Interview mit Kathrin Lehmann

Ob als Expertin für die deutsche Nationalmannschaft sowie Welt- und Europameisterschaften beim ZDF, als Bundesliga-Expertin bei MagentaSport oder als Expertin für die Spiele der Schweizer Herren-Nationalmannschaft beim SRF: Wer (Frauen-) Fußball in Deutschland und der Schweiz verfolgt, kommt um Kathrin Lehmann nicht herum. Doch Kathrin Lehmann ist nicht bloß TV-Expertin, sondern eine sehr beeindruckende Sportlerin. Sie ist die einzige Frau, die sowohl in der höchsten deutschen Spielklasse im Fußball als auch im Eishockey einen Treffer erzielte, die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey den höchsten europäischen Club-Titel, die Champions League, gewann und zudem die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey gleichzeitig im selben Land Meister wurde. Kathrin Lehmann ist Schweizer Fußballerin des Jahres 1999 und hat die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft als Kapitänin zu den Olympischen Spielen geführt.

In unserem Gespräch hat sie mir erzählt, wie sie den Profifußball und den Profieishockey unter einen Hut bekommen hat, wie sie mit medialem Druck im Sport umgegangen ist und wie sie die Sportberichterstattung heute wahrnimmt.

Leo: Ich muss sagen, dass ich von Ihrer Karriere wirklich sehr, sehr beeindruckt bin. Ich habe mich gefragt, wie man das über so viele Jahre hinweg schafft, Profifußball, Profieishockey, Studium, Privatleben und und und allesamt unter einen Hut zu bekommen?

Kathrin Lehmann: Ich glaube, ich bin so ein bisschen ähnlich wie Sie. Ich mache etwas unglaublich gerne und dann lasse ich mir das von niemandem nehmen. Und ich habe eine Konstellation, die mir in die Karten gespielt hat, ohne die das gar nicht möglich gewesen wäre: Ich war im Fußball im Tor und im Eishockey im Sturm. Die Fußballposition ist eine Maximal- und Schnellkraft-Position und Eishockey ist eine Maximal- und Schnellkraft-Sportart. Das heißt, alles, was ich trainiert habe, habe ich immer für beides trainiert. Wäre ich im Fußball Außenverteidigerin gewesen, dann hätte ich das physisch nie und nimmer leisten können. Und so war es für mich einfach, am Freitagabend Eishockey zu spielen, am Samstag Fußball und am Sonntag wieder Eishockey. Weil das einfach eine ganz andere mentale Belastung ist, wenn ich im Fußballtor stehe. Ich hatte eine zweite Komponente, die mir sehr in die Karten gespielt hat: Ich war sehr gut. Das heißt, alle, die mich verpflichtet haben, wussten immer, man kauft das ganze Paket Kathrin Lehmann. Dadurch konnte ich immer recht gut verhandeln und es war eigentlich fast immer nur im März, April, wenn die Playoffs im Eishockey und die Eishockey-Weltmeisterschaft waren, dass es sich wirklich überschnitten hat. Ob ich im September, Oktober, November ein Eishockey-Spiel mehr oder weniger gespielt habe, war „nicht relevant“. Ich habe auch immer nur in Städten gespielt, wo beides auf höchster Stufe war und dann hatte ich ganz viel Glück mit den Spielplänen. Dass sowohl im Eishockey als auch im Fußball ein Heimspiel-Wochenende war. Dass ich nicht mit dem Fußball im Norden in Umeå war und ich hätte aber in Stockholm Eishockey gespielt. Es gab viele Zufälle, manchen Zufällen habe ich ein bisschen nachgeholfen, und so ist das gekommen. Und das Zweite ist: Nie hat man so viel Zeit, zu studieren, wie wenn man Spitzensportlerin oder Spitzensportler ist. Du verbringst so viel Zeit im Bus oder im Trainingslager und das ist etwas, um seine Gehirnzellen mit etwas anderem zu beschäftigen als nur mit Sprints von A nach B oder einem Pass von C nach D.

Leo: Das heißt, dass Sie die Inhalte für das Studium dann immer auf den Fahrten bearbeitet haben?

Kathrin Lehmann: Ja, ich war sehr, sehr kreativ, was Lernen anbelangt, auch schon während des Abiturs. Ich war in einer normalen Klasse, nicht in einer Sportklasse, und ich war schon immer sehr verspielt. Ich wusste, wenn mein Trainingsweg zehn Zugstationen hatte und ich musste Lateinvokabeln büffeln, dann habe ich zwischen Station eins und fünf die neuen Vokabeln gelernt, zwischen Station sechs und acht habe ich sie repetiert und zwischen Station neun und zehn waren die Wörter dran, die ich noch nicht konnte. Ich bin sehr kreativ im effizienten Nutzen von Zeit. Bei mir ist alles irgendwie ein Spiel. Deswegen habe ich gerne gelernt und lerne noch immer gerne. Ich habe viel gelernt und gelesen während Zugfahrten oder Krafttrainings. Mein erstes Studium war Literaturwissenschaften, Mediävistik und neue Geschichte – und Bücher lesen oder Texte schreiben, das kann ich überall.

Leo: Sehr beeindruckend. Sie haben den direkten Vergleich, weil Sie selbst sehr erfolgreiche Profispielerin waren und heute zahlreiche Spiele medial begleiten. Was würden Sie sagen, ist der größte Unterschied in der Sportberichterstattung? Was hat sich im Laufe der Zeit am meisten verändert, seit Sie mit dem Profisport begonnen haben?

Kathrin Lehmann: Social Media war und ist natürlich bahnbrechend für den Sport, insbesondere für den Frauensport, weil Social Media den Athletinnen und Athleten eine eigene Sichtbarkeit gibt. Dass ich damals 1999 eine eigene Webseite hatte, das war ja schon bahnbrechend, ich hatte einen eigenen Fanclub, ich habe Newsletter geschrieben. Dieses eigene Darstellen und die Sichtbarkeit des eigenen Tuns, das hat sich natürlich verändert. Ich finde, dass gerade im Frauenfußball, nehmen wir Deutschland, die EM 2022 für den Frauensport ein riesiger Turn Around war. Wir haben auch an der EM in diesem Jahr in der Schweiz gesehen, dass es sich von der Darstellung der Persönlichkeit der Spielerin, also der Geschichte an sich, zur sportlichen Analyse veränderte. Während die Berichterstattung früher einfach über die Persönlichkeiten war, haben wir jetzt Berichterstattung über den Sport. Natürlich immer noch mit dem Mitschwingen vom Persönlichen, genau das macht ja den Frauensport authentisch. Aber im Frauensport ist es angekommen, dass man hauptsächlich über das Sportliche berichtet, ohne die spannenden Hintergrundgeschichten zu vergessen.

Leo: Ich würde mal die These in den Raum stellen, dass trotzdem ein verstärkter medialer Druck auf den Spielerinnen lastet. Sie haben auch zahlreiche wichtige Turniere gespielt. Kann man den medialen Druck ausblenden oder belastet das einen vielleicht sogar? Wie kann man als Sportler oder Sportlerin damit zum Beispiel vor einem super wichtigen Spiel umgehen?

Kathrin Lehmann: Das ist sehr typenabhängig.

Leo: Und wie sind Sie damit umgegangen?

Kathrin Lehmann: Ich konnte das sehr gut ausblenden. Eine meiner großen Stärken war das Hier und Jetzt. Das hatte ich noch durch meinen permanenten Wechsel: Eishockey, Fußball, Eishockey, Fußball. Da war ich einem riesigen Druck ausgesetzt. Ich glaube, es geht auch darum, wie man mit den Medien umgeht und wie man sich selbst darstellt. Je realistischer man sich darstellt, desto weniger ist der Druck da und desto mehr verzeihen einem die Fans und die Medien, wenn es vielleicht mal nicht läuft. Ich glaube, gerade heutzutage mit Social Media, zahlt sich ehrliches Erzählen und ehrliche Selbstdarstellung auf den eigenen Plattformen aus in Momenten, wo es extrem ist. Ein Moment, der extrem ist, ist entweder der super Erfolg oder der super Misserfolg. Ich konnte super gut damit umgehen und ich kann nur bedingt nachvollziehen, wie sehr jemand daran zerbricht. Da ich immer Captain war und natürlich immer eine, die viel in den Medien war, auch schon zu meiner Zeit, haben sich natürlich viele unter meinem Flügel versteckt. Und das ist voll in Ordnung. Ich finde, jede Spielerin und jeder Spieler muss die Situation realistisch angehen: Kann ich damit umgehen, ja oder nein? Das ist ganz wichtig, das ist das Zentralste. Ich finde, jetzt sind wir in einer ganz spannenden Phase, denn nächste Woche spielt Deutschland gegen Spanien in der Nations League (Freitag, 28. November 2025, 20.30 Uhr). Und jetzt kommt diese Erwartungshaltung der deutschen Medien und der deutschen Gesellschaft, die momentan eigentlich keine Erwartungshaltung, sondern eher ein Wunsch, eine große Sehnsucht der deutschen Bevölkerung ist, die Besten zu sein. Jetzt spielt Deutschland gegen Spanien und ich glaube, dieses Spiel wird zeigen, inwiefern Medienarbeit gesteuert wird und wie dann tatsächlich der Showdown auf dem Platz ist. Das wird unglaublich spannend, zu sehen.

Leo: Welche Verantwortung tragen Medien und Journalisten und Journalistinnen Ihrer Meinung nach im Umgang mit Sportlern und Sportlerinnen und deren öffentlichem Bild?

Kathrin Lehmann: Eine sehr große Verantwortung. Auch ich als Expertin habe eine unglaubliche Verantwortung. Im Moment glaube ich, dass sehr viele Journalistinnen und Journalisten ihrer Sorgfaltspflicht wirklich sehr gut nachkommen. Es ist im Moment kein Sensationsjournalismus, sondern er ist momentan sehr realistisch, sachlich und behutsam. Das heißt, es ist ein guter Moment vor allem gegenüber dem Frauensport. Und sie tragen eine sehr große Verantwortung. Im Moment kann man als Journalistin oder Journalist im Frauensport, wenn wir jetzt insbesondere im Frauenfußball bleiben, sehr viel dazu beitragen, etwas aufzubauen, ohne sensationsgeil zu sein. Also sehr realistisch, kritisch, sorgfältig recherchiert, aber trotzdem dem Ganzen ein Bild und ein Gesicht gebend.

Leo: Sie haben das eben auch schon angesprochen, dass Sie die Sportberichterstattung in Deutschland und der Schweiz aktiv mitgestalten. Was würden Sie sich von der Sportberichterstattung der Zukunft wünschen, was würden Sie vielleicht gern verändern?

Kathrin Lehmann: Das ist eine gute Frage. Ich bin eben vielleicht auch zu sehr schon mittendrin mit allem. Ich finde, bleiben wir im Frauenfußball, dass da viele Journalisten und Journalistinnen doch schon seit einigen Jahren – und einige Jahre heißt für mich fünf aufwärts – in dem Geschehen drin sind und bei der Entwicklung, die seit 2022 passiert, dabei sind und deshalb alles gut einordnen können. Was wünsche ich mir? Dass auch die anderen Sportarten Journalistinnen und Journalisten haben, die aus der Sportart kommen und das Wachsen einordnen können. Ich finde das sehr spannend, ich kann das ja auch beurteilen, weil ich seit zehn Jahren Expertin der Herren-Nationalmannschaft der Schweiz bin. Ich begleite die Schweizer Herrennationalmannschaft teilweise länger als viele junge Journalisten und Journalistinnen von großen Tageszeitungen. Die können manche Dinge nicht in den Kontext setzen von vor vier oder fünf Jahren. Deswegen wünsche ich mir, dass solche „Journalistinnen-Dinos“ oder „Journalisten-Dinos“ in jeder Sportart noch lange mit dabei sind, die permanent etwas einordnen können.

Leo: Gerade die Entwicklung im Frauenfußball ist, wie Sie sagen, im Laufe der Jahre auch sehr beeindruckend zu sehen, da hoffe ich auch, dass sich da weiterhin ganz viel tut. Das ist gerade für ein Fußball spielendes Mädchen spannend, das so von außen zu beobachten.

Kathrin Lehmann: Absolut.

Leo: Sie veranstalten in der Schweiz seit 20 Jahren Ihre eigenen Sport-Camps. Was ist Ihnen am wichtigsten, den Teilnehmerinnen von jung bis etwas älter im Fußball und Eishockey mitzugeben?

Kathrin Lehmann: Gemeinsam spielen, lachen, lernen.

Leo: Das ist doch schön. Ich habe auch ganz lange Fußball gespielt und am Anfang auch recht lange in einem Jungsteam. Da haben die Spieler und Eltern der gegnerischen Teams schon immer mal wieder komisch geschaut, was denn das kleine 5-jährige Mädchen da eigentlich mitmischen will. Es hat sich in den letzten Jahren auf jeden Fall gebessert, aber sowohl der Fußball als auch Eishockey sind tendenziell doch eher männlich dominierte Sportarten. Sie haben auch als Frau in Männermannschaften gespielt. Wie war das so? Haben Sie da mal schlechte Erfahrungen damit gemacht? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Kathrin Lehmann: Es ist nach wie vor so, da müssen wir uns nichts vormachen. Auch der Fußball, auch wenn der Frauenfußball da auf einem vorstehenden Ast ist, ist immer noch männlich dominiert und das wird auch erstmal so bleiben. Wir sind zwar weit, aber so weit, dass wir sagen, es ist das Normalste auf der Welt, dass alle Mädchen auf dem Land Fußball spielen und dass man da einfach hinkommen kann, so weit sind wir noch nicht. Da dürfen wir nicht die Augen verschließen und alles gutreden. Das hat auch mit Kabinenaufteilung, Platzaufteilung und so weiter zu tun, auch im Eishockey, da sind wir noch meilenweit davon entfernt. Ich muss das leider immer wieder sagen, was heißt leider, aber ich war halt einfach gut, ich war sehr gut. Und wenn man gut ist, hat man nie ein Problem. Deswegen hatte ich insofern eigentlich keine verschlossenen Türen. Außer selbstverständlich dann irgendwann im Eishockey zwischen 14 und 16, als es hieß, ich darf nicht im A-Team spielen, weil ich einem guten Jungen den Platz wegnehme. Aber immer, wenn es um Auf- und Abstieg ging, dann musste ich natürlich schon schnell ins A-Team gehen. Also wenn es um Meistertitel ging oder darum, nicht abzusteigen, dann wurde ich immer hochtransferiert, weil ich eben doch die Beste war. Das ist mir schon widerfahren und ich weiß, dass es auch jetzt noch der Fall ist. Dieser Satz „Du nimmst einem guten Jungen den Platz weg!“, wird auch heute noch oft ausgesprochen.

Leo: Das ist tatsächlich einfach sehr schade.

Kathrin Lehmann: Ja und das ist immer noch so. Und solange da nicht in den Vorständen oder in der Geschäftsleitung einfach eine wertfreie Kultur gelebt wird, wird das weiterhin so bleiben. Es gibt auch viele coole Geschäftsführerinnen – meistens Geschäftsführer – oder Vorstände, aber momentan geht es meistens noch immer um das Geld, ob ich irgendwann mit irgendjemandem etwas verdienen kann. Und auch wenn alle Statistiken zeigen, dass es vielleicht nicht mal ein Prozent aller Jungen ist, die Fußball spielen, die überhaupt mal irgendwas machen. Und dennoch verschließt man sehr guten Mädchen fast alle Türen.

Leo: Dann ist es natürlich trotzdem schön, Vorbilder wie Sie im Sport zu haben.

Kathrin Lehmann: Dankeschön.

Leo: Sie waren 2006 (7. Platz) und 2010 (5. Platz) mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Turin und Vancouver. Man hört immer in den Medien von Olympia-Teilnehmern und -Teilnehmerinnen, wie sehr sie diese Erfahrung geprägt hat und was für ein besonderes Erlebnis diese Veranstaltung ist. Was sind Ihre besten Erinnerungen an die Turniere?

Kathrin Lehmann: Vancouver 2010, in der Geburtsstadt des Eishockeys an Olympischen Spielen teilzunehmen, ich war Kapitänin der Schweiz und wir hatten das Eröffnungsspiel gegen Kanada, also da kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Ich meine, mehr geht nicht. Ich glaube, das ist mit das Größte und Emotionalste, was es gibt, was in unserer Reichweite war – es war verwegen, zu sagen, wir holen Olympia-Gold -, das habe ich erreicht. Ich bin unendlich dankbar, dass ich zweimal an den Olympischen Spielen teilnehmen konnte, weil du brauchst die ersten, um das Ganze einmal zu verarbeiten und um zu wissen, wie das alles läuft. Und beim zweiten Mal kannst du es richtig genießen.

Leo: Und es war ja auch recht erfolgreich.

Kathrin Lehmann: Ja, ich meine, wir haben zwei Olympische Diplome geholt, ich habe Tore erzielt, meine Schlittschuhe sind im Olympischen Museum, also es ist cool.

Leo: Sie wurden 2021 vom FC Bayern München angefragt, ob Sie nochmal als dritte Torhüterin einspringen könnten und sind dann am Ende der Saison mit 41 Jahren doch noch deutsche Meisterin geworden. Das sind alles wirklich beeindruckende Dinge, die Sie erreicht haben. Und durch den Sport haben Sie auch viele Orte gesehen. Ich habe gelesen, dass es ein Wunsch von Ihnen war, unter anderem in Schweden zu spielen. Gibt es rückblickend auf Ihre Sportkarriere vielleicht aber eine Sache, für die Sie bis heute am meisten dankbar sind, sie durch den Sport erlebt zu haben?

Kathrin Lehmann: Ich bin dankbar für meine Karriere. Und ich würde es wieder so machen, ich bereue nichts. Ich habe in vier verschiedenen Ländern gelebt. Also ich habe nicht nur dort gespielt, ich habe in vier verschiedenen Ländern gelebt: Schweiz, Schweden, Deutschland, USA. Und ich habe es geschafft, in jedem Land einen Titel mit dem Team und einen individuellen Titel zu gewinnen. Das heißt, es ist mir gelungen, meine eigene Identität zu bewahren und diesen Mehrwert, was es bedeutet, als Ausländerin in einem Land zu spielen – da ist der Druck unweigerlich größer -, ich habe meine Identität bewahrt, aber es geschafft, mich der Kultur anzupassen und daraus etwas mitzunehmen. Ich glaube, diese Fähigkeit oder dass ich das geschafft habe, ist wahrscheinlich auch die Gabe, die ich auch jetzt in meinem Leben genieße. Ich weiß, dass ich ich bleiben kann, aber ich bin fähig, zu adaptieren – egal, welche Kultur um mich herum ist.

Leo: Das ist einfach sehr cool. Vielen Dank für die spannenden Einblicke!

Während unseres Gesprächs ist mir wieder einmal klar geworden, was der Sport alles bewegen und auch was er für eine tolle Plattform sein kann. Auch wenn der Frauensport noch einen langen Weg gehen muss, bin ich als angehende Sportjournalistin sehr froh, dass es Vorbilder wie Kathrin Lehmann gibt, die die Sportberichterstattung erfrischend und fachlich präzise besser machen.

Interview mit Sebastian Kneißl

Sebastian Kneißl kommt aus der Jugend von Eintracht Frankfurt und hat beim FC Chelsea in England, in Schottland, Belgien und Deutschland Fußball gespielt. Mit 24 Jahren hat er seine Profi-Karriere beendet, erlitt wenig später ein Burnout. Seitdem arbeitet er in Karriere-Mentorings eng mit Sportlern und Sportlerinnen sowie Unternehmen zusammen, um seine Erfahrungen weiterzugeben. Seit 2016 ist Sebastian Kneißl außerdem TV-Experte bei DAZN und begleitet und kommentiert für den Streamingdienst regelmäßig sowohl Bundesliga- als auch Champions League-Spiele.

In unserem Gespräch hat er mir erzählt, was er in seinen Coachings weitergibt, was er sich von der Sportberichterstattung wünscht und wie er sich auf seine Einsätze bei DAZN vorbereitet.

Foto: Luca Weigand

Leo: Du hast bei Chelsea mit Fußball-Legenden wie Frank Lampard, John Terry oder Gianfranco Zola gespielt, hast unter Trainern wie Mourinho trainiert, was sind die größten Learnings, die du mitgenommen hast?

Sebastian Kneißl: Tatsächlich hat das ewig gedauert, bis ich das überhaupt verstanden habe, was die Jungs und Mädels auf dem Level machen. Das ist eine ganz langweilige Antwort. Die Basics, die halten sie tatsächlich auf einem sehr hohen Level und das jeden Tag. Dass sie es einfach schaffen, erstmal konstanten Output zu generieren, der total langweilig erscheint, der gar nicht so spektakulär ist und gleichzeitig immer dieses „mehr machen als die anderen“. Bei Frank Lampard war es, sich jeden Tag zehn Bälle zu nehmen und die Weitschüsse zu trainieren, bei John Terry waren es die Abwehraktionen. Ein José Mourinho, der sich immer wieder hinterfragt, was er besser machen kann. Das habe ich vielleicht ein bisschen zu spät gemerkt, wie wichtig es ist, neugierig zu bleiben.

Leo: Profitierst du davon bis heute?

Sebastian Kneißl: Gott sei Dank hat die DAZN-Karriere angefangen, das heißt, ich kann das letzten Endes seit 2016 wieder leben beziehungsweise mitgeben. Es ist ja nicht nur die DAZN-Experten-Nummer, sondern ich begleite auch Spieler und Spielerinnen auf dem Weg, teilweise auch Eltern, und da ist das natürlich ein zentraler Punkt.

Leo: Du sendest fast jedes Wochenende aus einem anderen Stadion. Hast du mal nachgezählt, in wie vielen Stadien du schon warst?

Sebastian Kneißl: Tatsächlich nicht. Es gibt in der Bundesliga ein Stadion, das ich noch nie besucht habe. Vor ein paar Wochen war es noch der HSV, da war ich davor auch noch nie. Aber es ist tatsächlich Werder Bremen.

Leo: Echt? Das ist überraschend!

Sebastian Kneißl: Da hatte ich noch nie einen Einsatz. Ansonsten kann ich es dir wirklich nicht sagen. Das waren so viele und ich kann es dir schon gar nicht sagen, wie viele Einsätze es waren. Es waren mehr als 400 mittlerweile, das weiß ich, aber genau kann ich es dir nicht sagen.

Leo: Welches war das beeindruckendste oder schönste Stadion, in dem du bisher warst?

Sebastian Kneißl: Da kann ich dir sofort nur ein Stadion nennen und zwar Celtic (Celtic Park in Glasgow). Das war in der letzten Saison in der Champions League, ich glaube, es war gegen RB Leipzig. Oh mein Gott, das war das erste Mal, dass ich Tränen in den Augen hatte. Man muss aber den Kontext dazu packen: Der Celtic-Trainer war mein ehemaliger Trainer bei Chelsea, Brendan Rodgers. Der Physio war damals noch bei Chelsea mein Physio.

Leo: Dann ist das nochmal echt was Besonderes.

Sebastian Kneißl: Genau! Ich mag die Atmosphäre dort und das war einfach ein Moment bei diesem „You’ll never walk alone“, da kommt kein Stadion heran, auch Liverpool nicht. Ich habe damals mit Chelsea im FA Youth Cup ein Spiel im Anfield gespielt, da war logischerweise nichts los, es waren vielleicht 3.000 oder 4.000 Leute dabei. Das war schon cool, da rauszulaufen und dieses Schild „This is Anfield“ zu berühren. Auch wenn man das als Auswärtsmannschaft nicht darf, aber ich hab’s trotzdem gemacht. Das war schon besonders, aber Celtic muss ich nennen.

Leo: Cool! In Liverpool war ich auch schon mal bei einem Spiel und bei Celtic war ich erst in diesem Sommer, aber nicht bei einem Spiel, sondern nur beim Stadion.

Sebastian Kneißl: Hast du eine Stadionführung gemacht? Oder warst du nur außerhalb?

Leo: Leider nur außerhalb. Aber ich mag das ganz gern, egal, wo ich in den Urlaub gehe, die Fußballstadien zu besichtigen.

Sebastian Kneißl: Stark. Also wenn du es irgendwann schaffst, auch wenn kein Spiel ist, eine Stadionführung zu machen, musst du das auf jeden Fall machen. Das ist so der besonderste Spielertunnel, den ich bis jetzt gesehen habe. Es gibt mittlerweile viele moderne Spielertunnel, in denen auch die Zuschauer sind. Zum Beispiel in Stuttgart oder bei Tottenham ist es so, dass die Zuschauer dich sehen können, wenn du rausläufst. Eigentlich wie in einem Käfig.

Leo: Ich komme ja aus Stuttgart und das war hier in den Nachrichten auch Thema, dass das wie im Zoo sei.

Sebastian Kneißl: Genau, da ist der Porsche Tunnel Club drin. Und bei Celtic ist es super eng, also du kannst nicht nebeneinander durchlaufen und musst quasi hintereinander wie im Reißverschlussverfahren laufen. Entlang des Tunnels sind lauter Fliesen mit den Namen der verstorbenen Celtic-Fans. Oh mein Gott, also wenn du das weißt…

Leo: Das ist krass!

Sebastian Kneißl: Du läufst da so vorbei, und da ist so viel Geschichte – das ist in Großbritannien ja generell so.

Leo: Neben deiner Tätigkeit als TV-Experte bist du auch Sport-Mentaltrainer, was ist dir am wichtigsten, in deinen Coachings zu vermitteln, gerade wenn du mit Sportlern und Sportlerinnen zusammenarbeitest?

Sebastian Kneißl: Ich habe tatsächlich mit Mentaltraining angefangen, das ist jetzt fast zehn Jahre her, einfach nur, um zu hinterfragen, was ich eigentlich will, wie meine Karriere war und wo ich falsch abgebogen bin. Um erstmal grundsätzlich ein Verständnis dafür zu haben, weil ich gemerkt habe, dass der Kopf das Unmittelbare ist und sehr, sehr viel steuert. Dadurch hat sich dann mehr so ein Individualtraining ergeben. Ich habe dann irgendwann gedacht: „Okay, jetzt mache ich auch Mentaltraining, weil ich die Ausbildung dafür habe.“ Das hat Spaß gemacht. Ich habe aber gemerkt, dass es nicht der einzige Punkt ist, den du im Fußball brauchst, und habe es dann ein bisschen weiterentwickelt. Ich nenne es mittlerweile eher Karriere-Mentoring statt Mentaltraining. Das arbeitet auf drei Säulen: Mindset, Kommunikation und Strategie. Und gerade das Mindset ist logischerweise der Anfang. Kleine Story dazu, diesmal nicht bei Celtic, sondern ein paar Tage vorher im Ibrox (Stadion der Glasgow Rangers). Da habe ich als Spieler mein erstes Spiel vor 50.000 Menschen gemacht. Ich merkte beim Warm-up, alles ist cool, in Schottland ist ja niemand im Stadion, da ist alles leer, das ist anders als in Deutschland. Ich merkte, es ist alles gut, ich stand in der Startelf und hatte ein paar Tage vorher gegen Celtic getroffen. Ich gehe dann in die Kabine rein, um das Trikot und Schienbeinschoner anzuziehen, fertig machen und als dann die Sirene ertönt, um rauszukommen, merke ich – ich spüre -, wie die 50.000 auf einmal im Stadion sind. Ich habe gemerkt, wie die Wände wackeln und in dem Moment bin ich komplett eingefroren, ich konnte mich wirklich für ein paar Sekunden gar nicht mehr bewegen. Da habe ich gemerkt, dass ich so nervös war und damit einfach nicht umgehen konnte, daran wollte ich arbeiten. Das ist der zentrale Punkt, dass ich mit den Jungs und Mädels am Anfang daran arbeite, wie man Situationen bewertet. Du hast immer die Wahl, Situationen positiv oder negativ, wenn wir es jetzt mal einfach halten, zu bewerten und damit steuerst du auch deinen Umgang mit der Situation.

Leo: Kann man den medialen Druck, der auf vielen Sportlern und Sportlerinnen lastet, ausblenden oder belastet das einen? Wie kann man als Sportler oder Sportlerin damit zum Beispiel vor einem super wichtigen Spiel umgehen?

Sebastian Kneißl: Jetzt ist es ja spannend, weil ich mit 24 Jahren aufgehört habe, professionell Fußball zu spielen. Ich habe wirklich auch bewusst die Entscheidung getroffen, wo ich hin möchte. Ich bin nicht der Monsterspieler geworden nach diesen fünf, sechs Jahren als Profi. Und gleichzeitig habe ich auch immer ein Thema gehabt mit dem Umgang mit Druck. Wenn sich jemand im Stadion gemeldet hat oder damals war es noch der Kicker, der allein bewertet hat. Da gab es noch kein Social Media. Und wenn ich beispielsweise beim Kicker eine 3,5 bekommen habe und gemeint habe, dass das schon ein Spiel war, wo ich eine 2,5 verdient hätte, dann hat mich das die ganze Woche über beschäftigt. Ich habe dann irgendwann hinterfragt, wer denn überhaupt diese Noten macht und so weiter. Daher ist es natürlich spannend, dass ich jetzt auf der anderen Seite bin und ich das Ganze bewerten muss. Und zum Großteil lesen die Spieler Dinge über sich und bekommen das schon mit, auch wenn sie immer sagen: „Nein, das interessiert mich nicht. Ich blende das aus.“

Leo: Das ist echt interessant, man hört ja, wie alle Spieler immer sagen, dass sie sich Social Media-Kommentare nicht anschauen, weil es einen runterzieht oder zu sehr pusht.

Sebastian Kneißl: Wenn ich mit den Jungs spreche, ist natürlich immer die Frage, was der Grund dafür ist, dass sie sich das anschauen. Wenn wir ehrlich sind, liest du natürlich gern positive Dinge, aber insgeheim suchst du irgendwo nach jemandem, der mich nicht mag, nach einem negativen Kommentar. Das hat logischerweise einen Effekt. Da brauchst du tausende positive Kommentare, um diesen einen irgendwie zu löschen. Und den vergisst du gar nicht mehr, den kannst du gar nicht löschen. Das ist dann wirklich die bewusste Entscheidung, auch zu sagen: „Nein, ich schaue das wirklich nicht an.“ Das habe ich beispielsweise auch bei mir am Anfang bei DAZN gemacht. Am Anfang habe ich immer geschaut, ob ich gut ankomme, alles gepasst hat, wie die Leute denken und habe dann natürlich auch negative Kommentare gelesen, die sind zwangsläufig da drin. Und das hat mich dann beschäftigt. Bei Medienpsychologie geht es darum, wirklich auch darauf zu achten, gerade als Spieler. Da geht es einmal beim Kicker um die inhaltliche Bewertung oder eben bei Social Media und da ist es wirklich ein mini, mini, mini Bereich, in dem konstruktiv inhaltlich kommentiert oder bewertet wird.

Leo: Wie viel Einfluss nimmt die mediale Sportberichterstattung, ob Social Media oder traditionelle Sportberichterstattung, auf das Verhalten der Sportler und Sportlerinnen?

Sebastian Kneißl: Inhaltlich, also auf dem Spielfeld, glaube ich, dass es nichts weiter macht. Du hast ja deine Abläufe, du hast deine Inhalte, die du trainierst, wie du dich auf den Gegner vorbereitest und das versuchst du dann umzusetzen. Es ist tatsächlich so, so habe ich es zumindest kennengelernt, dass du auf den Platz gehst und du bist so nervös vorher, du bist vielleicht auch mal in einer Pause nervös, aber wenn du auf dem Platz bist, blendest du es dann meistens aus.

Leo: Also kann man das dann tatsächlich ausblenden?

Sebastian Kneißl: Ja, schon. Interviews danach sind aber ein großes Thema. Das hast du bestimmt auch schon gemerkt, dass du da viele Floskeln hörst. Da gibt es auch zwei, drei, mit denen ich daran arbeite, dass sie einfach wieder stärkere Interviews geben, weil es auch das Thema Branding nach vorne bringt. Je besser du Interviews gibst… Nenne mir mal einen deutschen Profi, der richtig starke Interviews gibt, da gibt es normalerweise eigentlich nur einen.

Leo: Thomas Müller.

Sebastian Kneißl: Genau. Thomas Müller hat sich bei Interviews diese Brand geschaffen. Genauso wie ein niederländischer Spieler, der bei den Bayern rechts außen gespielt hat und immer nach innen gezogen ist und mit links abgeschlossen hat, den Namen wirst du mir sicher auch gleich sagen können.

Leo: Arjen Robben.

Sebastian Kneißl: Genau. Er hat sich damit eine Marke geschaffen. Thomas Müller profitiert, jetzt ist er ja logischerweise im Ausland, nicht nur durch seine Spielweise, sondern ganz besonders durch seine Art und Weise, wie er Interviews gibt – nach der Karriere. Er wird jetzt immer wieder Experten-Jobs bekommen und zwar keine für 2.000 €, sondern er kriegt dann vielleicht sechsstellig pro Einsatz. Alles bewusst deshalb, weil du sagen kannst, dass er dir interessante Interviews gibt. Das bewusst zu steuern, er traut sich und er hat auch das Wissen, wie er damit umzugehen hat – ganz viele wissen und kennen eben nicht den Umgang mit Social Media oder auch generell mit den Medien und können das nicht ganz so gut steuern. Dann gehen sie auf Nummer sicher, um sich nicht angreifbar zu machen und dann siehst du eben ganz viele Floskeln. Weil sie auch wissen: „Okay, wenn ich jetzt wieder was raushaue, gibt es wieder einen Shitstorm, gibt es wieder irgendwelche Kommentare, dann muss ich wieder beim Pressesprecher oder beim Vorstand antanzen, was hast du denn da wieder gesagt und ich muss Angst um meine Position in der Mannschaft haben.“ Das ist dann schon wieder im Kopf.

Leo: Das heißt also eher ums Spiel herum und nicht, dass man irgendwas verstärkt auf Social Media gelesen hat und sich dann im Privatleben oder im Training in der Spielweise davon beeinflussen lässt?

Sebastian Kneißl: Es gibt Spieler, die sehr verbissen sind, beispielsweise ein Joshua Kimmich oder ein Dominik Kohr, der weit über hundert gelbe Karten gesammelt hat. Je nachdem, wie das ist, entwickelt sich in Phasen eine gewisse Dynamik, die, wenn es Social Media nicht gäbe… Wie alt bist du, 16?

Leo: Genau, ich bin 16, ich bin im Prinzip damit aufgewachsen.

Sebastian Kneißl: Du kennst es in dem Fall ja gar nicht ohne Social Media. „Damals“ war es sehr ruhig, du hattest letztlich nur SPORT BILD, den Kicker und sonst gab es eben nichts.

Leo: Gut, vielleicht noch die Fernsehberichterstattung, aber es war schon deutlich weniger.

Sebastian Kneißl: Es konnte keine Dynamik aufkommen im Vergleich zu dem, was es jetzt gibt. Natürlich bekommen das die Spieler mit und dann musst du da eine Entscheidung treffen, möchtest du das weitermachen oder nicht. Ein Joshua Kimmich hat das schon gemerkt, auf wirklich harter, harter Ebene, wie das wahrgenommen wird. Er hat Teile verändert, das weiß ich, aber trotzdem ist er immer noch dieser Verbissene geblieben. Früher war es von der Körpersprache deutlich negativer, wenn du darauf achtest, wie er gestikuliert – auch zu seinen Mitspielern. Das wurde ihm negativ angekreidet und das hat er komplett verändert. Er ist unterstützend geworden und er hat jetzt diesen Switch gemacht, eben mehr auf die Schiedsrichter oder die Mitspieler zu gehen (lacht). Damit wird es schon etwas anders bewertet. Also ja, es beeinflusst schon ein bisschen.

Leo: Weil du das eben angesprochen hast, ich finde es auch sehr spannend, dass sich manche Spieler in Interviews an Floskeln halten oder wie Thomas Müller außergewöhnlichere Interviews geben – und dann gibt es aber Spieler wie Michael Olise, der einfach gar keine Interviews gibt.

Sebastian Kneißl: Das finde ich extrem spannend. Er spricht ja sensationelles Englisch, ist, glaube ich, auch familiär bedingt.

Leo: Ja, er ist in England aufgewachsen.

Sebastian Kneißl: Genau, Französisch, Englisch. Ich weiß nicht, ob du dann einfach die Route nimmst „okay, ich spreche die Sprache nicht“, wobei es mit dem Englischen ja total easy wäre.

Leo: Heutzutage spricht eigentlich jeder Profispieler mehr oder weniger Englisch.

Sebastian Kneißl: Es ist bei den meisten Vereinen fast schon die Kabinensprache. Wenn du es komplett durchziehst, kann das auch zu einer Marke werden und leider Gottes ist der Fußball nun mal mittlerweile auch so weit, dass du größer denken musst als nur inhaltlich. Weil es nach dem Fußball Möglichkeiten gibt. Mit Mitte 30 bist du irgendwann fertig und was machst du denn dann? Natürlich haben die meisten Bundesliga-Profis dann genügend Geld auf der Seite, um das Ganze entspannt zu machen, aber du willst ja auch mehr machen. Selbstwertgefühl ist ein Thema, du möchtest einen Wert haben. Das ist natürlich auch schwer zu verstehen, dann zu sagen: „Lass uns mal an deiner Interviewarbeit feilen.“ Ja, es ist eine Marke, bei einem Olise finde ich es auch interessant. Ich würde mir halt wünschen, dass gerade die Jungs, die ein Gespür für Kommunikation haben und vielleicht auch taktischer Natur verstehen, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen jetzt intelligenter sind und auch einfach bessere Interviews haben wollen. Dann zu sagen: „Geil, das mache ich mir zunutze. Ich weiß, was ich zu sagen habe oder ich weiß, wie ich es verpacken kann und werde dadurch noch interessanter.“ Das ist auch wirklich die Möglichkeit, online davon zu profitieren. Ich sage dir mal ganz ehrlich: Meine Frau spielt selbst professionell Fußball und sie ist total verhalten, was Social Media betrifft. Sie macht das richtig gut, es sind immer tolle Beiträge und ich sage dann immer: „Warum antwortet ihr nicht auf Kommentare?“ Es ist natürlich auch Arbeit, aber wie krass wäre das, zu sagen, ich beantworte die ersten fünf oder zehn Kommentare unter jedem Post. Du würdest noch mehr Traffic generieren, du würdest noch mehr Leute anziehen. Es wäre ein noch größeres Vertrauensverhältnis. Stichwort Community, Vertrauensbildung,…

Leo: Das ist ja genau die spannende Dynamik an Social Media.

Sebastian Kneißl: Absolut! Wenn ich jetzt noch Profi wäre, würde ich es genauso machen! Du merkst, bei so einem Thema habe ich Lust, darüber zu reden, das finde ich spannend.

Foto: Luca Weigand

Leo: Ich auch. Machen wir jetzt aber trotzdem mal wieder einen etwas krasseren Themenwechsel. Würdest du sagen, dass mentale Gesundheit und psychische Erkrankungen im Fußball noch immer ein Tabuthema sind?

Sebastian Kneißl: Wir sind auf einem sehr, sehr guten Weg. Weil speziell auch die jüngere Generation einfach verstanden hat, wie wichtig das ist, aus dieser Kraft schöpfen zu können, sie verstehen, was damit auch gemeint ist. Wenn ich jetzt meinen Papa als Referenz nehme, der Mitte, Ende 60 ist und einfach noch so erzogen wurde: „Nicht jammern, weitermachen!“ Dann ist das in Teilen auch richtig, absolut, aber über das Thema mentale Gesundheit wurde nie gesprochen, da wurde sich nie damit auseinandergesetzt. Das ist schade, weil auch da eben Potenzial verloren geht und auch das Risiko besteht, dass du damit irgendwann ein Thema entwickelst. Deshalb sehe ich uns schon auf einem sehr guten Weg. Viele Athleten und Athletinnen nutzen das Ganze auch schon, aber klar, es könnte noch deutlich mehr werden. Es ist weiterhin ein Tabuthema, weil es nicht greifbar ist. Ein gebrochenes Bein ist einfach sichtbar, da weiß man, was damit zu tun ist. Aber bei einem mentalen Thema weiß es halt keiner. Ich glaube also, es ist eher Unsicherheit, man weiß nicht, wie man es ansprechen soll und deshalb wird es eher verschwiegen.

Leo: Was könnten denn die Medien bei der Sportberichterstattung machen, um Spieler und deren mentale Gesundheit mehr zu schützen?

Sebastian Kneißl: Jetzt kommen wir in einen großen Konflikt bei der ganzen Nummer. Denn auf der einen Seite steht die Schlagzeile bei den Medien. Auf der anderen Seite ist es, wirklich darauf zu achten, ist die Schlagzeile überhaupt gerechtfertigt und da ist der Mensch. Du siehst sofort, das sind zwei Dinge, Schlagzeile und der Mensch, das beißt sich. Denn es geht hier darum, wir wollen Aufmerksamkeit. Da geht’s auch mal darum, ein Zitat aus dem Kontext zu nehmen, einfach nur um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ein aktuelles Beispiel ist Uli Hebel, ein Kommentatorenkollege, der mit Fred Luhede einen Podcast gemacht hat. Super Format, sensationell gemacht. Fred hat natürlich für Social Media immer wieder Teile rausgeschnitten und da ging es darum, ob Uli die Sponsorennamen der Stadien nennt, Deutsche Bank Park, Allianz Arena. Er hat sich bewusst dagegen entschieden. Er sagt dann Waldstadion oder Stadion in Fröttmaning. Er würde nicht MHP Arena sagen, sondern es dann Neckarstadion nennen. Da hat sich dann eine krasse Dynamik entwickelt, weil alle sagen: „Was ist das für ein Depp? Was soll denn der Scheiß?“ Uli sagt: „Hey, der Verein hat den Deal mit diesem Unternehmen und bekommt Geld. Wenn ich das nenne, bekomme ich aber kein Geld dafür.“ Völlig legitim, aber es wurde dieser Teil rauskopiert und jetzt gibt es natürlich einen Shitstorm gegen Uli. Dann musste er drunter schreiben: „Stopp, stopp, stopp! Das war alles im Kontext, bitte hört euch den ganzen Podcast an.“ Uli hat jetzt also ein Thema, das ihn zwangsläufig mental beschäftigt nur aufgrund dieses einen Zitats. Und so funktionieren letztlich die Medien. Es ist deutlich mehr Angebot, das heißt, um rauszustechen, attraktiv zu bleiben, braucht es Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit kommt über Schlagzeilen, das kennst du alles. Auf der anderen Seite ist jetzt natürlich der Mensch da, und wenn du es als Mensch auf der anderen Seite besser verstehst, dass nicht die Person, also dieses ganze Konstrukt, angegriffen wird, sondern vielleicht nur ein Teil, dann kannst du damit umgehen. Aber die Medien haben eine riesige Verantwortung, die aufgrund des Wettbewerbs schon auch mal vergessen wird. 

Leo: Das wäre meine nächste Frage gewesen, welche Verantwortung Medien und Journalisten und Journalistinnen deiner Meinung nach im Umgang mit Sportlern und Sportlerinnen und deren öffentlichem Bild tragen. Das heißt, du würdest dir wünschen – du hast vorhin Joshua Kimmich als Beispiel genommen -, dass mehr auf den Menschen Joshua Kimmich eingegangen wird und nicht nur auf die Figur des öffentlichen Lebens, die nicht greifbar ist, wo vielleicht eine gewisse Distanz wirkt, wenn du weißt, was ich meine?

Sebastian Kneißl: Ja, ich befürchte, das wird leider nicht passieren und ich glaube auch nicht, dass du es aufhalten kannst. Es geht darum, bei den Journalisten auch drauf zu schauen, wie stellst du deine Frage, was ist eigentlich deine Absicht dahinter. Jetzt bin ich in der zehnten Saison dabei, ich nenne mich ja gerne immer „No-Name-Experte“, weil ich eben keine große Karriere hatte. Und das ist für mich so dieser Erfolg, den ich geschafft habe von „nicht wirklich bekannt gewesen als Spieler“ zu „ich habe mir jetzt einen größeren Namen als TV-Experte geschaffen“. Weil ich am Anfang natürlich dieses Taktische in den Vordergrund gehoben habe. Aber ich gehe in meiner Herangehensweise im Kommentar, aber auch im Dialog, also sprich in den Interviews, so heran, dass ich immer das Gesicht wahre. Ich werde niemanden bloßstellen. Du kannst nachfragen, du musst ja nachfragen. Es gilt auch mal, eine kritische Frage zu stellen, aber da geht es darum, wie stelle ich denn die Frage. Ganz oft hört man, dass die Formulierung „Du bist so und so.“ verwendet wird statt „Ich habe bemerkt, dass ihr das so und so gemacht habt, stimmst du mir da zu?“ Um erstmal nur eine Standortbestimmung zu haben und es etwas weicher zu formulieren. Und im Nachgang dann auch. Eine „Warum?“-Frage ist eine Druckfrage und wenn du weißt, da schauen jetzt gerade 100.000 Leute zu und ich werde so attackiert, dann ist es total verständlich, dass du jemanden hast, der total defensiv wird oder der dagegen geht. Der Sender wünscht sich eine Diskussion, damit du eine Schlagzeile hast: „Experte und Spieler haben sich gefetzt“.

Leo: Das ist wieder die Medien-Thematik mit den Schlagzeilen.

Sebastian Kneißl: Richtig. Was ich aber spannender finde, ist, wenn ich sage: „Ich habe das und das bemerkt, ging es dir ähnlich als Trainer?“ „Ne, sehe ich gar nicht so.“ Dann sage ich: „Oh, spannend, woraus leitest du es dann ab? Denn ich habe nach der Umstellung bemerkt, da und da hattet ihr etwas Stress oder da kam der Gegner besser durch.“ Dann kriege ich eine inhaltliche Antwort und dann kann ich irgendwann sagen: „Machst du dir Gedanken um deinen Job?“ Das heißt, ich baue es auf. Aber ich baue es auf im Sinne von „ich möchte dir nichts Böses“, sondern wirklich ein inhaltliches, konstruktives Gespräch, das natürlich auch kritisch ist, wenn du auf Platz 17 stehst und die letzten fünf Spiele verloren hast. Da wissen wir ja alle, was die Dynamik ist. Und daraus habe ich mir, glaube ich, einen Namen gemacht, dass ich so mit den Mannschaften umgehe, auch nach außen, denn ich produziere keine Schlagzeilen.

Leo: Du hast mittlerweile viele verschiedene Perspektiven eingenommen, du warst Profispieler, kannst aber auch aus deiner Erfahrung als Coach sprechen und studierst ja jetzt auch, um Spieler beraten zu können. Wenn du diese ganzen Learnings, die du über die Jahre gesammelt hast, mitnimmst, welchen Tipp würdest du deinem 18-jährigen Ich geben?

Sebastian Kneißl: (lacht) Bau dir ein wirklich qualitatives Netzwerk auf. Netzwerk eher im Sinne von Support-Netz. Hab einen richtig guten Arzt, den du immer wieder anrufen kannst, unabhängig vom Mannschaftsarzt, hab einen guten Physio, zu dem du immer wieder gehen kannst, einen Mentaltrainer zum Beispiel oder auch Medien. Hab das griffbereit in jedem Bereich, der für deine Karriere wichtig ist, unabhängig von einer Berateragentur, du brauchst auch einen guten Berater. Damit du einfach sicher bist. Ganz oft merke ich, dass Spieler dem vertrauen, was die Berater sagen, und ich wünsche mir dann schon immer in den Coachings, dass dann die Perspektive geändert wird. Nicht du arbeitest für die, sondern die arbeiten für dich, denn du spielst Fußball und nur wenn du das gut machst, kommt Geld rein, an dem alle verdienen. Genau das ist eben der Punkt, das habe ich nicht gemacht, ich hatte kein wirkliches Support-Netz um mich herum, speziell im mentalen und psychologischen Bereich. Da hätte ich wirklich jemanden gebraucht, mit dem ich einfach ganz entspannt reden kann, der mir Tools an die Hand gibt und der mich versteht, ohne dass ich jetzt irgendwelche Konsequenzen befürchten musste.

Leo: Du meintest gerade, man soll sich auch zu den Medien ein Kontaktnetzwerk aufbauen. Ist das tatsächlich so, dass ihr im Vorfeld zu einer DAZN-Übertragung Infos von den Spielern bekommt? Oder wie meinst du Kontakt zu den Medien während der Karriere?

Sebastian Kneißl: In meinem Fall ist es schon so, dass ich meistens vor den Spielen mit den Trainern telefoniere. Damit ich Informationen bekomme, was die letzten Trainingseindrücke sind, wie der Matchplan ist, wie die Aufstellung ist. Das sind natürlich extrem sensible Informationen, das ist klar. Mittlerweile wissen die Trainer und Funktionäre, dass das, was sie mir sagen, auch bei mir bleibt. Es gab mal ein, zwei Trainer, die gesagt haben: „Du hast doch bestimmt schon mit dem anderen Verein telefoniert. Sag mal, was machen die?“ Dann habe ich gesagt: „Ne, das mache ich nicht.“ „Ach, komm, sag doch mal!“ Ich dann so: „Okay, aber nur damit du es weiß, ich werde direkt danach beim anderen Trainer anrufen und sagen, was du vorhast, weil dann ist es fair.“ „Ne, ne!“ „Ja gut, dann machen wir das Ganze nicht.“ Dann ist es schon wichtig, zu sehen, dass es nicht die Medienlandschaft gegen die Fußballmannschaft ist, sondern es ist ein Miteinander. Und je besser du die jeweilige Seite verstehst, desto klarer wird es. Auf Dauer wirst du merken, wem du vertrauen kannst und wem nicht. Das ist nicht nur auf der Medienseite so, das ist selbst innerhalb einer Mannschaft so. Das sollten sie schon immer wieder auf dem Schirm haben, wie sie das für sich nutzen können. Es ist ein Business. Es ist nicht der Fußball, den man geliebt hat, wenn man als kleiner Junge oder kleines Mädchen angefangen hat, Fußball zu spielen, es ist ein Business. Und im Business geht es nun mal mit Ellenbogen zu und da gibt es auch Leute, die dir was Böses wollen, das ist einfach nur Fakt. Trotzdem gilt es, in dieser kurzen Zeit als Profi zu gucken, wie kann ich das Maximale rausholen, das mich auch nach der Karriere trägt. Letztlich bin ich, glaube ich, das beste Beispiel dafür. Ich hatte eine mini, mini, mini Karriere, aber das reize ich wirklich aus und bin jetzt in der zehnten Saison bei DAZN.

Leo: Ich habe auch gelesen, dass du in London als Streetworker gearbeitet hast und jungen Menschen aus schlechten Verhältnissen den Fußball nähergebracht hast. Beeinflussen die Sachen, die du da gesehen und erlebt hast, vielleicht auch heute deine Sichtweise auf den Fußball?

Sebastian Kneißl: Oh, ja, definitiv! Ich konnte mir am Anfang gar nicht wirklich etwas darunter vorstellen, sondern es hieß nur: „Hey, Seb, hast du Lust, die ersten Trainerscheine zu machen?“ „Ja.“ „Brauchst du Trainingseinheiten? Es wird alles Mögliche angerechnet in der Akademie.“ Teilweise war es so, dass ich morgens in Schulen unterwegs war und da den Schulunterricht übernommen habe, wenn der Schwerpunkt Fußball war. Da warst du eher in den reicheren Gegenden unterwegs.

Leo: Also dann im Sportunterricht?

Sebastian Kneißl: Genau, ich habe ja null Lehramt studiert, ich war noch nicht mal Fußballtrainer, ich hatte noch gar keine Ausbildung, ich war einfach nur ein Ex-Profi und habe Trainingspläne mitbekommen. Mittags war ich dann in der Akademie bei Chelsea und habe mit reingeschaut in Einheiten und Teile begleitet. Und abends sind wir dann mit Ballsäcken auf die Straße. Ich habe an einem Tag letztlich alle sozialen Schichten durchgemacht. Und dann kommst du dahin und der ehrlichste Fußball war tatsächlich der abends auf der Straße. Die Jungs und Mädels, die dabei waren, haben auf ihre Eltern – wenn überhaupt noch beide Eltern da waren – fast nie gehört, auf Lehrer haben sie sowieso nie gehört, die waren eh selten in der Schule, dann hatten sie immer Stress mit der Polizei. Es gab wenig Menschen, denen sie vertraut haben – außer dem Fußballtrainer. Denn das war etwas, das ihnen Spaß gemacht hat. Sie haben Training bekommen, sie wurden gefördert und wir hatten recht schnell einen ganz guten Draht zur Gruppe. Es waren zwei Gruppen, einmal von 11 bis 13 und von 14 bis 17 Jahren. Das hat so viel Spaß gemacht, weil ich letztlich alles miterlebt habe. Von sensationell schönen Momenten über Schlägereien, weil es Gang-Fights gab. Da kam beim Training einfach eine andere Gang vorbei und es gab für 20 Sekunden auf die Nuss, bis die ersten Polizeisirenen zu hören waren, dann waren sie alle wieder weg. Es gab tatsächlich Messerstechereien und das alles vor uns.

Leo: Beim Training?!

Sebastian Kneißl: Ja, beim Training. Die Trainer, die dabei waren, die haben schon gewusst, was demnächst passiert. Sie haben dann immer gesagt: „Seb, wir wissen, was jetzt gleich passiert, bleib ruhig! Wir dürfen da nicht rein, wir sind nicht versichert, wenn das jetzt passiert.“ Und du stehst dann einfach da und siehst, wie 17-Jährige auf 12-Jährige einschlagen. Einmal wollte ich eingreifen und dann haben sie mich zurückgehalten, selbst die Jugendlichen. Die haben gesagt: „Nein, stopp, du darfst hier nicht mitmachen!“ Das ist schon krass gewesen. Was dir aber gleichzeitig auch gezeigt hat, egal, wo du durch die Straßen Londons gelaufen bist, du hattest irgendwie immer eine gewisse Sicherheit, weil sie auf dich aufgepasst haben. Selbst ein 12-Jähriger hat mal zu mir gesagt: „You’re my younger!“ Ich habe nicht verstanden, was das heißt. Irgendwann bin ich dann zu meinem Trainerkollegen gegangen und habe ihn gefragt: „Was ist denn das?“ Da sagte er: „Oh, jetzt hast du den Ritterschlag.“ „Was heißt denn „you’re my younger“?“ „Sein Bruder ist der Ranghöchste der zweitgrößten Gang in London. Das heißt, wann immer du ein Problem in London hast, sag Bescheid, sie kommen und retten dich.“ Viele würden mit dem Kopf schütteln, weil das logischerweise mit illegalen Mitteln gemacht wird. Aber das war eine Form der Wertschätzung. Das war nicht nur eine Wertschätzung, das war ein Ritterschlag, das war deren Art von Liebe. Das fand ich extrem spannend, da erinnere ich mich gerne dran. Tatsächlich ist ein Spieler aus dieser Zeit Profi geworden, der hatte leider vor kurzer Zeit auch einen schweren Autounfall, Michail Antonio, der hat lange für West Ham gespielt. Den habe ich auf der Straße trainiert.

Leo: Cool. Das ist auch einfach spannend zu sehen, was Fußball bewegen kann.

Sebastian Kneißl: Ja, einer der Spieler war bis vor drei Jahren mein Fitnesstrainer. Den habe ich irgendwann über Social Media wieder gesehen, der hat sich aus diesem Viertel quasi rausgearbeitet und ist ein sehr seriöser Fitnesstrainer geworden. Da habe ich gesagt, das möchte ich unterstützen, dass er nicht auf der schiefen Bahn geblieben ist, sondern auf die gerade Bahn gekommen ist. Und dann war er drei Jahre lang mein Fitnesstrainer und hat mich über eine App trainiert.

Leo: Mega schön. 

Vielen lieben Dank an Sebastian Kneißl, dass er sich die Zeit genommen hat, mit mir über den Fußball, seine Arbeit und die Sportberichterstattung in den Medien zu fachsimpeln. Ich bin begeistert von den vielen spannenden Einblicken, die er mir gegeben hat und werde eine Stadionführung im Celtic Park in Glasgow auf jeden Fall auf meine Bucket List setzen.

Interview mit Vanessa Walder

Manche Interviews sind mehr als nur ein Gespräch über Bücher – sie sind Begegnungen, die Spuren hinterlassen. 2019 durfte ich Vanessa Walder zum ersten Mal interviewen. Was damals mit einem neugierigen Austausch begann, ist inzwischen eine echte Freundschaft geworden. Vanessa ist für mich nicht nur eine beeindruckende Autorin mit einem feinen Gespür für Sprache, Spannung und Humor, sondern auch eine Mentorin, die mich immer wieder mit ihrer Offenheit, Direktheit und Kreativität inspiriert.
In unserem aktuellen Gespräch dreht sich alles um ihr neues Buch „Nightmore – Das gruseligste Internat der Welt: Plötzlich Werwolf“ – den ersten Band einer vielversprechenden Reihe, in der es humorvoll, düster und herrlich anders zugeht. Viel Spaß beim Lesen dieses Interviews mit einer Autorin, die genauso viel Herzblut wie Biss in ihre Geschichten steckt!

Leo: Die Charaktere sind wirklich außergewöhnlich – von der Selkie Isla bis zum Zombie Edgar. Gibt es eine Figur im Buch, die dir beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen ist? Und wenn ja, warum?

Vanessa Walder: Sinista! Ich hab lange gebraucht, bis ich gefunden habe, wer die weibliche Hauptrolle spielen soll. Erst dachte ich, vielleicht eine Vampirin, aber das hat nicht so wirklich gepasst. Und dann hatte ich eines Tages ihre kratzige, raue Stimme im Ohr und da war sie. Ich liebe ihre Art die Welt zu sehen und wäre gerne noch viel mehr wie sie. Super pragmatisch, grausam ehrlich, mega loyal und ohne falsche Scham.

Leo: Wie viel Arbeit steckt in der Planung einer Welt wie Nightmore, in der alles ein bisschen „anders“ ist?

Vanessa Walder: In diesem Fall sehr, sehr viel. Für dieses Buch hat mir der Loewe Verlag an allen Ecken und Enden Ausnahmen gewährt. Und immer, wenn du bestehende Regeln brechen willst, musst du das gut begründen und argumentieren können. Ein Grusel-Erstleser, über 100 Seiten, schwarzweiße Innenillus, ein englischer Titel, englische Namen und Begriffe im Text, schwarzer Humor. Und dann ist da immer die feine Balance zwischen hochwertigem Aussehen und schöner Ausstattung und einem Preis, den man sich auch mit einem kleinen Taschengeld leisten kann. Inhaltlich ging es vor allem darum, eine zeitlose Welt zu schaffen. Ich wollte nicht in der Vergangenheit erzählen, aber ich wollte auch keine Handys und kein Internet im Buch. Irgendwann ist mir klar geworden, dass es in Nightmore einfach keinen Strom gibt. Von der ersten Idee bis zum fertigen Buch sind ziemlich genau drei Jahre vergangen. In der Zeit war ich fast täglich in irgendeiner Form mit Nightmore beschäftigt. Besprechungen, Pitches, Schreiben, Lektorat, Illustrationen, Cover, Schriftarten, Präsentation usw. Aber am Ende ist es für mich wirklich rundum geglückt. Ich könnte Tausende Abenteuer aus Nightmore erzählen. Das Schöne ist: Der Ort ändert sich nicht, die Charaktere sind unsterblich: Das perfekte Setting für eine Serie!

Leo: Warum hast du die Schule ausgerechnet in die Hochmoore Schottlands verlegt – und nicht in ein düsteres Schloss in Transsilvanien oder einen Vulkan?

Vanessa Walder: Die Frage kannst du natürlich immer stellen: Warum da und nicht woanders? Warum der und nicht die? Stephen King hat mal gesagt „Schreiben heißt Entscheidungen treffen“. Für mich war der Ausgangspunkt der Gedanke, dass ich ein Internat erzählen will. Und die sind in Großbitannien einfach üblich, während sie bei uns selten sind. Dann kommt dazu, dass ich Schottland liebe. Ich war selbst als Kind und Jugendliche länger dort und kenne mich deshalb ein bisschen aus. Für mich gibt es keine mystischere, geheimnisvollere Landschaft. Wenn es irgendwo echte Feen und Fabelwesen gibt, dann da. Also habe ich angefangen zu recherchieren und ganz viele wunderbare Bücher zu Schottischen Fabeln und Mythen und Legenden gelesen. Kaum jemand weiß zum Beispiel, was es UNTER Eddinburgh zu entdecken gibt. Es gibt auch mehrere tolle Karten von Schottland mit den verschiedenen Wesen und wo sie zu finden sind. Ich habe in Band 1 erstmal nur Nessie, den Beithir und die Selkies erzählt. Aber es werden noch ganz viele andere schottische Wesen auftauchen. Da gibt es so viele und alle sind faszinierend.

Leo: Wenn du einen Tag als Schülerin an der Nightmore Academy verbringen dürftest: An welchem Unterricht würdest du teilnehmen wollen – und bei welchem Lehrer?

Vanessa Walder: Nicht am Folterunterricht, vielen Dank! Ich würde gerne in einem Ruderboot auf den Wellen des Sees schaukeln und dem Ungeheuer von Loch Ness zuhören. Aber in Band 2 taucht auch der Geist von Mary, Queen of Scots auf, die „Kompotte & Komplotte“ unterrichtet – Kochen und Staatskunde. Das würde mich auch sehr interessieren.

Leo: Was ist deine persönliche Lieblings-Ecke auf dem Schulgelände? (z. B. das Blutballfeld, der Friedhof, der Burggraben mit Krokodilen…)

Vanessa Walder: Das Seeufer. Im See wohnt ein krakenartiges Monster, das bei Sonnenuntergang und Sonnenaufgang tanzt und seine Tentakel dabei aus dem Wasser streckt. Das würde ich gerne mal sehen. Wow. Und schon freue ich mich auf Band 3!

Leo: Wie würdest du die Freundschaft zwischen Fynn und Sinista in einem Satz beschreiben?

Vanessa Walder: Fynn bringt Sinistas fürsorgliche Seite zum Vorschein und Sinista kitzelt Fynns Mut an die Oberfläche – eine Freundschaft, die in beiden das Beste hervorruft, ohne einen zu verbiegen.

Leo: Welche besonderen Herausforderungen bringt es mit sich, für Leseanfänger zu schreiben?

Vanessa Walder: Es gibt tausend Regeln für Erstleser. Die Satzlänge, die Wortlänge, die Anzahl der Zeilen und Sätze pro Seite und der Anschläge pro Kapitel. Keine Fremdwörter, keine komplizierten grammatikalischen Konstruktionen. Du solltest nicht voraussetzen, dass Erstleser wissen, zu wem eine direkte Rede gehört, auch wenn nur zwei Leute miteinander reden und der andere gerade was gesagt hat. Wir haben bei diesem Buch viele dieser Regeln verbogen. Ich habe mir oft gedacht, dass ich gerne mehr Platz hätte, mehr Athmosphäre schreiben würde, mehr beschreiben. Aber am Ende liegt genau darin die Herausforderung: mit wenigen Buchstaben eine Welt und Charaktere zu zeichnen, die im Leser leben. Ich weiß dieses ökonomische Schreiben immer mehr zu schätzen, wo du dich bei jeder Zeile fragst, ob sie nötig ist.

Leo: Was liest du selbst gerne, wenn du mal nicht schreibst – und liest du auch Kinderbücher?

Vanessa Walder: Ja, ich lese auch Kinderbücher. Ich lese sehr viel, aber kaum privat. Also selten so, dass ich einfach nach Geschmack entscheide, was ich gerne lesen möchte. Ich lese, um Stoffe für Filme oder Serien zu finden oder um für ein neues Projekt zu recherchieren. Im Moment bin ich ganz tief im Thema Hirsche und Wölfe im Yellowstone National Park und Trophische Kaskade. Die Recherche nähert sich dem Ende, dann fange ich an, den 5. Band von „Das geheime Leben der Tiere“ zu schreiben. Davor waren es Dutzende Bücher über Pflanzen und ihre Sinneswahrnehmungen. Kräuter und wie man sie verwendet. Die Heilkräfte verschiedener Inhaltsstoffe. Das war für den 3. Band von „Flora Magica“. Das klingt im ersten Moment seltsam, dass jemand nicht nach Geschmack entscheidet, was er liest, ich weiß. Aber auf die Art sind so viele Themen in mein Leben gekommen, mit denen ich mich sonst nie beschäftigt hätte.

Leo: Nightmore ist perfekt für Kinder, die sich ein bisschen gruseln und viel lachen wollen. Was wünschst du dir, dass junge Leserinnen und Leser aus der Geschichte mitnehmen – außer Werwolfwissen und Blutballregeln?

Vanessa Walder: Da sagen Kinderbuchautoren dann traditionell, dass es um innere Werte geht und Zusammenhalt und das Hinterfragen von Vorurteilen – das stimmt auch alles. Aber mit dieser Serie will ich nur eines: Lesespaß erzeugen! Ob und was ein Leser davon mitnimmt, ist für mich zweitranging. Ich will, dass Kinder zwischen 7 und 12 dieses Buch lesen und sich amüsieren und lachen und gespannt sind und es am besten in einem Rutsch durchlesen. Das ist keine Geschichte, die man erstmal verdauen muss, die einem im Magen liegt. Das ist ein Snack. Und danach soll der Hunger größer sein als vorher. Der Lesehunger. Dann sollen sie sich gleich das nächste Buch schnappen. Egal, was das ist. Was bleiben soll, ist das Bauchgefühl: Lesen = Spaß. Das ist in den letzten Jahren leider verloren gegangen. Immer weniger Kinder können oder wollen lesen. Viele Erstlesebücher richten sich aber nur an kleine Kinder und erzählen dann sehr zahme, brave Geschichten. Was, wenn der „Erstleser“ zehn ist? Dann muss ihn die Geschichte anders packen. Die Kinder wachsen mit TikTok und YouTube auf. Da sagt ihnen das Video in den ersten 2 Sekunden, worum es geht. Alles hängt an den Hooks. Daran habe ich mich bei diesem Buch orientiert. Es erzählt nicht erst, wie traurig Fynn ist und dass er ganz neu und verloren an eine Schule kommt, um dann im 2. Kapitel mit der Action anzufangen. Auf der 2. Seite klettern wir mit Fynn aus dem Fenster und hängen über dem Burggraben mit den Krokodilen. Ich hoffe, dass Kinder dieses Buch verschlingen – und am Ende mehr Bücher wollen. Die Jahre der Bücherwürmer und Leseratten und Büchereulen sind vorbei. Vielleicht brauchen wir jetzt Bücherkrokodile und Lesemonster?

Leo: Wenn du selbst ein Wesen aus der Nightmore-Welt sein müsstest – wärst du lieber Vampir, Werwolf oder Dämonin?

Vanessa Walder: Dämonin. 100%.

Leo: Stell dir vor, du darfst eine Halloweenparty an der Nightmore Academy planen – was steht auf dem Buffet?

Vanessa Walder: Uuuuuh. Was für eine Idee! Für die Gäste auf jeden Fall Augapfelstrudel, Schleimkuchen, Spinnenkekse und Madentorte. Für mich wär’s dann aber doch etwas konservativer, aber ich kann meine Schokoladentaler ja heimlich futtern.

Leo: Hast du als Kind selbst gerne Gruselgeschichten gelesen – und wenn ja, welche war deine liebste?

Vanessa Walder: NEIN! Ich hab nicht gern Grusel gelesen. Ich hab’s trotzdem gemacht und mich dann lange gefürchtet. Ich habe als Kind einen Band der ??? gelesen, in dem ein Phantom vorkam. Als das zum ersten Mal aufgetaucht ist (es hat Klavier gespielt), hatte ich schon genug. Ich hab das Buch ins Eisfach gepackt. Übrigens scheine ich mit der Methode nicht allein gewesen zu sein. Das kam nämlich (Jahre später) in einer Episode der Serie Friends auch vor. Nur war es da Stephen Kings Shining. Das hab ich auch gelesen, als ich etwas älter war. Schrecklich! Ich hatte Albträume. Aber es ist halt leider sehr gut geschrieben. 
Ich wollte auf keinen Fall Grusel in einem Ausmaß erzählen, das Kindern echte Ängste bereitet. Ich will nicht, dass mein Buch im Eisfach landet. Davon hat keiner was. Es gibt ein bisschen Grusel und sehr viele gruselige Gestalten, aber der Grusel wird immer wieder durch Witze gebrochen. Trotzdem weiß ich von einer Testleserin, dass sie auf Seite 1 abgebrochen hat. Da hat Fynn ein „blutiges Steak“ dabei, mit dem er die Krokodile füttern will. Das Wort „blutig“ hat gereicht fürs Eisfach…

Vanessa Walder schafft es wie kaum eine andere, Geschichten mit Tiefgang, Witz und einer Portion Gänsehaut zu erzählen – und das nicht nur auf dem Papier. Auch im echten Leben ist sie jemand, der andere mitreißen, ermutigen und weiterbringen kann.
Ich bin dankbar für dieses erneute Interview, für Vanessas Vertrauen – und vor allem für unseren regelmäßigen Austausch seit unserem ersten Gespräch. Wer „Nightmore“ noch nicht gelesen hat, sollte dringend einen Blick riskieren. Es lohnt sich. Und ich bin mir sicher: Auch Band 2 wird wieder so wild, klug und unheimlich unterhaltsam wie Vanessa selbst.