{Rezension} Sportstars erzählen
Mein Traum vom Profi-Fußball (Bd. 1)

Sportstars erzählen
Mein Traum vom Profi-Fußball (Bd. 1)
von Robin Gosens
mit Illustrationen von Thilo Krapp

Coppenrath Verlag
Hardcover
Kinderbuch
72 Seiten
Altersempfehlung: 6 – 8 Jahre
ISBN: 978-3-649-64662-4
Ersterscheinung: 01.03.2024

Inhalt:
Fußballprofi und deutscher Nationalspieler Robin Gosens erzählt von seinem ersten Spiel bei Fortuna Elten bis hin zum großen Torerfolg bei der Fußball-EM 2021.

Meinung:
In dieser neuen Reihe kommen Sportstars zu Wort, sie erzählen Leseanfängern von ihrem Weg zum Erfolg. Im ersten Band berichtet Robin Gosens, welches Ereignis seine Fußballleidenschaft geweckt hat und welche Mühen und Strapazen notwendig waren, um ans Ziel zu kommen. Es wird nichts beschönigt und so erfahren wir, wie viel Ehrgeiz und Ausdauer Robin Gosens aufgebracht hat, um ans gewünschte Ziel zu kommen. Die Botschaft, dass zwangsläufig viel Fleiß unerlässlich ist und dass der Weg manchmal steinig war, ist ebenso vertreten wie auch der Hinweis, dass es ohne die Unterstützung der Familie und die seiner Freunde kaum zu meistern gewesen wäre. Die Schrift ist angenehm groß und die Sätze sind dem Lesealter entsprechend einfach gehalten. Nach jedem Kapitel gibt es Fußballfakten, die für Abwechslung beim Lesen sorgen. Was mir allerdings negativ aufgefallen ist, sind gewisse Redewendungen, die nicht zum Sprachgebrauch der Zielgruppe gehören. Beispielsweise nennt Robins Vater seinen Sohn nicht beim Namen, er sagt tatsächlich unentwegt „Sohnemann“ zu ihm. Außerdem wird fälschlicherweise das Land Niederlande mehrfach als „Holland“ bezeichnet. Und dann wird auch dauernd die Kugel geschoben oder auch wahlweise gepflückt. Sorry, aber ich spiele selbst Fußball – genau genommen seit meinem fünften Lebensjahr, aber das sind Redewendungen, die höchstens am Altherrenstammtisch noch zu hören sind. Definitiv gehören solche Sätze nicht zum Wortschatz der heutigen Jugend. Das hätte man ein wenig anpassen können bzw. müssen. Cool finde ich den QR-Code, über den man zu einer persönlichen Botschaft von Robin Gosens gelangt. Eventuell hätte man ihn allerdings darauf hinweisen können, dass er hier Kindern von seinem großen Traum erzählt und dass dies nur rüberkommt, wenn man Emotionen zeigt. Der kurze Clip wäre jetzt für mich kein Anreiz, dieses Buch zu lesen oder gar zu kaufen.

Fazit:
„Sportstars erzählen – Mein Traum vom Profi-Fußball“ ist der Auftakt einer Reihe, die Kinder inspirieren soll, an ihre Träume und Wünsche zu glauben. In diesem ersten Band erzählt uns Robin Gosens seine Geschichte – vom Wunsch Fußballprofi zu werden bis hin zum Torerfolg bei der deutschen Nationalmannschaft. Das Buch ist flüssig und leicht verständlich geschrieben und somit eine gute Lektüre für fußballbegeisterte Leseanfänger ab 6 Jahren. Von mir gibt es gute 3,5 von 5 Sternchen.

{Rezension} If he had been with me

If he had been with me
(Bd. 1 der „Friends-to-Lovers“-Reihe)
von Laura Nowlin
übersetzt von Juliane Zaubitzer

Penguin Verlag
Paperback
400 Seiten
Meine persönliche Altersempfehlung: ab 16 Jahren
ISBN: 978-3-328-11098-9
Ersterscheinung: 14.06.2023

Inhalt:
Da ihre Mütter beste Freundinnen sind, wachsen Autumn und Finn Tür an Tür auf und verbringen jede freie Minute gemeinsam. Mit dem Wechsel an die Highschool finden beide neue Freunde und sie entfremden sich. Trotzdem bleibt ihre Freundschaft bestehen, auch wenn sie nicht mehr so eng wie früher ist. Doch Autumn kann nicht leugnen, dass sie Finny noch immer mag, sogar mehr als das. Sie mag diese Gefühle allerdings nicht zulassen und so versucht sie, ihn zu vergessen…

Meinung:
Ich gebe zu, dass mich das erste Kapitel etwas irritiert hat, denn ich war mir nicht sicher, ob ich richtig verstanden hatte, was ich da gerade gelesen hatte. Ich versuchte, die Gedanken beiseite zu schieben, und widmete mich den kommenden Seiten, die ich anfangs recht anstrengend fand. Ich fragte mich wirklich, wie solch ein Buch einen derartigen Hype in Amerika auslösen konnte, denn mir gefiel es gar nicht. Der Schreibstil war sehr gewöhnungsbedürftig. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Schreibstil war nicht gewöhnungsbedürftig, sondern einfach nur genial. Die Geschichte beginnt an der Highschool und wir begleiten eine Gruppe Jugendlicher auf dem Weg zu erwachsenen Individuen. Natürlich sind die Unterhaltungen daher am Anfang des Romans etwas einfacher und abgehakter. Dies ändert sich aber im Laufe der vier Jahre. In der Tat ist es der Autorin gelungen, mithilfe der gewählten Worte und Satzkonstruktionen zu zeigen, wie sehr sich die einzelnen Teenager, vor allem aber Autumn, in dieser Zeit verändern. Autumn wirkt größtenteils einfach nur nervig, teilweise auch naiv, aber wenn wir mal ehrlich sind, verhält sie sich ihrem Alter entsprechend, denn sie ist ein Teenager in der Findungsphase. Endlich hat sie eigene Freunde gefunden, sodass sie nicht mehr Finnys Anhängsel sein muss. Als sie dann aber feststellt, dass sie tatsächlich mehr als nur freundschaftliche Gefühle für Finny empfindet, traut sie sich nicht, ihm diese Liebe zu gestehen, denn sie hat Angst, er könnte ihre Gefühle nicht erwidern. Es passiert also im Grunde nicht viel und dennoch mochte ich die Geschichte. Denn auch wenn ich zuvor schon viel traurigere Bücher gelesen habe, fühlte sich dieser Roman echt, ehrlich und authentisch an. Und obwohl dieses Buch mit dem Ende beginnt und man sozusagen also von Anfang an weiß, wie es enden wird, hat mich das Ende trotzdem überrascht und überwältigt. Natürlich muss ich auch anmerken, dass mir einige Stellen nicht gefallen haben, denn ich bin fassungslos, dass ungeschützter Sex und Teenager-Schwangerschaften einfach so in Kauf genommen werden. Außerdem hätte man das Buch gut und gerne um die Hälfte kürzen können, denn die ersten 200 Seiten passiert wirklich rein gar nichts, wohingegen dann das Ende in quasi zehn Seiten abgefertigt wird. Zusammenfassend hat dieser Roman mir aber mein Herz gebrochen und in tausend Teile gerissen. Ich fühlte mich leer. Das Buch hat leider kein Happy End, aber irgendwie liebe ich es trotzdem.

Fazit:
„If he had been with me“ von Laura Nowlin ist ein fesselnder und herzzerreißender Liebesroman für Jugendliche, die gerne hochgradig emotionale und romantische Geschichten lesen. Dieser Roman ist aus oben genannten Gründen eigentlich nicht perfekt, aber für mich war vor allem das Ende so aufwühlend, dass ich selbst von meinen eigenen Gefühlen überrollt wurde. Das schaffen nicht viele Bücher und deshalb gehört dieses Buch ab sofort zu meinen Lieblingsbüchern. Objektiv würde ich den Roman mit 3,5 von 5 Sternchen bewerten, aber weil das letzte Viertel so berührend war, gibt es auf jeden Fall die Höchstwertung von 5 Sternchen.

Lieblingszitate:
„Nicht dass es mir etwas gebracht hätte. Die Erwachsenen schienen das zwar zu glauben, doch in meiner Kindheit erfreuten sie sich mehr an meiner Schönheit als ich selbst. Für die anderen Kinder war meine hervorstechende Eigenschaft eine andere Tatsache, die ich über mich wusste. Ich war irgendwie seltsam. Das war keine Absicht, und ich hasste es, so gesehen zu werden. Es war eher, als würde mir die Fähigkeit fehlen, zu erkennen, ob etwas, das ich sagte oder tat, sonderbar war, und so war ich quasi darin gefangen, ich selbst zu sein. Hübsch zu sein, war in meinen Augen ein schwacher Trost. Finny stand zu mir; er beschimpfte jeden, der es wagte, mich zu ärgern, fuhr jedem über den Mund, der sich über mich lustig machte, und wählte immer mich als Erste in sein Team.“ (S. 14)
und
„Was ist mit Romeo und Julia? … Das ist schön und traurig.“ (S. 167)
und
„Erneut zähle ich all die Dinge zusammen, die ich vom Leben erwarte. Es gibt das echte Leben, und es gibt Bücher. Ich versuche zu enträtseln, was echt ist und was nicht, was ich haben kann und was niemals.“ (S. 167)
und
„Versuch, deine erste große Liebe zu heiraten. Für den Rest deines Lebens wird dich nie wieder jemand so gut behandeln.“ (S. 170)
und
„Früher habe ich mir immer gesagt, dass ich den Winter nur überstehen muss, dass ich nur abwarten muss. Dass danach alles besser wird. Und ich weiß, dass der Winter irgendwann vorbei sein soll, aber es ist nicht immer alles so, wie es sein sollte.“ (S. 201)

{Rezension} Book Lovers
Die Liebe steckt zwischen den Zeilen

Book Lovers
Die Liebe steckt zwischen den Zeilen
von Emily Henry
übersetzt von Katharina Naumann

Knaur TB
Taschenbuch mit Klappen
432 Seiten
ISBN: 978-3-426-52940-9
Ersterscheinung: 01.12.2023

Ein Sommer.
Zwei Rivalen.
Ein Plottwist,
mit dem sie nicht gerechnet haben…

Inhalt:
Nora Stephens liebt ihren Job und ihren Lifestyle in New York. Um nichts in der Welt würde die toughe und scharfzüngige Literaturagentin ihr Leben gegen das einer ihrer Romanheldinnen eintauschen wollen. Aber genau das wünscht sich ihre Schwester Libby. Sie möchte kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes noch einmal einen vierwöchigen Urlaub mit Nora verbringen – und zwar in der idyllischen Kleinstadt Sunshine Falls, dem Schauplatz von Libbys Lieblingsroman. Ausgerechnet dort trifft Nora auf Charlie Lastra, einen Lektor, der einst ein Manuskript abgelehnt hat, das schließlich doch ein Bestseller wurde.

Meinung:
Ich bin mittlerweile ein treuer Fan von Emily Henry, denn die Autorin schreibt flüssig, einfühlsam und tiefgründig und trifft damit genau meinen Geschmack. Tatsächlich fiel mir allerdings bei diesem Roman der Einstieg in die Geschichte sehr schwer, es dauerte ein ganzes Weilchen, bis ich mir ein richtiges Bild vom Geschehen und den Charakteren machen konnte. Die Protagonistin entspricht dem typischen Klischee eines Stadtmenschen, doch nach und nach findet Nora tatsächlich Gefallen an der Kleinstadt Sunshine Falls. Nora war mir von Anfang an sympathisch, sie ist ein Workaholic, der seinesgleichen sucht. Wenn es allerdings um ihre kleine Schwester geht, erlebt man auch eine feinfühlige und fürsorgliche Frau. Im Laufe des vierwöchigen Urlaubs auf dem Lande kann Nora endlich ihre Vergangenheit aufarbeiten und Charlie trägt dazu wesentlich bei. Beim ersten Treffen der beiden in New York konnte ich ihn eigentlich gar nicht leiden. Aber im Grunde ist es Charlie, der Noras steinernes Herz erweicht und ihr ein warmes Lächeln ins Gesicht zaubert. Auch wenn das Ende ziemlich vorhersehbar war, fand ich es passend und zufriedenstellend.

Fazit:
„Book Lovers” von Emily Henry ist eine humorvolle „Enemies to Lovers”-Geschichte. Dieser Roman ist eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher und punktet mit charmanten Charakteren und schlagfertigen Dialogen. Von mir gibt es 4 von 5 Sternchen.

Lieblingszitate:
Manchmal, auch wenn man mit der letzten Seite anfängt und glaubt, die ganze Geschichte längst zu kennen, kann einen ein Buch doch noch überraschen.“ (S. 312)
und
Sei mein Hai.“ (S. 424)

{Rezension} The way I used to be
Wie ich mal war

The way I used to be
Wie ich mal war
von Amber Smith
übersetzt von Ulrike Brauns

ADRIAN VERLAG
Hardcover-Sonderedition mit Farbschnitt
Jugendbuch / Young Adult
400 Seiten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-985851-42-3
Ersterscheinung: 25.08.2023

Inhalt:
Edens Familie schläft tief und fest. Deshalb bemerkt auch niemand, dass Kevin mitten in der Nacht ihr Zimmer betritt. Kevin, der beste Freund ihres Bruders. Der Kevin, der eigentlich fast schon zur Familie gehört. Der Kevin, für den sie eigentlich geschwärmt hat. Eden versucht, sich noch zu wehren, aber sie kommt nicht gegen Kevin an. Er vergewaltigt sie und droht ihr, sie umzubringen, sollte sie es jemandem erzählen. Aber wer sollte ihr auch glauben? Also schweigt Eden. Für alle anderen geht das Leben am nächsten Tag ganz normal weiter – für Eden endet ihr bisheriges Leben in dieser Nacht.

Meinung:
Mir fällt es gerade echt schwer, all meine Gefühle in Worte zu fassen, denn dieses Buch hat mich emotional komplett aufgewühlt. Natürlich habe ich den Klappentext gelesen und natürlich wusste ich auch, was auf mich zukommt. Aber dann kam es bereits auf den ersten Seiten so richtig direkt und heftig, dass ich nach dem ersten Kapitel das Buch zugeschlagen habe, um mich zu fragen, ob ich dieses Buch wirklich lesen möchte. Kleiner Spoiler: Ihr lest gerade die Rezension, also habe ich das Buch beendet. Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie froh ich darüber bin. Ich war so gefangen von dieser Geschichte, dass ich die ganzen 400 Seiten sogar an einem Abend gelesen habe. Von mir an dieser Stelle der dringende Hinweis: Falls ihr das Buch lesen wollt, beachtet bitte die Triggerwarnung! Wirklich! In dieser Hinsicht bin ich normalerweise nicht gar so zart besaitet, aber dieses Mal konnte ich mir diese fiktive Geschichte bildlich vorstellen, so sehr, dass es mir im Herzen wehgetan hat. Ich selbst bin derzeit 14 Jahre alt, kurz vor dem 15. Geburtstag – genau wie Eden, als sie den schwärzesten Tag ihres Lebens erlebt. Ich habe erst gar nicht versucht, mit den Tränen zu kämpfen, weil ich wusste, dass es nichts bringt, dass ich sie nicht aufhalten kann. Ich habe diesen Monat tatsächlich meinen fünften Bloggergeburtstag und die letzten Jahre schon über 1.000 Bücher gelesen und rezensiert, aber dieser Roman ist wirklich einzigartig und nicht vergleichbar. Ich selbst mag ja eher die lustigen Liebesgeschichten oder aber romantische Wohlfühlbücher, aber dieses Buch sah so wunderschön aus und ganz BookTok schwärmte von diesem Werk – da musste ich es einfach auch lesen. Tatsächlich ergibt nun im Nachhinein auch alles einen Sinn, denn der Löwenzahn vorne auf dem Cover und der verwehte Blumenstängel einer Pusteblume hinten – der Anfang und das Ende, die Verbildlichung der Vergänglichkeit. Die Geschichte beginnt mit einem Mädchen, das sich selbst eher als durchschnittlich und langweilig bezeichnet und das in ihrem eigenen Haus, im eigenen Zimmer und im eigenen Bett vom besten Freund ihres Bruders vergewaltigt wird. Das hätte eigentlich der sicherste Ort für Eden sein sollen, aber innerhalb von fünf Minuten verändert sich alles. So sehr sie auch versucht, sich ihren Eltern, ihrem Bruder, ihrer besten Freundin zu öffnen, sie schafft es einfach nicht. Sie schweigt und ihr Leben ist nicht mehr lebenswert. Ihre Veränderung nehmen alle wahr, jedoch nicht den Grund. Der Roman ist keine leichte Kost und an manchen Stellen tut es richtig weh, zu lesen, was Eden durchmachen muss. Aber zu wissen, dass es so viele junge Mädchen da draußen gibt, die vielleicht Ähnliches erlebt haben oder gerade erleben müssen, macht mich traurig. Wenn wir es schaffen, offener über bestimmte Themen zu reden, nehmen wir Menschen wie Kevin die Macht, die sie von Mal zu Mal stärker werden lässt.

Fazit:
„The way I used to be“ von Amber Smith hat mich tief berührt. Edens Geschichte ist wahnsinnig bedrückend, aber leider auch realistisch. Sehr intensiv und unglaublich ergreifend transportieren die Worte der Autorin Bilder und Emotionen, die man nicht so schnell vergisst. Dieses Buch über ein Mädchen, deren Leben sich innerhalb von fünf Minuten ändert, hat mich nicht nur aufgewühlt, sondern auch zum Nachdenken angeregt. Ich habe viel gelernt – beispielsweise wie wichtig es ist, seine Mitmenschen zu beobachten und unerklärliche Wesensveränderungen zu hinterfragen. Wenn man das Gefühl hat, jemand benötigt Hilfe, sollte man dieser Person vermitteln, dass man zuhört und da ist. Jederzeit. Egal wann. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung und natürlich 5 von 5 Sternchen.

Lieblingszitat:
Bei all diesen Vielleichts, die mir durch den Kopf gehen, frage ich mich plötzlich:
ist »vielleicht« nicht auch nur ein anderes Wort für Hoffnung?“ (S. 380
)

Interview mit Timon Krause

Ich beschäftige mich tatsächlich schon etwas länger mit diversen Kommunikationstechniken und bin fasziniert davon, wie man allein durch Menschenkenntnis, Empathie und einer schnellen Beobachtungsgabe sein Gegenüber lesen und beeinflussen kann. Um das „Lesen und Schreiben“ der Menschen geht es mir dabei weniger, sondern tatsächlich um die Geheimnisse der zwischenmenschlichen Kommunikation. Natürlich habe ich zu diesem Thema auch viel recherchiert und dabei die Bücher von Timon Krause entdeckt. Er ist Gedankenleser, Philosoph und Trainer für Menschenkenntnis. Außerdem gewann er mit nur 16 Jahren den Titel „Best European Mentalist“. Im Rahmen seiner Show „Mind Games“ war Timon Krause Ende September auch in Stuttgart und deshalb habe ich direkt die Gelegenheit genutzt, ihm ein paar Fragen zu stellen.

Leo: Okay, ich finde es gerade sehr spannend, aber auch creepy, dir gegenüber zu sitzen. Ich habe deine Bücher gelesen und auch online einige Videos gesehen und ich weiß, dass du aus der Mimik und Gestik sehr viel schon auf den ersten Blick deuten kannst. Kannst du jetzt gerade im Moment irgendetwas über mich sagen? Also im Prinzip, dass du spontan versuchst, mich zu „lesen“.

Timon Krause: Eigentlich gar nicht. Wenn ich es darauf anlegen würde ggf. schon, aber es ist so, dass ich das auf der Bühne anschalte und im Alltag nicht ausschalten muss. Das heißt, dass das etwas ist, das ich bewusst machen muss. Natürlich geht ein bisschen was in den Habitus über, aber es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit Menschen analysiere. Ich glaube, das wäre auch sehr anstrengend. Aber wenn ich es darauf anlegen würde, ich weiß ja jetzt ein paar Sachen über dich. Ich würde schätzen, dass du – ähnlich wie ich – dich in der Schule manchmal selbst abgegrenzt hast oder abgegrenzt wurdest, weil du sehr stark deinen eigenen Weg gehst. Aber auch, weil du ein bestimmtes Opfer dafür bringst, dass du sagst, dass du bereits jetzt weißt, was du machen möchtest und du da auch ganz viel daran setzt. Das war zumindest meine Erfahrung in der Schule und ich kann mir vorstellen, dass es dir ähnlich damit geht, dass du sagst, dass du jetzt schon weißt, was du machst. Nicht dass man jetzt gemobbt wird oder so – weiß ich jetzt nicht, ob das so ist, mir ging es eine Zeit lang so und dann nicht mehr. Aber eine gewisse Abgrenzung war da, weil ich einfach ganz bestimmte Vorstellungen von dem hatte, was ich gerne machen wollte und ich würde das jetzt mal auf dich projizieren – aber es könnte auch falsch sein. Ich glaube, dass du nach außen hin für die Interviews gelernt hast, eine gewisse Unsicherheit zu verbergen, die aber da ist und sich manchmal ganz kurz in deinen Augen widerspiegelt, die drückst du dann aber wieder nach unten, weil du in einen Modus für die Interviews reinkommst. In dem Moment, wo wir uns kennengelernt haben und hier hergelaufen sind, warst du eindeutig etwas unsicherer – vielleicht auch weil es kein Kontext ist, in dem du schon einmal gewesen bist. Du warst sofort deutlich sicherer in dem Moment, in dem du die Interviewkarten in die Hand genommen hast und angefangen hast, zu interviewen, weil du das kennst und weißt, wie der Prozess abläuft. Du bist neugierig und hörst extrem gut zu und schaust genau hin. Das ist interessant, weil viele Interviewer und Interviewerinnen bzw. Journalisten und Journalistinnen zuhören, aber nicht hinschauen, du bist aber mit dem Augenkontakt da und ich glaube, das wird dir in deiner Interviewlaufbahn wahrscheinlich einiges bringen, weil du es dann einfacher haben wirst, mit Menschen Rapport zu bauen, das heißt, mit ihnen auf eine Wellenlänge zu kommen. Das wär so aus dem Stegreif.

Leo: Das ist aber relativ viel aus dem Stegreif, das ist tatsächlich sehr beeindruckend.

Timon Krause: Ich weiß nicht, ob es stimmt oder nicht. Vielleicht sagst du auch: „Timon, das war ganz weit weg vom Schuss!“ und du denkst dir: „Alter, was ist das denn für ein Typ, was labert der?“. Das kann auch sein. Wäre für mich aber auch in Ordnung, das würde mir auch keinen Zacken aus der Krone brechen.

Leo: Ich sag dir nachher am Ende des Interviews, ob du richtig liegst. Das war einfach ein kleines Experiment, das mich interessiert hat. Okay, dann machen wir weiter mit den anderen Fragen. Seit du den 1. Platz der Show „Fool us“ gewonnen hast und alle mit deinen Fähigkeiten beeindruckt hast, bist du für viele junge Menschen, die sich mit Psychologie auseinandersetzen, ein Vorbild geworden. In einem Interview hast du mal erzählt, dass du mit 12 Jahren nach einer Hypnose-Show erkannt hast, dass du Mentalist werden willst. Aber dass du zu jung warst und dich das niemand lehren wollte. Wenn du nun so ein paar Jahre zurückdenkst, hättest du jemals gedacht, dass du es eines Tages soweit schaffst? Hattest du immer dieses Urvertrauen in dich selbst, dass du alles erreichen kannst, was du dir vornimmst?

Timon Krause: Das nicht, ich habe einen Urrealismus gehabt, sodass ich gesagt habe, wenn ich erreichen möchte, was ich erreichen möchte, dann muss ich alles dafür geben. Der Realismus ist aber, dass ich gesagt habe, das kann auch nicht klappen. Ich habe extrem viel Glück gehabt und ich bin extrem häufig zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen und auch mit den richtigen Menschen. Und auch jetzt sind die Menschen, die du da gesehen hast… wir haben beide sehr gelacht, mein Techniker und ich, denn als du reinkamst und der Herr gesagt hat: „Hey, Timon, dein Interview ist da“, kam Niklas direkt angelaufen und hat mir das Headset abgenommen, als wäre er mein Assistent, der auf einmal so erscheint „Boom, ja, alles klar, Chef!“ – es ist nicht so! Das war kompletter Zufall. Aber das Team zieht, ich würde mal sagen, 80% der Show. Ich stehe vorne, ich performe das dann und ich schreibe und entwickle natürlich die Show, das ist natürlich ein großer Teil. Aber das Team, das da ist, und natürlich auch dahinter, also z.B. die Agentur und das Management, das mir dabei hilft, das wirklich alles auf die Beine zu stellen, die sind so wertvoll! Und ohne die hätte ich nicht die Hälfte und auch nicht ein Viertel und auch nicht ein Achtel von dem geschafft, was ich jetzt schaffen durfte bzw. was wir schaffen durften. Aber ich habe immer gesagt, ich würde lieber alles geben und es nicht schaffen. Oder was heißt nicht schaffen, das ist auch falsch formuliert. Früher hatte ich konkrete Zielsetzungen, wo ich gesagt habe, ich möchte dieses und dieses Ziel erreichen, ich möchte mal „Fool us“ machen, ich möchte mal in Las Vegas spielen, ich möchte mal einen Titel gewinnen – das habe ich alles gemacht. Und jetzt ist es vager geworden, ich möchte mich ausdrücken, ich möchte Kunst machen, ich habe bestimmte Showvisionen, die ich umsetzten möchte, die ich die letzten Jahre nicht umsetzten konnte, weil die Locations zu klein waren, das Budget nicht da war und das kommt jetzt langsam, dass das geht und das ist mega nice. Aber ich glaube, ich wäre vermutlich genauso zufrieden, wenn es weniger weit gekommen wäre und ich trotzdem alles gegeben hätte. Dann wüsste ich zumindest bei mir selbst, dass ich alles gegeben habe und mehr halt nicht geht. Manchmal ist es Glück, manchmal ist es Pech und ich habe viel Glück gehabt.

Leo: Du warst mit 16 Jahren ein Jahr als Austauschschüler in Neuseeland. Dort hast du dann die Technik des Cold Readings von Richard Webster erlernt. Ihn selbst nennst du ja auch deinen Mentor. Ist es in deinem Job so, dass man seine Kenntnisse gerne mit anderen teilt und sein Fachwissen sozusagen weitergibt? Oder halten sich die meisten Künstler eher bedeckt und du hattest, wie du eben gesagt hast, einfach nur Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, als du Richard Webster kennengelernt hast?

Timon Krause: Beides so ein bisschen, früher war das ganz krass, dass es so Mentoren und Schüler*innen gab – wobei meistens Mentor und Schüler übrigens, es ist eine sehr stark männlich dominierte Sparte, Freunde von mir versuchen oft, die weiblich gelesene Person noch mit einzubringen, ich auch, aber es ist aktuell einfach stark männlich dominiert. Aber es war früher einfach oft so, dass es dieses klassische „Ich gebe dir etwas weiter“ von einer Person zur nächsten gab, heute weniger. Einfach wegen der Verfügbarkeit von Ressourcen und der Verfügbarkeit von Material online: YouTube, Bücher und so. Da mache ich ja auch selber mit, dass ich da Sachen und vor allem so die Basics weitergebe. Also es gibt eine Szene, die teilt Sachen miteinander, und es gibt Menschen, die halten sich sehr zurück. Aber ich teile gern.

Leo: Ich bin ja quasi nur zufällig Buchbloggerin geworden, was sich irgendwie während Corona intensiviert hat. Davor war ich eigentlich Kinderreporterin, also Nachwuchsjournalistin. Ich wollte schon immer schreiben und als Journalistin kommt man gut um die Welt und lernt viele Menschen kennen. Ich rede zwar sehr viel, aber ich höre tatsächlich auch gerne zu. Und deshalb höre ich mir gerne spannende Geschichten von ganz unterschiedlichen Personen an. So lernt man nicht nur was über andere, sondern auch tatsächlich viel über sich selbst. Wie ist das bei dir? Du triffst ja nicht nur bei deinen Shows auf Menschen, sondern auch im ganz normalen Alltag. Als Mentalist musst du aber immer fokussieren und beobachten, was wahrscheinlich sehr anstrengend und kräftezehrend ist. Inwiefern nutzt du deine Gabe dann im Alltag? Analysierst du im Supermarkt andere Leute oder versuchst du, im Privatleben „abzuschalten“?

Timon Krause: Ne, umgekehrt, ich schalte das auf der Bühne an. Im Alltag bin ich vermutlich weniger aufmerksam als du gegebenenfalls, das weiß ich nicht. Es ist sehr kräftezehrend. Wenn ich das spezifisch für die Bühne übe, geht natürlich ein bisschen was in den Habitus über. Ich vergleiche das immer mit einem Tänzer, der tanzt nicht immer, aber der läuft immer gerade und man sieht ihm vielleicht eine gewisse Grazie in seinen Bewegungen an, weil man sich damit natürlich intensiv beschäftigt. Du vergisst das ja nicht, das ist ja immer irgendwie da, ein bisschen was wird also in meinen Habitus übergehen. Ich habe es dann gefühlt auch manchmal leichter, mit Menschen Rapport aufzubauen, das ist dann schön, aber ich mache das nicht bewusst. Viele der Techniken, die ich auf der Bühne benutze, sind manipulativ, und da benutze ich sie eben nur zur Veranschaulichung und zum Entertainment. Das würde ich aber im Alltag niemals machen und ich möchte mich im Alltag entspannen können. Ich bin eigentlich sehr introvertiert und möchte dann eben einfach mit Menschen chillen können und nicht solche Sachen machen müssen. Wenn ich irgendwo auf einer Party eingeladen bin und Leute kennenlerne, die wissen, was ich mache, und die hätten gerne, dass ich was mache, dann mache ich das meistens nicht. Das verstehen die dann auch, weil ich halt sage, dass das mein Job ist und ich aber privat hier bin und chillen möchte.

Leo: So ähnlich hat mir das Carolin Kebekus mal erzählt. Sie meinte, dass sie privat in ihrem Alltag nicht lustig sein muss, weil sie es auf der Bühne ist.

Timon Krause: Ja, genau. Ich glaube, das ist genau das gleiche. Und ich merke auch, desto mehr ich auf der Bühne bin, desto weniger habe ich zum Beispiel privat das Bedürfnis, rauszugehen oder unter Menschenmassen zu sein, weil ich so ein bisschen die Balance brauche. Ich muss manchmal einfach auch nur für mich sein oder mit einer Person oder mit zwei Menschen sein, aber dann eher wenig und ruhig.

Leo: Du hast ein neues Buch geschrieben. „Das Versunkene Theater: Magical Realismus Roman – träum Dich in die fantastische Welt des Theaters“ ist etwas ganz anderes als deine bisherigen Bücher. Wie kam es zu dieser Geschichte?

Timon Krause: Das war so ein bisschen mein Selbsttherapie-Projekt. Ich war während Corona tatsächlich schwer depressiv und habe ganz, ganz lange auch einfach nur im Bett gelegen. Und dann habe ich gedacht, weil es auch schwer war, einen Therapieplatz zu kriegen, „Okay, was weiß ich über den menschlichen Geist und was wären die Tipps, die ich meinen Freunden geben würde, wenn sie in so einer Situation wären?“. Und dann habe ich mir quasi ein Trajekt geschrieben bzw. zusammengebaut. Also ein Programm, bei dem ich sage, dass ich diese Sachen jeden Tag konsistent mache, weil ich weiß, dass sie auf dem Papier helfen. Im Best Case geht es mir nach ein paar Monaten besser, im Worst Case geht es mir immer noch schlecht, aber dann habe ich nichts verloren. Ob ich jetzt im Bett liege oder das mache, ist egal. Ein Teil davon ist eben kreativ sein, kleine Ziele setzen und gewisse Strukturen in den Tag einbauen. Dafür habe ich das Buch gewählt und ich habe mir gesagt, dass ich mich jeden Tag von elf bis eins an einen Roman setze. Entweder bis der Roman fertig ist oder bis die Shows wieder losgehen und ich da wieder irgendwo Erfüllung finde. Auf die Geschichte kam ich im Gespräch mit meinen Lieben, ich habe verschiedene Ideen vorgeschlagen und dann ein bisschen weiter gebrainstormt. Im Grunde ist der Gedanke dahinter, dass ich wollte, dass wenn ich keine Shows geben kann, dass ich das Gefühl, das ich dem Publikum in einer Show mitgebe, in einem Buch mitgebe. Ich habe das Buch auch so ähnlich geschrieben wie ich eine Show anfange. Wenn ich eine Show schreibe, dann fange ich ganz hinten an, weil ich weiß, dass ich hierhin mit einer Show hin will und das das Finale sein soll, so soll sie enden. Ich arbeite mich dann quasi von vorne nach hinten durch und gucke, wie und wo ich die Puzzleteile der Show verpacke, sodass am Ende alles Sinn ergibt und dass die Leute dann denken: „Ah, krass, Alter, das war ja alles von Anfang an irgendwie durchgeplant – crazy!“ Und das habe ich im Buch auch so gemacht, dass ich gesagt habe, wo ich im Buch rauskommen will, wie das Gesamtkunstwerk am Ende funktionieren soll. Ganz viel Inspiration kommt aber aus dem Theater, das Buch hat nichts mit meiner Show zu tun. Es ist nicht so, dass du eine Timon Krause-Show liest. Aber das Gefühl soll das gleiche sein. Wenn du dann die Show gesehen und das Buch gelesen hast, kannst du mir gern sagen, ob es das erreicht hat oder nicht, aber ich glaube, du verstehst, was ich meine. Es soll eben diesen Zauber vom Theater einfangen und ganz viele der Figuren, die in dem Buch sind, sind Menschen, die ich getroffen habe und die es auch wirklich gibt. Auch Acts, die es wirklich gibt, die ich da beschrieben habe oder angeschnitten werden, von Leuten, weil ich das da reinpacken wollte. Es ist keine Biografie, aber es ist ganz stark aus meiner Erfahrung im Theater produziert und dann in einen Fiction-Fantastic-Roman verarbeitet.

Leo: Das klingt sehr cool, da freue ich mich auf jeden Fall schon sehr aufs Lesen.

Timon Krause: Ja, da freue ich mich auch, wenn du dir die Zeit nimmst.

Leo: Du hast zwischen deinem ersten Buch und deinem zweiten Buch eine Sache geändert. Während du den Leser zuerst siezt, wechselst du im zweiten Buch zum Du. Warum?

Timon Krause: Das war auf Wunsch des Verlags. Die wollten gerne, dass im ersten Buch gesiezt wird. Ich wollte auch da schon, dass geduzt wird. Das Buch heißt ja auch „Du bist Mentalist!“, es ist also eigentlich ein bisschen dumm, dass da gesiezt wird. Darum habe ich auch ganz am Ende den Bogen zum Du gemacht. Ich glaube, im Nachwort sage ich irgendwo „Ja, Sie sind jetzt mit dem Buch durch und weil wir uns jetzt so gut kennen, würde ich dir an dieser Stelle gerne das Du anbieten. Herzlichen Glückwunsch, du bist Mentalist.“ So endet es ungefähr. Ich wollte das Duzen, sie haben gesagt, dass bei ihnen im Verlag einfach Etikette ist, dass in ihren Büchern die Leser gesiezt werden. Beim zweiten Buch hatte ich einfach schon ein bisschen mehr ein öffentliches Profil in Deutschland aufgebaut. Da war ich ja erstmalig aus den Niederlanden nach Deutschland rübergekommen. Und dann habe ich gesagt, dass mein Publikum vor allem irgendwie Studentenpublikum ist und die Leser alle ein bisschen jünger sind, ich würde gerne duzen. Und dann haben die gesagt, dass das jetzt auch alles Sinn ergibt und wir auf jeden Fall duzen.

Leo: Du bist fast erlöst, aber mich interessiert noch eine Sache. Ich habe dich ja am Anfang gefragt, ob du irgendetwas über mich erzählen, mich kurz „lesen“, kannst. Und innerhalb eines Gesprächs kann man ja auch viel über sein Gegenüber herausfinden. Erinnerst du dich noch halbwegs, was du vorher gesagt hast?

Timon Krause: Ja, ich erinnere mich noch, was ich vorhin gesagt habe.

Leo: Okay, gibt es jetzt noch irgendetwas, das du dem hinzufügen oder anders sagen würdest?

Timon Krause: *überlegt kurz* Ich könnte mir vorstellen, dass du Klassensprecherin bist. Ich habe dich ja auch nicht durch analysiert, während ich hier sitze. Du hast eine gewisse Ruhe, die ich in deinem Alter – das klingt so herablassend, das meine ich nicht – nicht gehabt habe, die ich auch heute manchmal nicht habe. Die ist bei dir schon da. Du hast trotzdem eine gewisse Angespanntheit in dir, ich glaube nicht negativ, aber du bist quasi aktiviert. Du hast eine gewisse Spannung, aber ich glaube, dass du ein Stück weit alles, was du sagst, bevor du es sagst oder während du es sagst, überdenkst. Ich glaube, du bist ein Stück weit… nicht auf deine Außenwirkung fokussiert, aber du bist dir deiner Außenwirkung bewusst. Dass du auch weißt, was du sagst, wie du rüberkommst und wie du rüberkommen möchtest. Ich glaube, dass du neben deinem Blog vermutlich auch Fiction schreibst oder gerne Fiction schreiben würdest oder irgendwann wirst.

Leo: Ich bin tatsächlich schon Autorin.

Timon Krause: Okay, das wusste ich nicht, das tut mir leid. Dann habe ich mich nicht eingängig genug mit dir beschäftigt an dieser Stelle.

Leo: Alles gut!

Timon Krause: Aber das hätte ich mir auf jeden Fall sehr gut vorstellen können, dass du das machst oder mal machen wirst. Ich glaube, du hast mal ein Instrument angefangen und dann aufgehört.

Leo: Das ist ein bisschen gruselig. *lacht* Ich habe mal Gitarre gespielt.

Timon Krause: Ich wollte gerade sagen Gitarre oder Geige, eins von beidem.

Leo: Ich habe vor etwa einem Jahr aufgehört. Es hat auch fast alles gestimmt. Das ist sehr beeindruckend. Auch leicht gruselig, aber auf eine gute Weise.

Timon Krause: *lacht*

Leo: Das Einzige, was nicht gestimmt hat, ist, dass ich nicht Klassensprecherin bin. Aber sonst war eigentlich fast alles richtig.

Timon Krause: Ich weiß auch nicht, warum ich Klassensprecherin dachte. Da war ich mir auch unsicher, aber vielleicht habe ich mal eine Klassensprecherin gehabt, die mich an dich erinnert hat oder so. Ich weiß nicht genau, wo das herkam und warum ich das dachte. Ist das so, dass du dich ein bisschen abschottest oder abgeschottet bist manchmal?

Leo: Teilweise. Ich mache auch Mannschaftssport, ich spiele seit ich fünf bin Fußball. Ich würde auch sagen, dass ich relativ extrovertiert bin. Aber schon einfach bedingt dessen, dass beispielsweise mein Blog relativ viel Zeit einnimmt, fokussiere ich mich da eben auch sehr drauf.

Timon Krause: Okay, so lange du es bewusst machst. Für mich war das nie ein Problem, ich weiß, dass ich ganz viel verpasst habe – auch in meiner Studentenzeit – und das ist okay, weil ich das so wollte. Also ich wollte das nicht verpassen, aber ich habe gesagt, dass ich diesen Moment packen und diese Sachen machen will. Und dann war das eben ein bewusstes Opfer, das ich gebracht habe. Ich habe da sehr viel Zeit reingesteckt, ich habe sehr viele Gigs gemacht und bin rumgefahren und so. Und das ist okay, aber weil das bewusst war. Ich glaube, ich hätte es bereut, wenn ich das an mir hätte vorbeiziehen lassen und dann gedacht hätte: „Crazy, ich wollte das eigentlich anders.“ Denk da ab und zu mal drüber nach, ob du das so oder so machst. Ich glaube, das eine ist nicht besser als das andere. Es gibt so dieses Ideal, das gibt es dann vielleicht auch im Journalismus, als Autorin, ist ja dann auch alles Kunst. Es gibt dieses Ideal vom verhungernden Künstler bzw. von der verhungerten Künstlerin, die alles da reinstecken und sich selbst zerstören. Das habe ich irgendwann losgelassen, weil ich denke, dass das mega dumm ist. Denn wen du verhungert bist, kannst du keine Kunst mehr machen. Dann arbeite halt bei Aldi an der Kasse, wenn es sein muss. Dann mach das halt so, dann hast du zumindest Essen und kannst weitermachen. Deshalb habe ich dieses Ideal irgendwann losgelassen, dieses Selbstzerstörerische. Aber den Eindruck machst du nicht. Ich habe den Hang zur Obsession und den Hang zur Sucht. Und darum muss ich da bei mir immer aufpassen, bis ich sage: „Hey, okay, sei noch vernünftig und pass mal ein bisschen auf dich auf.“ Aber denk auf jeden Fall ab und zu bewusst darüber nach. Du hast nicht nach Ratschlag gefragt, aber das wäre der, den ich dir mitgeben würde. Und überhaupt allen Menschen, die jung mit ihrer Leidenschaft anfangen. Das habe ich für mich richtig gemacht und ich glaube, das ist gut, wenn man das so macht, wenn man das bewusst macht.

Leo: Dann danke ich dir für dieses doch relativ tiefgründige Gespräch.

Timon Krause: Danke dir, das hat Spaß gemacht! Ich mache jetzt seit Juli oder so viel Promo für die neue Tour, die kommen wird – also ganz viele Pressereisen und so. Und das hier war auf jeden Fall eins der angenehmeren, ich würde mal sagen Top 3 der angenehmeren Interviews, die ich gehabt habe. Das hast du fantastisch gemacht, wirklich gut. Nicht dass du mein Lob brauchst, aber es war einfach wirklich angenehm.