{Rezension} Situationship:
Klare Regeln – but make it spicy

Situationship
Klare Regeln – but make it spicy
von E. M. Wilson

dtv
Paperback
Romance
448 Seiten
Meine persönliche Altersempfehlung: ab 18 Jahren
ISBN: 978-3-423-22143-6
Ersterscheinung: 01.08.2025

Inhalt:
Teagan hat nach einer langweiligen Beziehung absolut kein Interesse an emotionalem Drama. Sie will Freiheit, Spaß und jemanden, der ihr zeigt, was sie verpasst hat. Heath, der Bad Boy aus ihrem Freundeskreis, scheint dafür wie geschaffen, denn er ist heiß, unvernünftig und garantiert der Letzte, mit dem sie je eine Beziehung wollen würde. Aus diesem Grund schließen die beiden eine streng geregelte „Situationship“, die ausschließlich auf körperlicher Anziehung beruhen soll. Doch während ihre Treffen intensiver werden, geraten nicht nur ihre Grenzen ins Wanken – auch alte Wunden und ein verdrängtes gemeinsames Kapitel rücken unerwartet wieder in den Vordergrund und stellen alles infrage, was sie voneinander zu wissen glaubten.

Meinung:
Normalerweise gehören Bücher mit sehr viel Spice nicht zu meinen Favoriten, denn meistens fehlt mir dort der emotionale Kern. Umso überraschter war ich, wie viel Tiefgang diese Geschichte letztlich entwickelt. Zu Beginn hatte ich noch das Gefühl, dass der Fokus stark auf körperlicher Spannung liegt, fast ein wenig zu sehr, um emotional einzutauchen. Die erste Hälfte war für mich daher eher ein solides Warmwerden: unterhaltsam, witzig, prickelnd, aber noch nicht wirklich berührend. Doch dann kam die zweite Hälfte – und genau hier hat mich der Roman endgültig gepackt. Als endlich die gemeinsame Vorgeschichte, die Verletzungen und die Hass-Liebe zwischen Teagan und Heath ins Zentrum rücken, verändert sich die Tonalität spürbar. Der Roman bekommt plötzlich genau die Tiefe, nach der ich mich zuvor gesehnt hatte. Ich mochte, wie behutsam und gleichzeitig kraftvoll die emotionalen Entwicklungen gezeichnet werden, ohne den humorvollen und spritzigen Stil zu verlieren. Besonders die Dynamik zwischen den beiden fand ich faszinierend: sie ist willensstark, ehrgeizig, manchmal stur; er ist reizend, nervig, verletzlich, aber mit erstaunlich viel Herz. Dieses Gegeneinander und Miteinander hat mich immer mehr in ihren Bann gezogen. Die Chemie funktioniert nicht nur im Bett – sie funktioniert vor allem in den stilleren, verletzlicheren Momenten. Hätte die erste Hälfte bereits den emotionalen Drive und die erzählerische Dichte der zweiten gehabt, wäre dieses Buch für mich ein kleines Highlight geworden. So bleibt am Ende ein sehr positives Leseerlebnis, das mich überrascht, berührt und deutlich mehr gegeben hat, als ich nach den ersten Kapiteln erwartet hätte.

Fazit:
„Situationship: Klare Regeln – but make it spicy“ von E. M. Wilson ist eine würzige, humorvolle und überraschend tiefgehende Romance, die besonders im zweiten Teil ihr volles Potenzial entfaltet. Die Entwicklung zwischen Teagan und Heath überzeugt vor allem dann, wenn Vergangenheit und Gefühle endlich eine größere Rolle spielen. Trotz eines etwas zu langen Anlaufs bietet das Buch eine emotionale, prickelnde und mitreißende Liebesgeschichte. Von mir gibt es 4,5 von 5 Sternchen.

Lieblingszitate:
„Du kannst jemanden mit Haut und Haaren lieben, aber dann kommt das Leben in die Quere und ändert die Person auf eine Weise, die nicht vorherzusehen war. Wenn du heiratest, und in fünf Jahren geht alles in die Brüche, dann war die Zeit nicht verschwendet, sondern es war Zeit, in der du versucht hast, glücklich zu sein. Und darum geht es wirklich im Leben: Man versucht, glücklich zu sein, während man den ganzen Bullshit überlebt.“ (S. 267)
und
„Wir entwickeln uns, wie wir uns entwickeln, und manchmal bedeutet das eben, dass wir uns auseinanderentwickeln.“ (S. 406)
und
„Küss mich, wenn du nach Hause kommst, und jedes Mal, wenn du aufbrichst, ganz egal, ob du sauer auf mich bist oder nicht. Und sprich mit mir. Über alles. Immer. Auch wenn es wehtut.“ (S. 429)

{Rezension} Meet Me Under the Mistletoe

Meet Me Under the Mistletoe
24 romantische Storys für eine zauberhafte Weihnachtszeit und Silvester-Special

Knaur TB
Taschenbuch
Adventskalender / Weihnachts-Romance
384 Seiten
ISBN: 978-3-426-56678-7
Ersterscheinung: 01.09.2025

Inhalt:
In dieser Geschichtensammlung erwarten uns 24 winterlich-romantische Episoden, ergänzt durch eine Silvesterbonusstory – jede wie ein kleines Türchen, das man Tag für Tag öffnet. Die Beiträge stammen von unterschiedlichen Autoren und Autorinnen und reichen von klassischer Romance bis hin zu romantischer Fantasy. Mal sanft, mal magisch, mal humorvoll erzählen die Geschichten von Herzklopfen, Kussszenen unter dem Mistelzweig und dem Zauber von Schnee, Lichtern und warmen Getränken. Jede Story steht für sich, entführt aber stets in eine Welt voller Vorfreude auf die schönste Zeit des Jahres.

Meinung:
Dieses Adventskalenderbuch hat auf mich eine unmittelbare Wohlfühlwirkung ausgeübt, fast so, als würde man beim Lesen automatisch Kerzenschein, Plätzchenduft und leise Weihnachtsmusik wahrnehmen. Gerade die Vielfalt der Autoren und Autorinnen hat mich begeistert: Jeder Türchentag fühlt sich an, als würde man ein neues kleines Universum betreten, mit eigenen Figuren, eigenen Emotionen und einer eigenen Stimmung. Manche Geschichten sind leise und warm, andere bringen ein kleines Prickeln oder sogar eine Spur Magie mit – und genau das macht den Reiz einer solchen Anthologie aus.
Ich mochte besonders, dass man hier nicht nur romantische, sondern auch fantasievolle Ideen findet, die einen zwischen zauberhaften Winterwelten und realen Schneemomenten schweben lassen. Dass einige Geschichten offener enden oder perspektivisch etwas springen, gehört für mich fast schon zum Kurzgeschichtenformat. Besonders stimmungsvoll empfand ich die liebevolle Aufmachung.
Was mich am meisten gefesselt hat, war das Gefühl, jeden Tag ein kleines Stück Adventszauber zu bekommen. Diese Sammlung erinnert mich daran, wie schön es ist, sich in der Vorweihnachtszeit bewusst Momente der Ruhe und Romantik zu gönnen. Genau dafür ist dieses Buch gemacht – und es funktioniert wunderbar.

Fazit:
„Meet Me Under the Mistletoe“ ist ein liebevoll gestalteter literarischer Adventskalender, der mit einer vielfältigen Auswahl an winterlich-romantischen Geschichten begeistert. Die Mischung aus Romance und Romantasy schafft eine wunderbar atmosphärische Lesestimmung. Kleinere Schwächen einzelner Beiträge fallen kaum ins Gewicht, weil die Gesamtkomposition einfach überzeugt. Insgesamt ein herzliches, stimmungsvolles Buch für kuschelige Dezemberabende. Von mir gibt es 4 von 5 Sternchen.

{Rezension} Hot Young Royals
Herz über Krone

Hot Young Royals – Herz über Krone
von Katy Birchall

Fischer Sauerländer
Paperback
Jugendbuch
448 Seiten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-7335-0956-9
Ersterscheinung: 19.11.2025

Kleider? Haute Couture.
Klassenkameraden? Londons Elite.
Partys? Skandalös!

Inhalt:
Nach dem Tod ihrer Mutter zieht die siebzehnjährige Ruby Carter zu ihrer Tante Tabatha nach London und landet dadurch mitten in der Welt der High Society und der Royals. An der elitären Schule Clairmont Hall trifft sie auf Prinzessin Caroline und den charmanten Herzog Xavier, der unter den Erwartungen seiner Familie leidet. Während Ruby versucht, ihren Platz in dieser glamourösen, aber gnadenlosen Umgebung zu finden, entwickelt sich zwischen ihr und Xavier ein Fake-Dating, das schnell komplizierter wird als geplant. Gleichzeitig verfolgt Ruby ihr eigentliches Ziel: die Suche nach ihrem unbekannten Vater – doch die Wahrheit, die sie dabei entdeckt, stellt ihr Leben komplett auf den Kopf.

Meinung:
Beim Lesen dieses Jugendromans hatte ich das Gefühl, in zwei Welten gleichzeitig unterwegs zu sein: einerseits in einer glitzernden High-Society-Kulisse, die bewusst überzeichnet wirkt, andererseits in einer emotional viel wahrhaftigeren Geschichte darüber, wie es ist, seinen Platz im Leben zu suchen, während alles um einen herum plötzlich Kopf steht. Genau dieses Spannungsfeld hat den Roman für mich so interessant gemacht. Was mich am stärksten berührt hat, war Rubys innere Zerrissenheit. Sie ist erst siebzehn, hat gerade ihre Mutter verloren und wird in eine Welt geworfen, die so weit entfernt von allem ist, was sie kennt, dass man fast den Eindruck hat, sie sei eine Beobachterin in ihrem eigenen Leben. Ihre Loyalität, ihre Unsicherheit, ihre kleine Tollpatschigkeit – all das macht sie zu einer Protagonistin, die nicht perfekt ist, aber gerade dadurch unheimlich nahbar. Ich mochte, wie sie versucht, in dieser überladenen Welt den Kopf oben zu behalten, während sie gleichzeitig nicht genau weiß, wie man in High-Society-Häusern die Treppe hinuntergeht, ohne sich zu verlaufen. Ihre Beziehung zu Xavier hat mich ebenfalls positiv überrascht. In vielen YA-Romanen mit Royals bekommt man einen unnahbaren, sehr glatt polierten Love Interest. Hier jedoch hat Xavier etwas Verletzliches. Ja, er ist charmant, reich, gutaussehend – das volle Programm eben. Aber hinter der Fassade sieht man einen jungen Mann, der selbst nicht recht weiß, wie er die Erwartungen seiner Familie erfüllen soll, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Sein trockener Humor und seine Fähigkeit, Ruby wirklich zu sehen, gaben ihrem Zusammenspiel Tiefe. Es fühlte sich nicht einfach nach einer kitschigen Romanze an, sondern wie eine Verbindung zwischen zwei Menschen, die beide aus ihrem Leben ausbrechen wollen, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen. Darüber hinaus mochte ich sehr, wie die Nebenfiguren eingesetzt wurden. Tabatha ist für mich das perfekte Beispiel dafür, wie man eine Nebenfigur skurril, exzentrisch und gleichzeitig richtig liebenswert schreibt. Sie wirkt auf den ersten Blick wie ein Wirbelwind aus Stil, Regeln und Höflichkeit, aber darunter spürt man eine Zuneigung zu Ruby, die an manchen Stellen fast rührend ist. Caroline war für mich eine der Figuren, die am meisten Potenzial für die Zukunft haben: erst wirkt sie kühl und standesbewusst, später blitzen Zweifel und Menschlichkeit durch, die viel über die Zwänge ihrer royalen Rolle sagen. Die Geschichte balanciert sehr bewusst zwischen humorvollen, charmanten Szenen und Momenten, die emotionaler und ernster sind. Besonders Rubys Suche nach ihrem Vater bringt eine Tiefenschicht in die Handlung, die sie davor bewahrt, nur oberflächlicher Royal-Gossip zu sein. Die Momente, in denen Ruby beginnt zu ahnen, dass ihre Identität vielleicht anders aussieht, als sie geglaubt hat, gehören für mich zu den stärksten Passagen. Natürlich lebt der Roman nicht von Realismus – und ich glaube, das soll er auch gar nicht. Er will Lesende in eine märchenhafte Welt hineinziehen, in der Haute Couture, Internatsflure voller Royals und skandalöse Partys zwar nicht realistisch, aber unglaublich unterhaltsam sind. Diese Mischung aus Eskapismus, Glamour und Herz hat mich sehr gut abgeholt. Ich war nie gelangweilt, oft amüsiert und immer wieder emotional investiert. Und dann dieses Ende! Diese offenen Fragen, die uns bewusst mit der Aussicht auf einen zweiten Band zurücklassen sollen. Was wird aus Caroline? Wird die Öffentlichkeit sie akzeptieren? Und vor allem: Was wollte Ollie sagen?! Ich habe wirklich zweimal zurückgeblättert, weil ich dachte, ich hätte etwas übersehen. Ein gelungenes Mittel, um die Spannung aufrechtzuerhalten – aber auch ein kleiner Angriff auf meine Geduld. Alles in allem ist der Roman für mich ein gelungenes, modernes Märchen mit royaler Würze, Humor, einer süßen Liebesgeschichte und einigen überraschend emotionalen Momenten. Er ist leichtfüßig, aber nie leer. Überdreht, aber nicht seicht. Und er hinterlässt genau das Gefühl, das man bei solchen Geschichten haben möchte: Man möchte in dieser Welt bleiben – zumindest für ein paar Kapitel länger.

Fazit:
„Hot Young Royals – Herz über Krone“ von Katy Birchall ist eine herrlich glamouröse, moderne Rom-Com, die mit Humor, Leichtigkeit und royalen Funken begeistert. Der Roman bietet ein tolles Figurenensemble, eine mitreißende Coming-of-Age-Geschichte und genug offene Fragen, um sehr neugierig auf eine Fortsetzung zu machen. Wer royale Dramen, Fake-Dating und starke, liebenswerte Figuren mag, wird dieses Buch verschlingen. Für mich war es ein echtes Wohlfühlerlebnis, weshalb ich liebend gerne 5 von 5 Sternchen vergebe.

Lieblingszitate:
»Danke, Jonty«, flüstere ich an seiner Schulter. »Ich dachte schon, ich hätte überhaupt keine Freunde mehr.«
»Du warst für mich da, als es mir dreckig ging, und Freundschaft ist keine Einbahnstraße«, beteuert er.
 (S. 426)
und
„»Ich hab dich wieder. Nur das zählt.«
»Du hattest mich nie verloren«, sage ich leise
. (S. 443)

Zwischen Torraum und Eisfläche:
Das außergewöhnliche Leben der Kathrin Lehmann

Wenn in München über Sport gesprochen wird, fallen schnell große Namen, große Arenen und große Titel. Doch manche Geschichten entfalten ihre Größe leiser und wirken dafür umso gigantischer. Die von Kathrin Lehmann ist so eine. Sie führt von olympischem Eis bis ins Tor des FC Bayern und erzählt von einer Frau, die sich nie bloß für eine Bühne entschied, sondern gleich mehrere eroberte.

Die bayerische Landeshauptstadt ist für viele Sportler und Sportlerinnen Durchgangsstation, Karrieresprungbrett oder Endpunkt. Für Kathrin Lehmann ist die Stadt Lebensmittelpunkt und Resonanzraum. Hier lebt die ehemalige Weltklasse-Athletin heute, hier ordnet sie ihre außergewöhnliche Laufbahn ein und prägt als Expertin die öffentliche Wahrnehmung des Sports mit.

Ein Karriereweg, der Regeln ignorierte

Was Lehmann erreicht hat, sprengt die üblichen Kategorien des Spitzensports. Bis heute ist sie die einzige Frau, die gleichzeitig auf höchstem Niveau Profi-Fußball und Profi-Eishockey gespielt hat. Die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey in der höchsten deutschen Spielklasse traf, zudem die einzige Frau, die in beiden Sportarten die Champions League gewann. Und die einzige Frau, die im selben Land parallel im Fußball und im Eishockey Meisterin wurde.

Während sich andere spezialisiert haben, kombinierte Lehmann beide Welten. Im Fußball stand sie im Tor, im Eishockey spielte sie als Stürmerin. Zwei Extreme, die sich für sie logisch ergänzten: „Alles, was ich trainiert habe, habe ich immer für beides trainiert“, sagt sie rückblickend. Das sei möglich gewesen, da die Torhüterposition im Fußball eine Maximal- und Schnellkraft-Position und Eishockey eine Maximal- und Schnellkraft-Sportart ist.

Und der Erfolg gab ihr recht. Lehmann spielte in vier Ländern, in ihrer Heimat, der Schweiz, Schweden, Deutschland und den USA – und in jedem dieser Länder gewann sie Teamtitel sowie individuelle Auszeichnung. 1999 wurde sie unter anderem zur Schweizer Fußballerin des Jahres gewählt.

Gänsehaut in Vancouver

Der emotionale Höhepunkt ihrer Karriere liegt für Lehmann in den Olympischen Spielen 2010, an denen sie auch schon 2006 mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft teilnahm. Als Kapitänin führte sie ihr Team in das Eröffnungsspiel gegen die Gastgeberinnen aus Kanada. „Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut“, erzählt Lehmann heute über die Atmosphäre bei diesem Match, „mehr geht nicht“. Ihre Schlittschuhe stehen heute im Olympischen Museum, ein stilles Zeugnis einer großen Karriere.

Und auch im deutschen Fußball schrieb Lehmann Geschichte. Zuvor hatte sie bereits lange in der Bundesliga gespielt, unter anderem für den FC Bayern München und den 1. FFC Turbine Potsdam. Dann, 2021, mit 41 Jahren, kehrte sie noch einmal auf die große Bühne zurück: als dritte Torhüterin des FC Bayern. Am Ende der Saison konnte sie sich mit den Münchnerinnen schließlich doch noch den Traum der Deutschen Meisterschaft erfüllen.

Studieren zwischen Trainingstaschen

Parallel zu all dem studierte Kathrin Lehmann Literaturwissenschaft, Mediävistik und Neue Geschichte. Sie lernte während Busfahrten und Trainingslagern, doch was für viele unvorstellbar klingt, war für sie Normalität. „Nie hat man so viel Zeit zu studieren, wie wenn man Spitzensportlerin ist“, sagt sie.

Eine Stimme mit Haltung

Auch nach dem Karriereende blieb Lehmann dem Sport treu. Heute ist sie eine feste Größe im deutschsprachigen Sportjournalismus, arbeitet als TV-Expertin und Kommentatorin unter anderem für das ZDF, MagentaSport und das Schweizer SRF. Ihre Analysen sind präzise, unaufgeregt, fundiert und geprägt von ihrer eigenen Erfahrung auf höchstem Niveau. Besonders im Frauenfußball ist sie eine der glaubwürdigsten Stimmen und ist sich auch nicht zu schade, kuriose Spielsituationen wie Alexandra Popps Hechtsprung bei der Fußball-Frauen-Weltmeisterschaft 2023 kurzerhand im Studio selbst nachzustellen.

Seit rund 20 Jahren organisiert sie zudem eigene Sportcamps für Mädchen und Frauen von jung bis alt. „Gemeinsam spielen, lachen, lernen“ lautet dabei ihr Leitsatz. Es geht ihr nicht nur um Technik, sondern um Selbstvertrauen, Gemeinschaft und Haltung.

Denn als Frau, die in männerdominierten Sportarten Fuß gefasst hat, kennt Lehmann auch die Schattenseiten. Sie spricht offen darüber, wie sehr Gleichberechtigung im Sportalltag noch immer vom guten Willen Einzelner abhängt. Ob bei der Kabinenaufteilung, der Platzvergabe oder bei grundsätzlichen Förderentscheidungen in Vereinen und Verbänden, vieles ist bis heute nicht selbstverständlich. Besonders prägend war für sie ein Satz aus ihrer Jugend: Sie dürfe nicht weiter Eishockey spielen, weil sie „einem guten Jungen den Platz wegnehmen“ würde. Ein Satz, der sinnbildlich für eine strukturelle Ungleichheit steht, die bis heute nicht vollständig überwunden ist.

Lehmanns Antwort darauf war jedoch nie Rückzug, sondern Leistung. „Wer sehr gut ist, dem öffnen sich Türen“, fasst sie nüchtern zusammen. Sie weiß zugleich, dass dieses Prinzip nicht für alle funktioniert und dass viele Talente auf der Strecke bleiben.

Ein Vorbild, das wirkt

Vielleicht liegt aber genau hier ihre größte Bedeutung: Kathrin Lehmann steht für eine Generation von Sportlerinnen, die sich ihren Platz nicht erbittet, sondern hart erarbeitet haben. Die Systeme nicht romantisieren, aber verändern wollen, und die heute als Expertinnen, Mentorinnen und Vorbilder Verantwortung übernehmen. Sie ist mehr als eine ehemalige Athletin, sondern eine Stimme des Sports, die über Titel hinaus wirkt. Und für junge Mädchen, die heute auf Eisflächen oder Fußballplätzen stehen, ist sie der Beweis, dass außergewöhnliche Wege erreichbar sind, auch wenn sie zunächst unmöglich erscheinen.

Interview mit Kathrin Lehmann

Ob als Expertin für die deutsche Nationalmannschaft sowie Welt- und Europameisterschaften beim ZDF, als Bundesliga-Expertin bei MagentaSport oder als Expertin für die Spiele der Schweizer Herren-Nationalmannschaft beim SRF: Wer (Frauen-) Fußball in Deutschland und der Schweiz verfolgt, kommt um Kathrin Lehmann nicht herum. Doch Kathrin Lehmann ist nicht bloß TV-Expertin, sondern eine sehr beeindruckende Sportlerin. Sie ist die einzige Frau, die sowohl in der höchsten deutschen Spielklasse im Fußball als auch im Eishockey einen Treffer erzielte, die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey den höchsten europäischen Club-Titel, die Champions League, gewann und zudem die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey gleichzeitig im selben Land Meister wurde. Kathrin Lehmann ist Schweizer Fußballerin des Jahres 1999 und hat die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft als Kapitänin zu den Olympischen Spielen geführt.

In unserem Gespräch hat sie mir erzählt, wie sie den Profifußball und den Profieishockey unter einen Hut bekommen hat, wie sie mit medialem Druck im Sport umgegangen ist und wie sie die Sportberichterstattung heute wahrnimmt.

Leo: Ich muss sagen, dass ich von Ihrer Karriere wirklich sehr, sehr beeindruckt bin. Ich habe mich gefragt, wie man das über so viele Jahre hinweg schafft, Profifußball, Profieishockey, Studium, Privatleben und und und allesamt unter einen Hut zu bekommen?

Kathrin Lehmann: Ich glaube, ich bin so ein bisschen ähnlich wie Sie. Ich mache etwas unglaublich gerne und dann lasse ich mir das von niemandem nehmen. Und ich habe eine Konstellation, die mir in die Karten gespielt hat, ohne die das gar nicht möglich gewesen wäre: Ich war im Fußball im Tor und im Eishockey im Sturm. Die Fußballposition ist eine Maximal- und Schnellkraft-Position und Eishockey ist eine Maximal- und Schnellkraft-Sportart. Das heißt, alles, was ich trainiert habe, habe ich immer für beides trainiert. Wäre ich im Fußball Außenverteidigerin gewesen, dann hätte ich das physisch nie und nimmer leisten können. Und so war es für mich einfach, am Freitagabend Eishockey zu spielen, am Samstag Fußball und am Sonntag wieder Eishockey. Weil das einfach eine ganz andere mentale Belastung ist, wenn ich im Fußballtor stehe. Ich hatte eine zweite Komponente, die mir sehr in die Karten gespielt hat: Ich war sehr gut. Das heißt, alle, die mich verpflichtet haben, wussten immer, man kauft das ganze Paket Kathrin Lehmann. Dadurch konnte ich immer recht gut verhandeln und es war eigentlich fast immer nur im März, April, wenn die Playoffs im Eishockey und die Eishockey-Weltmeisterschaft waren, dass es sich wirklich überschnitten hat. Ob ich im September, Oktober, November ein Eishockey-Spiel mehr oder weniger gespielt habe, war „nicht relevant“. Ich habe auch immer nur in Städten gespielt, wo beides auf höchster Stufe war und dann hatte ich ganz viel Glück mit den Spielplänen. Dass sowohl im Eishockey als auch im Fußball ein Heimspiel-Wochenende war. Dass ich nicht mit dem Fußball im Norden in Umeå war und ich hätte aber in Stockholm Eishockey gespielt. Es gab viele Zufälle, manchen Zufällen habe ich ein bisschen nachgeholfen, und so ist das gekommen. Und das Zweite ist: Nie hat man so viel Zeit, zu studieren, wie wenn man Spitzensportlerin oder Spitzensportler ist. Du verbringst so viel Zeit im Bus oder im Trainingslager und das ist etwas, um seine Gehirnzellen mit etwas anderem zu beschäftigen als nur mit Sprints von A nach B oder einem Pass von C nach D.

Leo: Das heißt, dass Sie die Inhalte für das Studium dann immer auf den Fahrten bearbeitet haben?

Kathrin Lehmann: Ja, ich war sehr, sehr kreativ, was Lernen anbelangt, auch schon während des Abiturs. Ich war in einer normalen Klasse, nicht in einer Sportklasse, und ich war schon immer sehr verspielt. Ich wusste, wenn mein Trainingsweg zehn Zugstationen hatte und ich musste Lateinvokabeln büffeln, dann habe ich zwischen Station eins und fünf die neuen Vokabeln gelernt, zwischen Station sechs und acht habe ich sie repetiert und zwischen Station neun und zehn waren die Wörter dran, die ich noch nicht konnte. Ich bin sehr kreativ im effizienten Nutzen von Zeit. Bei mir ist alles irgendwie ein Spiel. Deswegen habe ich gerne gelernt und lerne noch immer gerne. Ich habe viel gelernt und gelesen während Zugfahrten oder Krafttrainings. Mein erstes Studium war Literaturwissenschaften, Mediävistik und neue Geschichte – und Bücher lesen oder Texte schreiben, das kann ich überall.

Leo: Sehr beeindruckend. Sie haben den direkten Vergleich, weil Sie selbst sehr erfolgreiche Profispielerin waren und heute zahlreiche Spiele medial begleiten. Was würden Sie sagen, ist der größte Unterschied in der Sportberichterstattung? Was hat sich im Laufe der Zeit am meisten verändert, seit Sie mit dem Profisport begonnen haben?

Kathrin Lehmann: Social Media war und ist natürlich bahnbrechend für den Sport, insbesondere für den Frauensport, weil Social Media den Athletinnen und Athleten eine eigene Sichtbarkeit gibt. Dass ich damals 1999 eine eigene Webseite hatte, das war ja schon bahnbrechend, ich hatte einen eigenen Fanclub, ich habe Newsletter geschrieben. Dieses eigene Darstellen und die Sichtbarkeit des eigenen Tuns, das hat sich natürlich verändert. Ich finde, dass gerade im Frauenfußball, nehmen wir Deutschland, die EM 2022 für den Frauensport ein riesiger Turn Around war. Wir haben auch an der EM in diesem Jahr in der Schweiz gesehen, dass es sich von der Darstellung der Persönlichkeit der Spielerin, also der Geschichte an sich, zur sportlichen Analyse veränderte. Während die Berichterstattung früher einfach über die Persönlichkeiten war, haben wir jetzt Berichterstattung über den Sport. Natürlich immer noch mit dem Mitschwingen vom Persönlichen, genau das macht ja den Frauensport authentisch. Aber im Frauensport ist es angekommen, dass man hauptsächlich über das Sportliche berichtet, ohne die spannenden Hintergrundgeschichten zu vergessen.

Leo: Ich würde mal die These in den Raum stellen, dass trotzdem ein verstärkter medialer Druck auf den Spielerinnen lastet. Sie haben auch zahlreiche wichtige Turniere gespielt. Kann man den medialen Druck ausblenden oder belastet das einen vielleicht sogar? Wie kann man als Sportler oder Sportlerin damit zum Beispiel vor einem super wichtigen Spiel umgehen?

Kathrin Lehmann: Das ist sehr typenabhängig.

Leo: Und wie sind Sie damit umgegangen?

Kathrin Lehmann: Ich konnte das sehr gut ausblenden. Eine meiner großen Stärken war das Hier und Jetzt. Das hatte ich noch durch meinen permanenten Wechsel: Eishockey, Fußball, Eishockey, Fußball. Da war ich einem riesigen Druck ausgesetzt. Ich glaube, es geht auch darum, wie man mit den Medien umgeht und wie man sich selbst darstellt. Je realistischer man sich darstellt, desto weniger ist der Druck da und desto mehr verzeihen einem die Fans und die Medien, wenn es vielleicht mal nicht läuft. Ich glaube, gerade heutzutage mit Social Media, zahlt sich ehrliches Erzählen und ehrliche Selbstdarstellung auf den eigenen Plattformen aus in Momenten, wo es extrem ist. Ein Moment, der extrem ist, ist entweder der super Erfolg oder der super Misserfolg. Ich konnte super gut damit umgehen und ich kann nur bedingt nachvollziehen, wie sehr jemand daran zerbricht. Da ich immer Captain war und natürlich immer eine, die viel in den Medien war, auch schon zu meiner Zeit, haben sich natürlich viele unter meinem Flügel versteckt. Und das ist voll in Ordnung. Ich finde, jede Spielerin und jeder Spieler muss die Situation realistisch angehen: Kann ich damit umgehen, ja oder nein? Das ist ganz wichtig, das ist das Zentralste. Ich finde, jetzt sind wir in einer ganz spannenden Phase, denn nächste Woche spielt Deutschland gegen Spanien in der Nations League (Freitag, 28. November 2025, 20.30 Uhr). Und jetzt kommt diese Erwartungshaltung der deutschen Medien und der deutschen Gesellschaft, die momentan eigentlich keine Erwartungshaltung, sondern eher ein Wunsch, eine große Sehnsucht der deutschen Bevölkerung ist, die Besten zu sein. Jetzt spielt Deutschland gegen Spanien und ich glaube, dieses Spiel wird zeigen, inwiefern Medienarbeit gesteuert wird und wie dann tatsächlich der Showdown auf dem Platz ist. Das wird unglaublich spannend, zu sehen.

Leo: Welche Verantwortung tragen Medien und Journalisten und Journalistinnen Ihrer Meinung nach im Umgang mit Sportlern und Sportlerinnen und deren öffentlichem Bild?

Kathrin Lehmann: Eine sehr große Verantwortung. Auch ich als Expertin habe eine unglaubliche Verantwortung. Im Moment glaube ich, dass sehr viele Journalistinnen und Journalisten ihrer Sorgfaltspflicht wirklich sehr gut nachkommen. Es ist im Moment kein Sensationsjournalismus, sondern er ist momentan sehr realistisch, sachlich und behutsam. Das heißt, es ist ein guter Moment vor allem gegenüber dem Frauensport. Und sie tragen eine sehr große Verantwortung. Im Moment kann man als Journalistin oder Journalist im Frauensport, wenn wir jetzt insbesondere im Frauenfußball bleiben, sehr viel dazu beitragen, etwas aufzubauen, ohne sensationsgeil zu sein. Also sehr realistisch, kritisch, sorgfältig recherchiert, aber trotzdem dem Ganzen ein Bild und ein Gesicht gebend.

Leo: Sie haben das eben auch schon angesprochen, dass Sie die Sportberichterstattung in Deutschland und der Schweiz aktiv mitgestalten. Was würden Sie sich von der Sportberichterstattung der Zukunft wünschen, was würden Sie vielleicht gern verändern?

Kathrin Lehmann: Das ist eine gute Frage. Ich bin eben vielleicht auch zu sehr schon mittendrin mit allem. Ich finde, bleiben wir im Frauenfußball, dass da viele Journalisten und Journalistinnen doch schon seit einigen Jahren – und einige Jahre heißt für mich fünf aufwärts – in dem Geschehen drin sind und bei der Entwicklung, die seit 2022 passiert, dabei sind und deshalb alles gut einordnen können. Was wünsche ich mir? Dass auch die anderen Sportarten Journalistinnen und Journalisten haben, die aus der Sportart kommen und das Wachsen einordnen können. Ich finde das sehr spannend, ich kann das ja auch beurteilen, weil ich seit zehn Jahren Expertin der Herren-Nationalmannschaft der Schweiz bin. Ich begleite die Schweizer Herrennationalmannschaft teilweise länger als viele junge Journalisten und Journalistinnen von großen Tageszeitungen. Die können manche Dinge nicht in den Kontext setzen von vor vier oder fünf Jahren. Deswegen wünsche ich mir, dass solche „Journalistinnen-Dinos“ oder „Journalisten-Dinos“ in jeder Sportart noch lange mit dabei sind, die permanent etwas einordnen können.

Leo: Gerade die Entwicklung im Frauenfußball ist, wie Sie sagen, im Laufe der Jahre auch sehr beeindruckend zu sehen, da hoffe ich auch, dass sich da weiterhin ganz viel tut. Das ist gerade für ein Fußball spielendes Mädchen spannend, das so von außen zu beobachten.

Kathrin Lehmann: Absolut.

Leo: Sie veranstalten in der Schweiz seit 20 Jahren Ihre eigenen Sport-Camps. Was ist Ihnen am wichtigsten, den Teilnehmerinnen von jung bis etwas älter im Fußball und Eishockey mitzugeben?

Kathrin Lehmann: Gemeinsam spielen, lachen, lernen.

Leo: Das ist doch schön. Ich habe auch ganz lange Fußball gespielt und am Anfang auch recht lange in einem Jungsteam. Da haben die Spieler und Eltern der gegnerischen Teams schon immer mal wieder komisch geschaut, was denn das kleine 5-jährige Mädchen da eigentlich mitmischen will. Es hat sich in den letzten Jahren auf jeden Fall gebessert, aber sowohl der Fußball als auch Eishockey sind tendenziell doch eher männlich dominierte Sportarten. Sie haben auch als Frau in Männermannschaften gespielt. Wie war das so? Haben Sie da mal schlechte Erfahrungen damit gemacht? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Kathrin Lehmann: Es ist nach wie vor so, da müssen wir uns nichts vormachen. Auch der Fußball, auch wenn der Frauenfußball da auf einem vorstehenden Ast ist, ist immer noch männlich dominiert und das wird auch erstmal so bleiben. Wir sind zwar weit, aber so weit, dass wir sagen, es ist das Normalste auf der Welt, dass alle Mädchen auf dem Land Fußball spielen und dass man da einfach hinkommen kann, so weit sind wir noch nicht. Da dürfen wir nicht die Augen verschließen und alles gutreden. Das hat auch mit Kabinenaufteilung, Platzaufteilung und so weiter zu tun, auch im Eishockey, da sind wir noch meilenweit davon entfernt. Ich muss das leider immer wieder sagen, was heißt leider, aber ich war halt einfach gut, ich war sehr gut. Und wenn man gut ist, hat man nie ein Problem. Deswegen hatte ich insofern eigentlich keine verschlossenen Türen. Außer selbstverständlich dann irgendwann im Eishockey zwischen 14 und 16, als es hieß, ich darf nicht im A-Team spielen, weil ich einem guten Jungen den Platz wegnehme. Aber immer, wenn es um Auf- und Abstieg ging, dann musste ich natürlich schon schnell ins A-Team gehen. Also wenn es um Meistertitel ging oder darum, nicht abzusteigen, dann wurde ich immer hochtransferiert, weil ich eben doch die Beste war. Das ist mir schon widerfahren und ich weiß, dass es auch jetzt noch der Fall ist. Dieser Satz „Du nimmst einem guten Jungen den Platz weg!“, wird auch heute noch oft ausgesprochen.

Leo: Das ist tatsächlich einfach sehr schade.

Kathrin Lehmann: Ja und das ist immer noch so. Und solange da nicht in den Vorständen oder in der Geschäftsleitung einfach eine wertfreie Kultur gelebt wird, wird das weiterhin so bleiben. Es gibt auch viele coole Geschäftsführerinnen – meistens Geschäftsführer – oder Vorstände, aber momentan geht es meistens noch immer um das Geld, ob ich irgendwann mit irgendjemandem etwas verdienen kann. Und auch wenn alle Statistiken zeigen, dass es vielleicht nicht mal ein Prozent aller Jungen ist, die Fußball spielen, die überhaupt mal irgendwas machen. Und dennoch verschließt man sehr guten Mädchen fast alle Türen.

Leo: Dann ist es natürlich trotzdem schön, Vorbilder wie Sie im Sport zu haben.

Kathrin Lehmann: Dankeschön.

Leo: Sie waren 2006 (7. Platz) und 2010 (5. Platz) mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Turin und Vancouver. Man hört immer in den Medien von Olympia-Teilnehmern und -Teilnehmerinnen, wie sehr sie diese Erfahrung geprägt hat und was für ein besonderes Erlebnis diese Veranstaltung ist. Was sind Ihre besten Erinnerungen an die Turniere?

Kathrin Lehmann: Vancouver 2010, in der Geburtsstadt des Eishockeys an Olympischen Spielen teilzunehmen, ich war Kapitänin der Schweiz und wir hatten das Eröffnungsspiel gegen Kanada, also da kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Ich meine, mehr geht nicht. Ich glaube, das ist mit das Größte und Emotionalste, was es gibt, was in unserer Reichweite war – es war verwegen, zu sagen, wir holen Olympia-Gold -, das habe ich erreicht. Ich bin unendlich dankbar, dass ich zweimal an den Olympischen Spielen teilnehmen konnte, weil du brauchst die ersten, um das Ganze einmal zu verarbeiten und um zu wissen, wie das alles läuft. Und beim zweiten Mal kannst du es richtig genießen.

Leo: Und es war ja auch recht erfolgreich.

Kathrin Lehmann: Ja, ich meine, wir haben zwei Olympische Diplome geholt, ich habe Tore erzielt, meine Schlittschuhe sind im Olympischen Museum, also es ist cool.

Leo: Sie wurden 2021 vom FC Bayern München angefragt, ob Sie nochmal als dritte Torhüterin einspringen könnten und sind dann am Ende der Saison mit 41 Jahren doch noch deutsche Meisterin geworden. Das sind alles wirklich beeindruckende Dinge, die Sie erreicht haben. Und durch den Sport haben Sie auch viele Orte gesehen. Ich habe gelesen, dass es ein Wunsch von Ihnen war, unter anderem in Schweden zu spielen. Gibt es rückblickend auf Ihre Sportkarriere vielleicht aber eine Sache, für die Sie bis heute am meisten dankbar sind, sie durch den Sport erlebt zu haben?

Kathrin Lehmann: Ich bin dankbar für meine Karriere. Und ich würde es wieder so machen, ich bereue nichts. Ich habe in vier verschiedenen Ländern gelebt. Also ich habe nicht nur dort gespielt, ich habe in vier verschiedenen Ländern gelebt: Schweiz, Schweden, Deutschland, USA. Und ich habe es geschafft, in jedem Land einen Titel mit dem Team und einen individuellen Titel zu gewinnen. Das heißt, es ist mir gelungen, meine eigene Identität zu bewahren und diesen Mehrwert, was es bedeutet, als Ausländerin in einem Land zu spielen – da ist der Druck unweigerlich größer -, ich habe meine Identität bewahrt, aber es geschafft, mich der Kultur anzupassen und daraus etwas mitzunehmen. Ich glaube, diese Fähigkeit oder dass ich das geschafft habe, ist wahrscheinlich auch die Gabe, die ich auch jetzt in meinem Leben genieße. Ich weiß, dass ich ich bleiben kann, aber ich bin fähig, zu adaptieren – egal, welche Kultur um mich herum ist.

Leo: Das ist einfach sehr cool. Vielen Dank für die spannenden Einblicke!

Während unseres Gesprächs ist mir wieder einmal klar geworden, was der Sport alles bewegen und auch was er für eine tolle Plattform sein kann. Auch wenn der Frauensport noch einen langen Weg gehen muss, bin ich als angehende Sportjournalistin sehr froh, dass es Vorbilder wie Kathrin Lehmann gibt, die die Sportberichterstattung erfrischend und fachlich präzise besser machen.