Wenn in München über Sport gesprochen wird, fallen schnell große Namen, große Arenen und große Titel. Doch manche Geschichten entfalten ihre Größe leiser und wirken dafür umso gigantischer. Die von Kathrin Lehmann ist so eine. Sie führt von olympischem Eis bis ins Tor des FC Bayern und erzählt von einer Frau, die sich nie bloß für eine Bühne entschied, sondern gleich mehrere eroberte.
Die bayerische Landeshauptstadt ist für viele Sportler und Sportlerinnen Durchgangsstation, Karrieresprungbrett oder Endpunkt. Für Kathrin Lehmann ist die Stadt Lebensmittelpunkt und Resonanzraum. Hier lebt die ehemalige Weltklasse-Athletin heute, hier ordnet sie ihre außergewöhnliche Laufbahn ein und prägt als Expertin die öffentliche Wahrnehmung des Sports mit.
Foto: Anija Schlichenmaier
Ein Karriereweg, der Regeln ignorierte
Was Lehmann erreicht hat, sprengt die üblichen Kategorien des Spitzensports. Bis heute ist sie die einzige Frau, die gleichzeitig auf höchstem Niveau Profi-Fußball und Profi-Eishockey gespielt hat. Die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey in der höchsten deutschen Spielklasse traf, zudem die einzige Frau, die in beiden Sportarten die Champions League gewann. Und die einzige Frau, die im selben Land parallel im Fußball und im Eishockey Meisterin wurde.
Während sich andere spezialisiert haben, kombinierte Lehmann beide Welten. Im Fußball stand sie im Tor, im Eishockey spielte sie als Stürmerin. Zwei Extreme, die sich für sie logisch ergänzten: „Alles, was ich trainiert habe, habe ich immer für beides trainiert“, sagt sie rückblickend. Das sei möglich gewesen, da die Torhüterposition im Fußball eine Maximal- und Schnellkraft-Position und Eishockey eine Maximal- und Schnellkraft-Sportart ist.
Und der Erfolg gab ihr recht. Lehmann spielte in vier Ländern, in ihrer Heimat, der Schweiz, Schweden, Deutschland und den USA – und in jedem dieser Länder gewann sie Teamtitel sowie individuelle Auszeichnung. 1999 wurde sie unter anderem zur Schweizer Fußballerin des Jahres gewählt.
Gänsehaut in Vancouver
Der emotionale Höhepunkt ihrer Karriere liegt für Lehmann in den Olympischen Spielen 2010, an denen sie auch schon 2006 mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft teilnahm. Als Kapitänin führte sie ihr Team in das Eröffnungsspiel gegen die Gastgeberinnen aus Kanada. „Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut“, erzählt Lehmann heute über die Atmosphäre bei diesem Match, „mehr geht nicht“. Ihre Schlittschuhe stehen heute im Olympischen Museum, ein stilles Zeugnis einer großen Karriere.
Und auch im deutschen Fußball schrieb Lehmann Geschichte. Zuvor hatte sie bereits lange in der Bundesliga gespielt, unter anderem für den FC Bayern München und den 1. FFC Turbine Potsdam. Dann, 2021, mit 41 Jahren, kehrte sie noch einmal auf die große Bühne zurück: als dritte Torhüterin des FC Bayern. Am Ende der Saison konnte sie sich mit den Münchnerinnen schließlich doch noch den Traum der Deutschen Meisterschaft erfüllen.
Studieren zwischen Trainingstaschen
Parallel zu all dem studierte Kathrin Lehmann Literaturwissenschaft, Mediävistik und Neue Geschichte. Sie lernte während Busfahrten und Trainingslagern, doch was für viele unvorstellbar klingt, war für sie Normalität. „Nie hat man so viel Zeit zu studieren, wie wenn man Spitzensportlerin ist“, sagt sie.
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Eine Stimme mit Haltung
Auch nach dem Karriereende blieb Lehmann dem Sport treu. Heute ist sie eine feste Größe im deutschsprachigen Sportjournalismus, arbeitet als TV-Expertin und Kommentatorin unter anderem für das ZDF, MagentaSport und das Schweizer SRF. Ihre Analysen sind präzise, unaufgeregt, fundiert und geprägt von ihrer eigenen Erfahrung auf höchstem Niveau. Besonders im Frauenfußball ist sie eine der glaubwürdigsten Stimmen und ist sich auch nicht zu schade, kuriose Spielsituationen wie Alexandra Popps Hechtsprung bei der Fußball-Frauen-Weltmeisterschaft 2023 kurzerhand im Studio selbst nachzustellen.
Seit rund 20 Jahren organisiert sie zudem eigene Sportcamps für Mädchen und Frauen von jung bis alt. „Gemeinsam spielen, lachen, lernen“ lautet dabei ihr Leitsatz. Es geht ihr nicht nur um Technik, sondern um Selbstvertrauen, Gemeinschaft und Haltung.
Denn als Frau, die in männerdominierten Sportarten Fuß gefasst hat, kennt Lehmann auch die Schattenseiten. Sie spricht offen darüber, wie sehr Gleichberechtigung im Sportalltag noch immer vom guten Willen Einzelner abhängt. Ob bei der Kabinenaufteilung, der Platzvergabe oder bei grundsätzlichen Förderentscheidungen in Vereinen und Verbänden, vieles ist bis heute nicht selbstverständlich. Besonders prägend war für sie ein Satz aus ihrer Jugend: Sie dürfe nicht weiter Eishockey spielen, weil sie „einem guten Jungen den Platz wegnehmen“ würde. Ein Satz, der sinnbildlich für eine strukturelle Ungleichheit steht, die bis heute nicht vollständig überwunden ist.
Lehmanns Antwort darauf war jedoch nie Rückzug, sondern Leistung. „Wer sehr gut ist, dem öffnen sich Türen“, fasst sie nüchtern zusammen. Sie weiß zugleich, dass dieses Prinzip nicht für alle funktioniert und dass viele Talente auf der Strecke bleiben.
Ein Vorbild, das wirkt
Vielleicht liegt aber genau hier ihre größte Bedeutung: Kathrin Lehmann steht für eine Generation von Sportlerinnen, die sich ihren Platz nicht erbittet, sondern hart erarbeitet haben. Die Systeme nicht romantisieren, aber verändern wollen, und die heute als Expertinnen, Mentorinnen und Vorbilder Verantwortung übernehmen. Sie ist mehr als eine ehemalige Athletin, sondern eine Stimme des Sports, die über Titel hinaus wirkt. Und für junge Mädchen, die heute auf Eisflächen oder Fußballplätzen stehen, ist sie der Beweis, dass außergewöhnliche Wege erreichbar sind, auch wenn sie zunächst unmöglich erscheinen.
Manche Interviews sind mehr als nur ein Gespräch über Bücher – sie sind Begegnungen, die Spuren hinterlassen. 2019 durfte ich Vanessa Walder zum ersten Mal interviewen. Was damals mit einem neugierigen Austausch begann, ist inzwischen eine echte Freundschaft geworden. Vanessa ist für mich nicht nur eine beeindruckende Autorin mit einem feinen Gespür für Sprache, Spannung und Humor, sondern auch eine Mentorin, die mich immer wieder mit ihrer Offenheit, Direktheit und Kreativität inspiriert. In unserem aktuellen Gespräch dreht sich alles um ihr neues Buch „Nightmore – Das gruseligste Internat der Welt: Plötzlich Werwolf“ – den ersten Band einer vielversprechenden Reihe, in der es humorvoll, düster und herrlich anders zugeht. Viel Spaß beim Lesen dieses Interviews mit einer Autorin, die genauso viel Herzblut wie Biss in ihre Geschichten steckt!
Leo: Die Charaktere sind wirklich außergewöhnlich – von der Selkie Isla bis zum Zombie Edgar. Gibt es eine Figur im Buch, die dir beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen ist? Und wenn ja, warum?
Vanessa Walder: Sinista! Ich hab lange gebraucht, bis ich gefunden habe, wer die weibliche Hauptrolle spielen soll. Erst dachte ich, vielleicht eine Vampirin, aber das hat nicht so wirklich gepasst. Und dann hatte ich eines Tages ihre kratzige, raue Stimme im Ohr und da war sie. Ich liebe ihre Art die Welt zu sehen und wäre gerne noch viel mehr wie sie. Super pragmatisch, grausam ehrlich, mega loyal und ohne falsche Scham.
Leo: Wie viel Arbeit steckt in der Planung einer Welt wie Nightmore, in der alles ein bisschen „anders“ ist?
Vanessa Walder: In diesem Fall sehr, sehr viel. Für dieses Buch hat mir der Loewe Verlag an allen Ecken und Enden Ausnahmen gewährt. Und immer, wenn du bestehende Regeln brechen willst, musst du das gut begründen und argumentieren können. Ein Grusel-Erstleser, über 100 Seiten, schwarzweiße Innenillus, ein englischer Titel, englische Namen und Begriffe im Text, schwarzer Humor. Und dann ist da immer die feine Balance zwischen hochwertigem Aussehen und schöner Ausstattung und einem Preis, den man sich auch mit einem kleinen Taschengeld leisten kann. Inhaltlich ging es vor allem darum, eine zeitlose Welt zu schaffen. Ich wollte nicht in der Vergangenheit erzählen, aber ich wollte auch keine Handys und kein Internet im Buch. Irgendwann ist mir klar geworden, dass es in Nightmore einfach keinen Strom gibt. Von der ersten Idee bis zum fertigen Buch sind ziemlich genau drei Jahre vergangen. In der Zeit war ich fast täglich in irgendeiner Form mit Nightmore beschäftigt. Besprechungen, Pitches, Schreiben, Lektorat, Illustrationen, Cover, Schriftarten, Präsentation usw. Aber am Ende ist es für mich wirklich rundum geglückt. Ich könnte Tausende Abenteuer aus Nightmore erzählen. Das Schöne ist: Der Ort ändert sich nicht, die Charaktere sind unsterblich: Das perfekte Setting für eine Serie!
Leo: Warum hast du die Schule ausgerechnet in die Hochmoore Schottlands verlegt – und nicht in ein düsteres Schloss in Transsilvanien oder einen Vulkan?
Vanessa Walder: Die Frage kannst du natürlich immer stellen: Warum da und nicht woanders? Warum der und nicht die? Stephen King hat mal gesagt „Schreiben heißt Entscheidungen treffen“. Für mich war der Ausgangspunkt der Gedanke, dass ich ein Internat erzählen will. Und die sind in Großbitannien einfach üblich, während sie bei uns selten sind. Dann kommt dazu, dass ich Schottland liebe. Ich war selbst als Kind und Jugendliche länger dort und kenne mich deshalb ein bisschen aus. Für mich gibt es keine mystischere, geheimnisvollere Landschaft. Wenn es irgendwo echte Feen und Fabelwesen gibt, dann da. Also habe ich angefangen zu recherchieren und ganz viele wunderbare Bücher zu Schottischen Fabeln und Mythen und Legenden gelesen. Kaum jemand weiß zum Beispiel, was es UNTER Eddinburgh zu entdecken gibt. Es gibt auch mehrere tolle Karten von Schottland mit den verschiedenen Wesen und wo sie zu finden sind. Ich habe in Band 1 erstmal nur Nessie, den Beithir und die Selkies erzählt. Aber es werden noch ganz viele andere schottische Wesen auftauchen. Da gibt es so viele und alle sind faszinierend.
Leo: Wenn du einen Tag als Schülerin an der Nightmore Academy verbringen dürftest: An welchem Unterricht würdest du teilnehmen wollen – und bei welchem Lehrer?
Vanessa Walder: Nicht am Folterunterricht, vielen Dank! Ich würde gerne in einem Ruderboot auf den Wellen des Sees schaukeln und dem Ungeheuer von Loch Ness zuhören. Aber in Band 2 taucht auch der Geist von Mary, Queen of Scots auf, die „Kompotte & Komplotte“ unterrichtet – Kochen und Staatskunde. Das würde mich auch sehr interessieren.
Leo: Was ist deine persönliche Lieblings-Ecke auf dem Schulgelände? (z. B. das Blutballfeld, der Friedhof, der Burggraben mit Krokodilen…)
Vanessa Walder: Das Seeufer. Im See wohnt ein krakenartiges Monster, das bei Sonnenuntergang und Sonnenaufgang tanzt und seine Tentakel dabei aus dem Wasser streckt. Das würde ich gerne mal sehen. Wow. Und schon freue ich mich auf Band 3!
Leo: Wie würdest du die Freundschaft zwischen Fynn und Sinista in einem Satz beschreiben?
Vanessa Walder: Fynn bringt Sinistas fürsorgliche Seite zum Vorschein und Sinista kitzelt Fynns Mut an die Oberfläche – eine Freundschaft, die in beiden das Beste hervorruft, ohne einen zu verbiegen.
Leo: Welche besonderen Herausforderungen bringt es mit sich, für Leseanfänger zu schreiben?
Vanessa Walder: Es gibt tausend Regeln für Erstleser. Die Satzlänge, die Wortlänge, die Anzahl der Zeilen und Sätze pro Seite und der Anschläge pro Kapitel. Keine Fremdwörter, keine komplizierten grammatikalischen Konstruktionen. Du solltest nicht voraussetzen, dass Erstleser wissen, zu wem eine direkte Rede gehört, auch wenn nur zwei Leute miteinander reden und der andere gerade was gesagt hat. Wir haben bei diesem Buch viele dieser Regeln verbogen. Ich habe mir oft gedacht, dass ich gerne mehr Platz hätte, mehr Athmosphäre schreiben würde, mehr beschreiben. Aber am Ende liegt genau darin die Herausforderung: mit wenigen Buchstaben eine Welt und Charaktere zu zeichnen, die im Leser leben. Ich weiß dieses ökonomische Schreiben immer mehr zu schätzen, wo du dich bei jeder Zeile fragst, ob sie nötig ist.
Leo: Was liest du selbst gerne, wenn du mal nicht schreibst – und liest du auch Kinderbücher?
Vanessa Walder: Ja, ich lese auch Kinderbücher. Ich lese sehr viel, aber kaum privat. Also selten so, dass ich einfach nach Geschmack entscheide, was ich gerne lesen möchte. Ich lese, um Stoffe für Filme oder Serien zu finden oder um für ein neues Projekt zu recherchieren. Im Moment bin ich ganz tief im Thema Hirsche und Wölfe im Yellowstone National Park und Trophische Kaskade. Die Recherche nähert sich dem Ende, dann fange ich an, den 5. Band von „Das geheime Leben der Tiere“ zu schreiben. Davor waren es Dutzende Bücher über Pflanzen und ihre Sinneswahrnehmungen. Kräuter und wie man sie verwendet. Die Heilkräfte verschiedener Inhaltsstoffe. Das war für den 3. Band von „Flora Magica“. Das klingt im ersten Moment seltsam, dass jemand nicht nach Geschmack entscheidet, was er liest, ich weiß. Aber auf die Art sind so viele Themen in mein Leben gekommen, mit denen ich mich sonst nie beschäftigt hätte.
Leo: Nightmore ist perfekt für Kinder, die sich ein bisschen gruseln und viel lachen wollen. Was wünschst du dir, dass junge Leserinnen und Leser aus der Geschichte mitnehmen – außer Werwolfwissen und Blutballregeln?
Vanessa Walder: Da sagen Kinderbuchautoren dann traditionell, dass es um innere Werte geht und Zusammenhalt und das Hinterfragen von Vorurteilen – das stimmt auch alles. Aber mit dieser Serie will ich nur eines: Lesespaß erzeugen! Ob und was ein Leser davon mitnimmt, ist für mich zweitranging. Ich will, dass Kinder zwischen 7 und 12 dieses Buch lesen und sich amüsieren und lachen und gespannt sind und es am besten in einem Rutsch durchlesen. Das ist keine Geschichte, die man erstmal verdauen muss, die einem im Magen liegt. Das ist ein Snack. Und danach soll der Hunger größer sein als vorher. Der Lesehunger. Dann sollen sie sich gleich das nächste Buch schnappen. Egal, was das ist. Was bleiben soll, ist das Bauchgefühl: Lesen = Spaß. Das ist in den letzten Jahren leider verloren gegangen. Immer weniger Kinder können oder wollen lesen. Viele Erstlesebücher richten sich aber nur an kleine Kinder und erzählen dann sehr zahme, brave Geschichten. Was, wenn der „Erstleser“ zehn ist? Dann muss ihn die Geschichte anders packen. Die Kinder wachsen mit TikTok und YouTube auf. Da sagt ihnen das Video in den ersten 2 Sekunden, worum es geht. Alles hängt an den Hooks. Daran habe ich mich bei diesem Buch orientiert. Es erzählt nicht erst, wie traurig Fynn ist und dass er ganz neu und verloren an eine Schule kommt, um dann im 2. Kapitel mit der Action anzufangen. Auf der 2. Seite klettern wir mit Fynn aus dem Fenster und hängen über dem Burggraben mit den Krokodilen. Ich hoffe, dass Kinder dieses Buch verschlingen – und am Ende mehr Bücher wollen. Die Jahre der Bücherwürmer und Leseratten und Büchereulen sind vorbei. Vielleicht brauchen wir jetzt Bücherkrokodile und Lesemonster?
Leo: Wenn du selbst ein Wesen aus der Nightmore-Welt sein müsstest – wärst du lieber Vampir, Werwolf oder Dämonin?
Vanessa Walder: Dämonin. 100%.
Leo: Stell dir vor, du darfst eine Halloweenparty an der Nightmore Academy planen – was steht auf dem Buffet?
Vanessa Walder: Uuuuuh. Was für eine Idee! Für die Gäste auf jeden Fall Augapfelstrudel, Schleimkuchen, Spinnenkekse und Madentorte. Für mich wär’s dann aber doch etwas konservativer, aber ich kann meine Schokoladentaler ja heimlich futtern.
Leo: Hast du als Kind selbst gerne Gruselgeschichten gelesen – und wenn ja, welche war deine liebste?
Vanessa Walder: NEIN! Ich hab nicht gern Grusel gelesen. Ich hab’s trotzdem gemacht und mich dann lange gefürchtet. Ich habe als Kind einen Band der ??? gelesen, in dem ein Phantom vorkam. Als das zum ersten Mal aufgetaucht ist (es hat Klavier gespielt), hatte ich schon genug. Ich hab das Buch ins Eisfach gepackt. Übrigens scheine ich mit der Methode nicht allein gewesen zu sein. Das kam nämlich (Jahre später) in einer Episode der Serie Friends auch vor. Nur war es da Stephen Kings Shining. Das hab ich auch gelesen, als ich etwas älter war. Schrecklich! Ich hatte Albträume. Aber es ist halt leider sehr gut geschrieben. Ich wollte auf keinen Fall Grusel in einem Ausmaß erzählen, das Kindern echte Ängste bereitet. Ich will nicht, dass mein Buch im Eisfach landet. Davon hat keiner was. Es gibt ein bisschen Grusel und sehr viele gruselige Gestalten, aber der Grusel wird immer wieder durch Witze gebrochen. Trotzdem weiß ich von einer Testleserin, dass sie auf Seite 1 abgebrochen hat. Da hat Fynn ein „blutiges Steak“ dabei, mit dem er die Krokodile füttern will. Das Wort „blutig“ hat gereicht fürs Eisfach…
Vanessa Walder schafft es wie kaum eine andere, Geschichten mit Tiefgang, Witz und einer Portion Gänsehaut zu erzählen – und das nicht nur auf dem Papier. Auch im echten Leben ist sie jemand, der andere mitreißen, ermutigen und weiterbringen kann. Ich bin dankbar für dieses erneute Interview, für Vanessas Vertrauen – und vor allem für unseren regelmäßigen Austausch seit unserem ersten Gespräch. Wer „Nightmore“ noch nicht gelesen hat, sollte dringend einen Blick riskieren. Es lohnt sich. Und ich bin mir sicher: Auch Band 2 wird wieder so wild, klug und unheimlich unterhaltsam wie Vanessa selbst.
Am 26. März 2025 haben wir in der Alten Kelter in Winnenden die Gelegenheit, in das Universum von Carolin Wahl einzutauchen und den dritten Band ihrer „Crumbling Hearts“-Reihe kennenzulernen. In „Larsson Legacy“ prallen zwei völlig unterschiedliche Sphären aufeinander – die Welt der Wohlstandsgesellschaft und das Drama der verbotenen Liebe. Enemies-to-Lovers in seiner spannendsten Form!
Carolin Wahl, die 1992 in Stuttgart geboren wurde, hat nicht nur ihre Leidenschaft für Geschichten in ihre Werke eingebracht, sondern auch ihre Liebe zum Reisen und zu fremden Kulturen. Mit einem Germanistik- und Geschichtsstudium in der Tasche und vielen Jahren, in denen sie mit ihrem Ehemann die Welt bereist hat, verbindet sie in ihren Romanen tiefgründige Erzählkunst mit der Faszination für fremde Welten.
Leo: Wie würdest du „Larsson Legacy“ in drei Sätzen beschreiben?
Carolin Wahl: Eine intensive Wohlfühlgeschichte fürs Herz. Zum Wegträumen und Mitfühlen. Gleichzeitig auch voller kleiner, witziger Momente und der Frage: Wer bin ich und wer möchte ich sein?
Leo: Was hat dich dazu inspiriert, diese Geschichte zu schreiben?
Carolin Wahl: Ich liebe Theaterstücke und „Romeo und Julia“ ist eines meiner liebsten – daher hat es sich einfach richtig angefühlt, dieses Retelling oder „Trope“ für Theo und Lovisa aufzugreifen. Beide sehr willensstark mit den einflussreichen Familien im Hintergrund.
Leo: Warum spielt die Handlung in Oslo? Hast du eine besondere Verbindung zu Norwegen?
Carolin Wahl: Ich wollte einen Ort für meine Geschichte, an den man sich träumen kann. Oslo ist eine so schöne und vielfältige Stadt, bei meinen Besuchen habe ich mich immer mehr verliebt und hoffe, dass ich diese besondere Atmosphäre in den Büchern transportieren konnte.
Leo: Was macht die Familie Larsson so besonders?
Carolin Wahl: Der Zusammenhalt der Geschwister und das Urvertrauen, das sie in ihre Beziehung haben. Auch die non-verbale Kommunikation, die man eben nur als Geschwister haben kann.
Leo: Dein Buch verbindet Romantik mit Familiendrama – was reizt dich besonders an dieser Kombination?
Carolin Wahl: Ich habe selbst immer gerne Serien, Filme und Bücher mit Familienclans gelesen: egal, ob historisch, real oder fiktiv. Es hat eine ganz eigene Dynamik, denn Familie kann man sich (meistens) nicht aussuchen und das hat den besonderen Reiz ausgemacht.
Leo: Welche Themen sind dir in diesem Buch besonders wichtig?
Carolin Wahl: Selbstfindung, innere Stärke und der Mut, für die Dinge einzustehen, die einem etwas bedeuten. Egal, ob Hindernisse im Weg sind.
Leo: Was können Leserinnen und Leser von deiner Lesung am 26. März hier in Winnenden erwarten?
Carolin Wahl: Einen gemütlichen und lustigen Abend, mit Einblicken hinter die Kulissen einer Autorin.
Ein ganz großes Dankeschön an Carolin Wahl, dass sie sich die Zeit genommen hat, uns so viele spannende Einblicke in ihre Arbeit und ihre Geschichten zu geben. Ich freue mich schon riesig auf die Lesung am 26. März 2025, die ich übrigens moderieren darf – es wird bestimmt ein toller Abend! Wenn euch das Interview neugierig gemacht hat, schaut unbedingt vorbei und erlebt die Atmosphäre hautnah. Vielleicht habt ihr ja Glück und dürft euch über ein signiertes Buch oder andere schöne Überraschungen freuen, denn unter allen Anwesenden verlosen wir ganz tolle Preise.
Am 17. Februar 2025 startete die neue Staffel von „Dein Song“ auf KiKA. In dieser Musikshow schreiben junge Talente ihre eigenen Songs und präsentieren sie einem breiten Publikum. Sie bekommen dabei Unterstützung von prominenten Musikcoaches und können ihre Kreativität in der Musikproduktion voll ausleben. Die Show ist besonders bei Jugendlichen beliebt, da sie nicht nur die Musik, sondern auch die persönliche Entwicklung der Teilnehmenden in den Mittelpunkt stellt. Es gibt auch immer wieder spannende Geschichten von den jungen Talenten, die ihre eigene Musikgeschichte erzählen. Unter ihnen ist Emily, eine 16-jährige Schülerin aus Stuttgart, die mit ihrem selbstgeschriebenen Song „Hör nicht auf den Schmetterling“ das Publikum begeistern möchte. Mit einer einzigartigen Mischung aus Rock, Pop und Klassik hat sie nicht nur die Musikszene erobert, sondern auch unsere Herzen. Ich habe mit Emily über ihre Teilnahme an der Show, ihre Inspiration und ihre musikalische Reise gesprochen.
Emily: Mein musikalisches Talent hat mein Papa als Hobbymusiker entdeckt. Er hat schon damals erkannt, dass ich mir schwere Melodien merken kann und war sehr erstaunt. Dann hat er mit meiner Stimmbildung angefangen. Ich war damals sechs Jahre alt. Seit dem trete ich jedes Jahr bei mehreren Stuttgarter Festen auf, wie auch in der Staatsoper Stuttgart in den Produktionen. Ich liebe es aufzutreten. Mit meinen Gesangsauftritten schenke ich den Menschen Freude und lade mich gleichzeitig vom Publikum auf. Und das macht mir riesengroßen Spaß! Doch plötzlich kam die Corona-Pandemie und das ganze Kulturleben wurde auf 0 gesetzt. Auch meine Motivation wurde immer kleiner. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben und habe stattdessen meine Gefühle in Songs umgewandelt. Und so kam es dazu, dass ich meine eigenen Songs schreibe.
Leo: Was steckt hinter dem Titel deines Songs „Hör nicht auf den Schmetterling“?
Emily: Ich mache mir selbst oft zu viele Sorgen und Gedanken über die Zukunft. Irgendwann war ich im Garten und habe eine grüne Raupe beim Blätter essen beobachtet. Und da hab ich mich gefragt: Was wäre, wenn ich der Raupe erzählen würde, dass sie in einigen Wochen zu einem wunderschönen Schmetterling wird und hoch in die Luft fliegt. Ich bin mir sicher, die Raupe würde mir eiskalt ins Gesicht lachen. Und genauso würde mir der Schmetterling ebenso nicht glauben, dass er von einer Raupe stammt. Und wir Menschen? Von wo kommen wir? Und was wird aus uns in der Zukunft? Keiner, auch nicht der Schmetterling wissen die Antwort dazu. Deswegen hör nicht auf den panischen Schmetterling und genieße stattdessen dein jetziges Leben!
Leo: Welchen Einfluss haben die verschiedenen Musikrichtungen, die du magst, auf deinen Song?
Emily: Das finde ich tatsächlich eine sehr interessante Frage. Seit meiner Kindheit habe ich ein äußerst vielseitiges Repertoire an Songs, die ich singe. Von Rock und Pop bis zu Chanson und Klassik. Doch ich singe nicht nur in verschieden Musikrichtungen, sondern höre auch ganz viel Unterschiedliches. Ich würde sagen, ich lasse mich sehr stark von meiner Umgebung beeinflussen, was Musik angeht. Von Freunden und sozialen Medien kenne ich eher die trendigen Pop-Songs. Von meiner Oper, in der ich singe, komme ich der Klassik näher. Und dann kommt noch mein Vater, der mir seine Liebe zu Classic-Rock weitergegeben hat. Ich würde sagen, ich habe auch eine ziemlich vielseitige Persönlichkeit. Ich liebe es, neue Sachen auszuprobieren, was ich in meinen Songs auch tue. „Hör nicht auf den Schmetterling“ ist ein gutes Beispiel dafür.
Leo: Wie fühlt es sich an, mit anderen Talenten an „Dein Song“ teilzunehmen?
Emily: Musik verbindet Menschen. Ich finde es wirklich toll, dass man bei „Dein Song“ die Möglichkeit hat, mit Jugendlichen im gleichen Alter und den gleichen Interessen in Kontakt zu kommen. Manchmal fühle ich mich missverstanden und da ist es schön Leute kennenzulernen, die so sind wie ich. Wir haben auch eine Chat-Gruppe, wo wir sehr oft schreiben und uns im Gruppen-Call anrufen. Während dem Songwriting-Camp haben wir sogar einen gemeinsamen Song namens „Break the Chain“ geschrieben!
Leo: Was war der spannendste Moment für dich während der Dreharbeiten?
Emily: Es gibt tatsächlich unzählige Sachen, die ich aufzählen könnte, aber wenn ich mich sehr kurzhalte, habe ich mich wirklich sehr auf die Bandsession gefreut. Ich habe ja bereits im Casting erwähnt, dass ich meinen Song in Rock umwandeln möchte – und mit der Dein Song-Band kann das dann hoffentlich auch umgesetzt werden!
Leo: Was sind deine nächsten Ziele, sowohl musikalisch als auch privat?
Emily: Ich werde auf jeden Fall weiterhin viel Musik machen, neue Songs schreiben und diese auch auf der Bühne mit meinen Gesangsauftritten vorstellen. In Zukunft will ich mein eigenes Album rausbringen mit vielen vielseitigen Songs von mir. Und privat würde ich währenddessen noch mein Abitur bestehen.
Leo: Abschließend: Was können die Zuschauer von dir in dieser Staffel erwarten?
Emily: Ich werde mein Versprechen halten und aus meinem Song eine Rockversion schaffen. Ebenso können die Zuschauer von mir mit viel Neugier und Ausprobieren rechnen. 😉
Emily ist ein echtes Naturtalent, das mit ihrer Musik und ihrer Leidenschaft nicht nur die Bühne, sondern auch unsere Herzen erobert hat. Wir können gespannt sein, wie ihre Reise bei „Dein Song“ weitergeht und welche musikalischen Überraschungen sie noch für uns bereithält.
TV-Tipp: Die 17. Staffel von „Dein Song“ startete am 17. Februar 2025. Insgesamt 16 Folgen sind immer montags bis donnerstags um 19:25 Uhr bei KiKA zu sehen. Die Final-Show wird am 14. März 2025 ab 19:05 Uhr live bei KiKA zu sehen sein.
Ich beschäftige mich tatsächlich schon etwas länger mit diversen Kommunikationstechniken und bin fasziniert davon, wie man allein durch Menschenkenntnis, Empathie und einer schnellen Beobachtungsgabe sein Gegenüber lesen und beeinflussen kann. Um das „Lesen und Schreiben“ der Menschen geht es mir dabei weniger, sondern tatsächlich um die Geheimnisse der zwischenmenschlichen Kommunikation. Natürlich habe ich zu diesem Thema auch viel recherchiert und dabei die Bücher von Timon Krause entdeckt. Er ist Gedankenleser, Philosoph und Trainer für Menschenkenntnis. Außerdem gewann er mit nur 16 Jahren den Titel „Best European Mentalist“. Im Rahmen seiner Show „Mind Games“ war Timon Krause Ende September auch in Stuttgart und deshalb habe ich direkt die Gelegenheit genutzt, ihm ein paar Fragen zu stellen.
Leo: Okay, ich finde es gerade sehr spannend, aber auch creepy, dir gegenüber zu sitzen. Ich habe deine Bücher gelesen und auch online einige Videos gesehen und ich weiß, dass du aus der Mimik und Gestik sehr viel schon auf den ersten Blick deuten kannst. Kannst du jetzt gerade im Moment irgendetwas über mich sagen? Also im Prinzip, dass du spontan versuchst, mich zu „lesen“.
Timon Krause: Eigentlich gar nicht. Wenn ich es darauf anlegen würde ggf. schon, aber es ist so, dass ich das auf der Bühne anschalte und im Alltag nicht ausschalten muss. Das heißt, dass das etwas ist, das ich bewusst machen muss. Natürlich geht ein bisschen was in den Habitus über, aber es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit Menschen analysiere. Ich glaube, das wäre auch sehr anstrengend. Aber wenn ich es darauf anlegen würde, ich weiß ja jetzt ein paar Sachen über dich. Ich würde schätzen, dass du – ähnlich wie ich – dich in der Schule manchmal selbst abgegrenzt hast oder abgegrenzt wurdest, weil du sehr stark deinen eigenen Weg gehst. Aber auch, weil du ein bestimmtes Opfer dafür bringst, dass du sagst, dass du bereits jetzt weißt, was du machen möchtest und du da auch ganz viel daran setzt. Das war zumindest meine Erfahrung in der Schule und ich kann mir vorstellen, dass es dir ähnlich damit geht, dass du sagst, dass du jetzt schon weißt, was du machst. Nicht dass man jetzt gemobbt wird oder so – weiß ich jetzt nicht, ob das so ist, mir ging es eine Zeit lang so und dann nicht mehr. Aber eine gewisse Abgrenzung war da, weil ich einfach ganz bestimmte Vorstellungen von dem hatte, was ich gerne machen wollte und ich würde das jetzt mal auf dich projizieren – aber es könnte auch falsch sein. Ich glaube, dass du nach außen hin für die Interviews gelernt hast, eine gewisse Unsicherheit zu verbergen, die aber da ist und sich manchmal ganz kurz in deinen Augen widerspiegelt, die drückst du dann aber wieder nach unten, weil du in einen Modus für die Interviews reinkommst. In dem Moment, wo wir uns kennengelernt haben und hier hergelaufen sind, warst du eindeutig etwas unsicherer – vielleicht auch weil es kein Kontext ist, in dem du schon einmal gewesen bist. Du warst sofort deutlich sicherer in dem Moment, in dem du die Interviewkarten in die Hand genommen hast und angefangen hast, zu interviewen, weil du das kennst und weißt, wie der Prozess abläuft. Du bist neugierig und hörst extrem gut zu und schaust genau hin. Das ist interessant, weil viele Interviewer und Interviewerinnen bzw. Journalisten und Journalistinnen zuhören, aber nicht hinschauen, du bist aber mit dem Augenkontakt da und ich glaube, das wird dir in deiner Interviewlaufbahn wahrscheinlich einiges bringen, weil du es dann einfacher haben wirst, mit Menschen Rapport zu bauen, das heißt, mit ihnen auf eine Wellenlänge zu kommen. Das wär so aus dem Stegreif.
Leo: Das ist aber relativ viel aus dem Stegreif, das ist tatsächlich sehr beeindruckend.
Timon Krause: Ich weiß nicht, ob es stimmt oder nicht. Vielleicht sagst du auch: „Timon, das war ganz weit weg vom Schuss!“ und du denkst dir: „Alter, was ist das denn für ein Typ, was labert der?“. Das kann auch sein. Wäre für mich aber auch in Ordnung, das würde mir auch keinen Zacken aus der Krone brechen.
Leo: Ich sag dir nachher am Ende des Interviews, ob du richtig liegst. Das war einfach ein kleines Experiment, das mich interessiert hat. Okay, dann machen wir weiter mit den anderen Fragen. Seit du den 1. Platz der Show „Fool us“ gewonnen hast und alle mit deinen Fähigkeiten beeindruckt hast, bist du für viele junge Menschen, die sich mit Psychologie auseinandersetzen, ein Vorbild geworden. In einem Interview hast du mal erzählt, dass du mit 12 Jahren nach einer Hypnose-Show erkannt hast, dass du Mentalist werden willst. Aber dass du zu jung warst und dich das niemand lehren wollte. Wenn du nun so ein paar Jahre zurückdenkst, hättest du jemals gedacht, dass du es eines Tages soweit schaffst? Hattest du immer dieses Urvertrauen in dich selbst, dass du alles erreichen kannst, was du dir vornimmst?
Timon Krause: Das nicht, ich habe einen Urrealismus gehabt, sodass ich gesagt habe, wenn ich erreichen möchte, was ich erreichen möchte, dann muss ich alles dafür geben. Der Realismus ist aber, dass ich gesagt habe, das kann auch nicht klappen. Ich habe extrem viel Glück gehabt und ich bin extrem häufig zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen und auch mit den richtigen Menschen. Und auch jetzt sind die Menschen, die du da gesehen hast… wir haben beide sehr gelacht, mein Techniker und ich, denn als du reinkamst und der Herr gesagt hat: „Hey, Timon, dein Interview ist da“, kam Niklas direkt angelaufen und hat mir das Headset abgenommen, als wäre er mein Assistent, der auf einmal so erscheint „Boom, ja, alles klar, Chef!“ – es ist nicht so! Das war kompletter Zufall. Aber das Team zieht, ich würde mal sagen, 80% der Show. Ich stehe vorne, ich performe das dann und ich schreibe und entwickle natürlich die Show, das ist natürlich ein großer Teil. Aber das Team, das da ist, und natürlich auch dahinter, also z.B. die Agentur und das Management, das mir dabei hilft, das wirklich alles auf die Beine zu stellen, die sind so wertvoll! Und ohne die hätte ich nicht die Hälfte und auch nicht ein Viertel und auch nicht ein Achtel von dem geschafft, was ich jetzt schaffen durfte bzw. was wir schaffen durften. Aber ich habe immer gesagt, ich würde lieber alles geben und es nicht schaffen. Oder was heißt nicht schaffen, das ist auch falsch formuliert. Früher hatte ich konkrete Zielsetzungen, wo ich gesagt habe, ich möchte dieses und dieses Ziel erreichen, ich möchte mal „Fool us“ machen, ich möchte mal in Las Vegas spielen, ich möchte mal einen Titel gewinnen – das habe ich alles gemacht. Und jetzt ist es vager geworden, ich möchte mich ausdrücken, ich möchte Kunst machen, ich habe bestimmte Showvisionen, die ich umsetzten möchte, die ich die letzten Jahre nicht umsetzten konnte, weil die Locations zu klein waren, das Budget nicht da war und das kommt jetzt langsam, dass das geht und das ist mega nice. Aber ich glaube, ich wäre vermutlich genauso zufrieden, wenn es weniger weit gekommen wäre und ich trotzdem alles gegeben hätte. Dann wüsste ich zumindest bei mir selbst, dass ich alles gegeben habe und mehr halt nicht geht. Manchmal ist es Glück, manchmal ist es Pech und ich habe viel Glück gehabt.
Leo: Du warst mit 16 Jahren ein Jahr als Austauschschüler in Neuseeland. Dort hast du dann die Technik des Cold Readings von Richard Webster erlernt. Ihn selbst nennst du ja auch deinen Mentor. Ist es in deinem Job so, dass man seine Kenntnisse gerne mit anderen teilt und sein Fachwissen sozusagen weitergibt? Oder halten sich die meisten Künstler eher bedeckt und du hattest, wie du eben gesagt hast, einfach nur Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, als du Richard Webster kennengelernt hast?
Timon Krause: Beides so ein bisschen, früher war das ganz krass, dass es so Mentoren und Schüler*innen gab – wobei meistens Mentor und Schüler übrigens, es ist eine sehr stark männlich dominierte Sparte, Freunde von mir versuchen oft, die weiblich gelesene Person noch mit einzubringen, ich auch, aber es ist aktuell einfach stark männlich dominiert. Aber es war früher einfach oft so, dass es dieses klassische „Ich gebe dir etwas weiter“ von einer Person zur nächsten gab, heute weniger. Einfach wegen der Verfügbarkeit von Ressourcen und der Verfügbarkeit von Material online: YouTube, Bücher und so. Da mache ich ja auch selber mit, dass ich da Sachen und vor allem so die Basics weitergebe. Also es gibt eine Szene, die teilt Sachen miteinander, und es gibt Menschen, die halten sich sehr zurück. Aber ich teile gern.
Leo: Ich bin ja quasi nur zufällig Buchbloggerin geworden, was sich irgendwie während Corona intensiviert hat. Davor war ich eigentlich Kinderreporterin, also Nachwuchsjournalistin. Ich wollte schon immer schreiben und als Journalistin kommt man gut um die Welt und lernt viele Menschen kennen. Ich rede zwar sehr viel, aber ich höre tatsächlich auch gerne zu. Und deshalb höre ich mir gerne spannende Geschichten von ganz unterschiedlichen Personen an. So lernt man nicht nur was über andere, sondern auch tatsächlich viel über sich selbst. Wie ist das bei dir? Du triffst ja nicht nur bei deinen Shows auf Menschen, sondern auch im ganz normalen Alltag. Als Mentalist musst du aber immer fokussieren und beobachten, was wahrscheinlich sehr anstrengend und kräftezehrend ist. Inwiefern nutzt du deine Gabe dann im Alltag? Analysierst du im Supermarkt andere Leute oder versuchst du, im Privatleben „abzuschalten“?
Timon Krause: Ne, umgekehrt, ich schalte das auf der Bühne an. Im Alltag bin ich vermutlich weniger aufmerksam als du gegebenenfalls, das weiß ich nicht. Es ist sehr kräftezehrend. Wenn ich das spezifisch für die Bühne übe, geht natürlich ein bisschen was in den Habitus über. Ich vergleiche das immer mit einem Tänzer, der tanzt nicht immer, aber der läuft immer gerade und man sieht ihm vielleicht eine gewisse Grazie in seinen Bewegungen an, weil man sich damit natürlich intensiv beschäftigt. Du vergisst das ja nicht, das ist ja immer irgendwie da, ein bisschen was wird also in meinen Habitus übergehen. Ich habe es dann gefühlt auch manchmal leichter, mit Menschen Rapport aufzubauen, das ist dann schön, aber ich mache das nicht bewusst. Viele der Techniken, die ich auf der Bühne benutze, sind manipulativ, und da benutze ich sie eben nur zur Veranschaulichung und zum Entertainment. Das würde ich aber im Alltag niemals machen und ich möchte mich im Alltag entspannen können. Ich bin eigentlich sehr introvertiert und möchte dann eben einfach mit Menschen chillen können und nicht solche Sachen machen müssen. Wenn ich irgendwo auf einer Party eingeladen bin und Leute kennenlerne, die wissen, was ich mache, und die hätten gerne, dass ich was mache, dann mache ich das meistens nicht. Das verstehen die dann auch, weil ich halt sage, dass das mein Job ist und ich aber privat hier bin und chillen möchte.
Leo: So ähnlich hat mir das Carolin Kebekus mal erzählt. Sie meinte, dass sie privat in ihrem Alltag nicht lustig sein muss, weil sie es auf der Bühne ist.
Timon Krause: Ja, genau. Ich glaube, das ist genau das gleiche. Und ich merke auch, desto mehr ich auf der Bühne bin, desto weniger habe ich zum Beispiel privat das Bedürfnis, rauszugehen oder unter Menschenmassen zu sein, weil ich so ein bisschen die Balance brauche. Ich muss manchmal einfach auch nur für mich sein oder mit einer Person oder mit zwei Menschen sein, aber dann eher wenig und ruhig.
Leo: Du hast ein neues Buch geschrieben. „Das Versunkene Theater: Magical Realismus Roman – träum Dich in die fantastische Welt des Theaters“ ist etwas ganz anderes als deine bisherigen Bücher. Wie kam es zu dieser Geschichte?
Timon Krause: Das war so ein bisschen mein Selbsttherapie-Projekt. Ich war während Corona tatsächlich schwer depressiv und habe ganz, ganz lange auch einfach nur im Bett gelegen. Und dann habe ich gedacht, weil es auch schwer war, einen Therapieplatz zu kriegen, „Okay, was weiß ich über den menschlichen Geist und was wären die Tipps, die ich meinen Freunden geben würde, wenn sie in so einer Situation wären?“. Und dann habe ich mir quasi ein Trajekt geschrieben bzw. zusammengebaut. Also ein Programm, bei dem ich sage, dass ich diese Sachen jeden Tag konsistent mache, weil ich weiß, dass sie auf dem Papier helfen. Im Best Case geht es mir nach ein paar Monaten besser, im Worst Case geht es mir immer noch schlecht, aber dann habe ich nichts verloren. Ob ich jetzt im Bett liege oder das mache, ist egal. Ein Teil davon ist eben kreativ sein, kleine Ziele setzen und gewisse Strukturen in den Tag einbauen. Dafür habe ich das Buch gewählt und ich habe mir gesagt, dass ich mich jeden Tag von elf bis eins an einen Roman setze. Entweder bis der Roman fertig ist oder bis die Shows wieder losgehen und ich da wieder irgendwo Erfüllung finde. Auf die Geschichte kam ich im Gespräch mit meinen Lieben, ich habe verschiedene Ideen vorgeschlagen und dann ein bisschen weiter gebrainstormt. Im Grunde ist der Gedanke dahinter, dass ich wollte, dass wenn ich keine Shows geben kann, dass ich das Gefühl, das ich dem Publikum in einer Show mitgebe, in einem Buch mitgebe. Ich habe das Buch auch so ähnlich geschrieben wie ich eine Show anfange. Wenn ich eine Show schreibe, dann fange ich ganz hinten an, weil ich weiß, dass ich hierhin mit einer Show hin will und das das Finale sein soll, so soll sie enden. Ich arbeite mich dann quasi von vorne nach hinten durch und gucke, wie und wo ich die Puzzleteile der Show verpacke, sodass am Ende alles Sinn ergibt und dass die Leute dann denken: „Ah, krass, Alter, das war ja alles von Anfang an irgendwie durchgeplant – crazy!“ Und das habe ich im Buch auch so gemacht, dass ich gesagt habe, wo ich im Buch rauskommen will, wie das Gesamtkunstwerk am Ende funktionieren soll. Ganz viel Inspiration kommt aber aus dem Theater, das Buch hat nichts mit meiner Show zu tun. Es ist nicht so, dass du eine Timon Krause-Show liest. Aber das Gefühl soll das gleiche sein. Wenn du dann die Show gesehen und das Buch gelesen hast, kannst du mir gern sagen, ob es das erreicht hat oder nicht, aber ich glaube, du verstehst, was ich meine. Es soll eben diesen Zauber vom Theater einfangen und ganz viele der Figuren, die in dem Buch sind, sind Menschen, die ich getroffen habe und die es auch wirklich gibt. Auch Acts, die es wirklich gibt, die ich da beschrieben habe oder angeschnitten werden, von Leuten, weil ich das da reinpacken wollte. Es ist keine Biografie, aber es ist ganz stark aus meiner Erfahrung im Theater produziert und dann in einen Fiction-Fantastic-Roman verarbeitet.
Leo: Das klingt sehr cool, da freue ich mich auf jeden Fall schon sehr aufs Lesen.
Timon Krause: Ja, da freue ich mich auch, wenn du dir die Zeit nimmst.
Leo: Du hast zwischen deinem ersten Buch und deinem zweiten Buch eine Sache geändert. Während du den Leser zuerst siezt, wechselst du im zweiten Buch zum Du. Warum?
Timon Krause: Das war auf Wunsch des Verlags. Die wollten gerne, dass im ersten Buch gesiezt wird. Ich wollte auch da schon, dass geduzt wird. Das Buch heißt ja auch „Du bist Mentalist!“, es ist also eigentlich ein bisschen dumm, dass da gesiezt wird. Darum habe ich auch ganz am Ende den Bogen zum Du gemacht. Ich glaube, im Nachwort sage ich irgendwo „Ja, Sie sind jetzt mit dem Buch durch und weil wir uns jetzt so gut kennen, würde ich dir an dieser Stelle gerne das Du anbieten. Herzlichen Glückwunsch, du bist Mentalist.“ So endet es ungefähr. Ich wollte das Duzen, sie haben gesagt, dass bei ihnen im Verlag einfach Etikette ist, dass in ihren Büchern die Leser gesiezt werden. Beim zweiten Buch hatte ich einfach schon ein bisschen mehr ein öffentliches Profil in Deutschland aufgebaut. Da war ich ja erstmalig aus den Niederlanden nach Deutschland rübergekommen. Und dann habe ich gesagt, dass mein Publikum vor allem irgendwie Studentenpublikum ist und die Leser alle ein bisschen jünger sind, ich würde gerne duzen. Und dann haben die gesagt, dass das jetzt auch alles Sinn ergibt und wir auf jeden Fall duzen.
Leo: Du bist fast erlöst, aber mich interessiert noch eine Sache. Ich habe dich ja am Anfang gefragt, ob du irgendetwas über mich erzählen, mich kurz „lesen“, kannst. Und innerhalb eines Gesprächs kann man ja auch viel über sein Gegenüber herausfinden. Erinnerst du dich noch halbwegs, was du vorher gesagt hast?
Timon Krause: Ja, ich erinnere mich noch, was ich vorhin gesagt habe.
Leo: Okay, gibt es jetzt noch irgendetwas, das du dem hinzufügen oder anders sagen würdest?
Timon Krause: *überlegt kurz* Ich könnte mir vorstellen, dass du Klassensprecherin bist. Ich habe dich ja auch nicht durch analysiert, während ich hier sitze. Du hast eine gewisse Ruhe, die ich in deinem Alter – das klingt so herablassend, das meine ich nicht – nicht gehabt habe, die ich auch heute manchmal nicht habe. Die ist bei dir schon da. Du hast trotzdem eine gewisse Angespanntheit in dir, ich glaube nicht negativ, aber du bist quasi aktiviert. Du hast eine gewisse Spannung, aber ich glaube, dass du ein Stück weit alles, was du sagst, bevor du es sagst oder während du es sagst, überdenkst. Ich glaube, du bist ein Stück weit… nicht auf deine Außenwirkung fokussiert, aber du bist dir deiner Außenwirkung bewusst. Dass du auch weißt, was du sagst, wie du rüberkommst und wie du rüberkommen möchtest. Ich glaube, dass du neben deinem Blog vermutlich auch Fiction schreibst oder gerne Fiction schreiben würdest oder irgendwann wirst.
Leo: Ich bin tatsächlich schon Autorin.
Timon Krause: Okay, das wusste ich nicht, das tut mir leid. Dann habe ich mich nicht eingängig genug mit dir beschäftigt an dieser Stelle.
Leo: Alles gut!
Timon Krause: Aber das hätte ich mir auf jeden Fall sehr gut vorstellen können, dass du das machst oder mal machen wirst. Ich glaube, du hast mal ein Instrument angefangen und dann aufgehört.
Leo: Das ist ein bisschen gruselig. *lacht* Ich habe mal Gitarre gespielt.
Timon Krause: Ich wollte gerade sagen Gitarre oder Geige, eins von beidem.
Leo: Ich habe vor etwa einem Jahr aufgehört. Es hat auch fast alles gestimmt. Das ist sehr beeindruckend. Auch leicht gruselig, aber auf eine gute Weise.
Timon Krause: *lacht*
Leo: Das Einzige, was nicht gestimmt hat, ist, dass ich nicht Klassensprecherin bin. Aber sonst war eigentlich fast alles richtig.
Timon Krause: Ich weiß auch nicht, warum ich Klassensprecherin dachte. Da war ich mir auch unsicher, aber vielleicht habe ich mal eine Klassensprecherin gehabt, die mich an dich erinnert hat oder so. Ich weiß nicht genau, wo das herkam und warum ich das dachte. Ist das so, dass du dich ein bisschen abschottest oder abgeschottet bist manchmal?
Leo: Teilweise. Ich mache auch Mannschaftssport, ich spiele seit ich fünf bin Fußball. Ich würde auch sagen, dass ich relativ extrovertiert bin. Aber schon einfach bedingt dessen, dass beispielsweise mein Blog relativ viel Zeit einnimmt, fokussiere ich mich da eben auch sehr drauf.
Timon Krause: Okay, so lange du es bewusst machst. Für mich war das nie ein Problem, ich weiß, dass ich ganz viel verpasst habe – auch in meiner Studentenzeit – und das ist okay, weil ich das so wollte. Also ich wollte das nicht verpassen, aber ich habe gesagt, dass ich diesen Moment packen und diese Sachen machen will. Und dann war das eben ein bewusstes Opfer, das ich gebracht habe. Ich habe da sehr viel Zeit reingesteckt, ich habe sehr viele Gigs gemacht und bin rumgefahren und so. Und das ist okay, aber weil das bewusst war. Ich glaube, ich hätte es bereut, wenn ich das an mir hätte vorbeiziehen lassen und dann gedacht hätte: „Crazy, ich wollte das eigentlich anders.“ Denk da ab und zu mal drüber nach, ob du das so oder so machst. Ich glaube, das eine ist nicht besser als das andere. Es gibt so dieses Ideal, das gibt es dann vielleicht auch im Journalismus, als Autorin, ist ja dann auch alles Kunst. Es gibt dieses Ideal vom verhungernden Künstler bzw. von der verhungerten Künstlerin, die alles da reinstecken und sich selbst zerstören. Das habe ich irgendwann losgelassen, weil ich denke, dass das mega dumm ist. Denn wen du verhungert bist, kannst du keine Kunst mehr machen. Dann arbeite halt bei Aldi an der Kasse, wenn es sein muss. Dann mach das halt so, dann hast du zumindest Essen und kannst weitermachen. Deshalb habe ich dieses Ideal irgendwann losgelassen, dieses Selbstzerstörerische. Aber den Eindruck machst du nicht. Ich habe den Hang zur Obsession und den Hang zur Sucht. Und darum muss ich da bei mir immer aufpassen, bis ich sage: „Hey, okay, sei noch vernünftig und pass mal ein bisschen auf dich auf.“ Aber denk auf jeden Fall ab und zu bewusst darüber nach. Du hast nicht nach Ratschlag gefragt, aber das wäre der, den ich dir mitgeben würde. Und überhaupt allen Menschen, die jung mit ihrer Leidenschaft anfangen. Das habe ich für mich richtig gemacht und ich glaube, das ist gut, wenn man das so macht, wenn man das bewusst macht.
Leo: Dann danke ich dir für dieses doch relativ tiefgründige Gespräch.
Timon Krause: Danke dir, das hat Spaß gemacht! Ich mache jetzt seit Juli oder so viel Promo für die neue Tour, die kommen wird – also ganz viele Pressereisen und so. Und das hier war auf jeden Fall eins der angenehmeren, ich würde mal sagen Top 3 der angenehmeren Interviews, die ich gehabt habe. Das hast du fantastisch gemacht, wirklich gut. Nicht dass du mein Lob brauchst, aber es war einfach wirklich angenehm.