Zwischen Torraum und Eisfläche:
Das außergewöhnliche Leben der Kathrin Lehmann

Wenn in München über Sport gesprochen wird, fallen schnell große Namen, große Arenen und große Titel. Doch manche Geschichten entfalten ihre Größe leiser und wirken dafür umso gigantischer. Die von Kathrin Lehmann ist so eine. Sie führt von olympischem Eis bis ins Tor des FC Bayern und erzählt von einer Frau, die sich nie bloß für eine Bühne entschied, sondern gleich mehrere eroberte.

Die bayerische Landeshauptstadt ist für viele Sportler und Sportlerinnen Durchgangsstation, Karrieresprungbrett oder Endpunkt. Für Kathrin Lehmann ist die Stadt Lebensmittelpunkt und Resonanzraum. Hier lebt die ehemalige Weltklasse-Athletin heute, hier ordnet sie ihre außergewöhnliche Laufbahn ein und prägt als Expertin die öffentliche Wahrnehmung des Sports mit.

Ein Karriereweg, der Regeln ignorierte

Was Lehmann erreicht hat, sprengt die üblichen Kategorien des Spitzensports. Bis heute ist sie die einzige Frau, die gleichzeitig auf höchstem Niveau Profi-Fußball und Profi-Eishockey gespielt hat. Die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey in der höchsten deutschen Spielklasse traf, zudem die einzige Frau, die in beiden Sportarten die Champions League gewann. Und die einzige Frau, die im selben Land parallel im Fußball und im Eishockey Meisterin wurde.

Während sich andere spezialisiert haben, kombinierte Lehmann beide Welten. Im Fußball stand sie im Tor, im Eishockey spielte sie als Stürmerin. Zwei Extreme, die sich für sie logisch ergänzten: „Alles, was ich trainiert habe, habe ich immer für beides trainiert“, sagt sie rückblickend. Das sei möglich gewesen, da die Torhüterposition im Fußball eine Maximal- und Schnellkraft-Position und Eishockey eine Maximal- und Schnellkraft-Sportart ist.

Und der Erfolg gab ihr recht. Lehmann spielte in vier Ländern, in ihrer Heimat, der Schweiz, Schweden, Deutschland und den USA – und in jedem dieser Länder gewann sie Teamtitel sowie individuelle Auszeichnung. 1999 wurde sie unter anderem zur Schweizer Fußballerin des Jahres gewählt.

Gänsehaut in Vancouver

Der emotionale Höhepunkt ihrer Karriere liegt für Lehmann in den Olympischen Spielen 2010, an denen sie auch schon 2006 mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft teilnahm. Als Kapitänin führte sie ihr Team in das Eröffnungsspiel gegen die Gastgeberinnen aus Kanada. „Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut“, erzählt Lehmann heute über die Atmosphäre bei diesem Match, „mehr geht nicht“. Ihre Schlittschuhe stehen heute im Olympischen Museum, ein stilles Zeugnis einer großen Karriere.

Und auch im deutschen Fußball schrieb Lehmann Geschichte. Zuvor hatte sie bereits lange in der Bundesliga gespielt, unter anderem für den FC Bayern München und den 1. FFC Turbine Potsdam. Dann, 2021, mit 41 Jahren, kehrte sie noch einmal auf die große Bühne zurück: als dritte Torhüterin des FC Bayern. Am Ende der Saison konnte sie sich mit den Münchnerinnen schließlich doch noch den Traum der Deutschen Meisterschaft erfüllen.

Studieren zwischen Trainingstaschen

Parallel zu all dem studierte Kathrin Lehmann Literaturwissenschaft, Mediävistik und Neue Geschichte. Sie lernte während Busfahrten und Trainingslagern, doch was für viele unvorstellbar klingt, war für sie Normalität. „Nie hat man so viel Zeit zu studieren, wie wenn man Spitzensportlerin ist“, sagt sie.

Eine Stimme mit Haltung

Auch nach dem Karriereende blieb Lehmann dem Sport treu. Heute ist sie eine feste Größe im deutschsprachigen Sportjournalismus, arbeitet als TV-Expertin und Kommentatorin unter anderem für das ZDF, MagentaSport und das Schweizer SRF. Ihre Analysen sind präzise, unaufgeregt, fundiert und geprägt von ihrer eigenen Erfahrung auf höchstem Niveau. Besonders im Frauenfußball ist sie eine der glaubwürdigsten Stimmen und ist sich auch nicht zu schade, kuriose Spielsituationen wie Alexandra Popps Hechtsprung bei der Fußball-Frauen-Weltmeisterschaft 2023 kurzerhand im Studio selbst nachzustellen.

Seit rund 20 Jahren organisiert sie zudem eigene Sportcamps für Mädchen und Frauen von jung bis alt. „Gemeinsam spielen, lachen, lernen“ lautet dabei ihr Leitsatz. Es geht ihr nicht nur um Technik, sondern um Selbstvertrauen, Gemeinschaft und Haltung.

Denn als Frau, die in männerdominierten Sportarten Fuß gefasst hat, kennt Lehmann auch die Schattenseiten. Sie spricht offen darüber, wie sehr Gleichberechtigung im Sportalltag noch immer vom guten Willen Einzelner abhängt. Ob bei der Kabinenaufteilung, der Platzvergabe oder bei grundsätzlichen Förderentscheidungen in Vereinen und Verbänden, vieles ist bis heute nicht selbstverständlich. Besonders prägend war für sie ein Satz aus ihrer Jugend: Sie dürfe nicht weiter Eishockey spielen, weil sie „einem guten Jungen den Platz wegnehmen“ würde. Ein Satz, der sinnbildlich für eine strukturelle Ungleichheit steht, die bis heute nicht vollständig überwunden ist.

Lehmanns Antwort darauf war jedoch nie Rückzug, sondern Leistung. „Wer sehr gut ist, dem öffnen sich Türen“, fasst sie nüchtern zusammen. Sie weiß zugleich, dass dieses Prinzip nicht für alle funktioniert und dass viele Talente auf der Strecke bleiben.

Ein Vorbild, das wirkt

Vielleicht liegt aber genau hier ihre größte Bedeutung: Kathrin Lehmann steht für eine Generation von Sportlerinnen, die sich ihren Platz nicht erbittet, sondern hart erarbeitet haben. Die Systeme nicht romantisieren, aber verändern wollen, und die heute als Expertinnen, Mentorinnen und Vorbilder Verantwortung übernehmen. Sie ist mehr als eine ehemalige Athletin, sondern eine Stimme des Sports, die über Titel hinaus wirkt. Und für junge Mädchen, die heute auf Eisflächen oder Fußballplätzen stehen, ist sie der Beweis, dass außergewöhnliche Wege erreichbar sind, auch wenn sie zunächst unmöglich erscheinen.