{Rezension} Deadly Little Scandals
(Bd. 2 der „Little-White-Lies“-Dilogie)

Deadly Little Scandals
(Bd. 2 der „Little-White-Lies“-Dilogie)
von Jennifer Lynn Barnes

cbt
Taschenbuch
Jugendbuch
384 Seiten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-570-31735-8
Ersterscheinung: 12.11.2025

Ein Geheimbund.
Eine Leiche im See.
Ein schockierendes Geheimnis.

Inhalt:
Sawyer Taft lebt weiterhin bei ihrer Tante und ihrer Großmutter und ist Teil der High Society geworden, zu der auch ihre neu gefundene Familie gehört – allerdings nur widerwillig. Noch immer treibt sie die Frage nach ihrer Herkunft um, denn Sawyer will endlich wissen, wer ihr Vater ist und was sich vor etwa 25 Jahren wirklich zugetragen hat. Als sie gemeinsam mit ihrer Cousine Lily in den exklusiven Debütantinnen-Geheimbund der White Gloves aufgenommen wird, nehmen die Ereignisse eine düstere Wendung. Ein schockierender Fund bei einem Initiationsritual am See bringt lange verdrängte Geheimnisse ans Licht. Zusammen mit Lily, Campbell und Sadie-Grace gerät Sawyer immer tiefer in ein Netz aus Lügen, Intrigen und familiären Verstrickungen, das droht, die gesamte High Society zu erschüttern.

Meinung:
Sawyer Taft war für mich schon im ersten Band eine starke Protagonistin, doch in diesem zweiten Teil ist sie mir noch nähergekommen. Ihre zynische, scharfzüngige Art, ihr trockener Humor und ihre konsequente Weigerung, sich vollständig den Regeln der Reichen und Mächtigen zu unterwerfen, machen sie unglaublich authentisch. Besonders gefallen hat mir ihre Entwicklung, die nicht laut oder dramatisch daherkommt, sondern eher leise und subtil verläuft – in ihren Entscheidungen, in ihrem Umgang mit anderen und darin, wie sie langsam ihren eigenen Platz in dieser Welt findet. Die Dynamik zwischen Sawyer, Lily, Campbell und Sadie-Grace ist erneut ein großes Highlight. Ihre Freundschaft wirkt chaotisch, lebendig und ehrlich, und man spürt deutlich, wie sie im Laufe der Geschichte enger zusammenwachsen. Zwar bleiben einige der Charaktere eher stereotypisch, doch genau das funktioniert erstaunlich gut für diese Art von Story und verleiht ihr einen gewissen Gossip-Girl-Charme. Der Schreibstil von Jennifer Lynn Barnes ist wieder äußerst flüssig, humorvoll und präzise – ein Stil, der es leicht macht, komplett in die Geschichte einzutauchen und Seite um Seite zu verschlingen. Die zahlreichen Plottwists und Enthüllungen sorgen für durchgehende Spannung, auch wenn die vielen Theorien zu den Verwandtschaftsverhältnissen zeitweise etwas unübersichtlich werden. Immer wieder wird man bewusst in die Irre geführt, nur um kurz darauf festzustellen, dass man sich seiner Sache doch nicht so sicher war. Die Zeitsprünge in die Vergangenheit steigern die Spannung zusätzlich, auch wenn sie stellenweise zur Verwirrung beitragen. Der Geheimbund der White Gloves bringt eine starke, düstere Atmosphäre mit sich, hätte für meinen Geschmack zum Ende hin jedoch noch etwas mehr narrative Relevanz haben dürfen. Das Finale selbst ist schlüssig, emotional und konsequent erzählt – weniger ein lauter Knall, dafür eine stimmige Auflösung, die rückblickend Sinn ergibt.

Fazit:
„Deadly Little Scandals“ von Jennifer Lynn Barnes ist ein würdiger und spannender Abschluss der „Little-White-Lies“-Dilogie, der mit Intrigen, Freundschaft und dunklen Familiengeheimnissen überzeugt. Sawyer Taft trägt die Geschichte mit viel Charisma und einer gelungenen, subtilen Charakterentwicklung. Trotz kleiner Schwächen in der Übersicht bleibt das Buch fesselnd und atmosphärisch, weshalb ich sehr gerne 4,5 von 5 Sternchen vergebe.

{Rezension} Like Hearts We Heal
(Bd. 6 der „Winter-Dreams“-Reihe)

Like Hearts We Heal
(Bd. 6 der „Winter-Dreams“-Reihe)
von Ayla Dade

Penguin Verlag
Paperback
New Adult
640 Seiten
ISBN: 978-3-328-11366-9
Ersterscheinung: 12.11.2025

Sie wünschte, sie könnte ihn aus ihrem Leben streichen. Doch das Herz vergisst nie.

Inhalt:
Im finalen Band der Reihe steht erneut die leidenschaftliche Eiskunstläuferin Paisley im Mittelpunkt. Nach der schmerzhaften Trennung von ihrer großen Liebe Knox versucht sie, sich ganz auf ihr großes Ziel zu konzentrieren: Olympisches Gold. Der Leistungssport fordert ihr alles ab – körperlich wie emotional – und doch verfolgt sie unbeirrt ihren Traum. Allerdings lässt sich die Vergangenheit nicht so leicht abschütteln. Ausgerechnet Knox, der ihr Herz gebrochen hat, wird zu einem unvermeidbaren Teil ihrer Zukunftspläne. Um ihren Traum von der Gründung eines Sportinternats nach ihrer aktiven Karriere zu verwirklichen, ist sie auf seine Unterstützung angewiesen. Die Zusammenarbeit zwingt beide dazu, sich mit unausgesprochenen Gefühlen, alten Verletzungen und dem verlorenen Vertrauen auseinanderzusetzen. Während Paisley auf dem Eis um Perfektion kämpft, ringt sie innerlich mit der Frage, ob sie Knox jemals wieder vertrauen kann oder ob manche Brüche nicht mehr zu kitten sind.

Meinung:
Dieser Band setzt stark auf das Motiv der zweiten Chance – und das spürbar ernster und schwerer als noch zu Beginn der Reihe. Die Atmosphäre ist geprägt von Verletzungen, Stolz und einer gewissen emotionalen Erschöpfung, die sich auch auf mich als Leserin übertragen hat. Paisleys kompromissloser Ehrgeiz wird sehr deutlich dargestellt. Ihr Fokus auf Olympia ist bewundernswert, wirkt aber zugleich selbstzerstörerisch. Manche ihrer Entscheidungen haben bei mir eher Kopfschütteln als Mitgefühl ausgelöst, weil sie sich immer wieder in Situationen bringt, die vermeidbar gewesen wären. Gleichzeitig passt dieses Verhalten zu ihrem Charakter: Sie definiert sich stark über Leistung und verliert dabei zeitweise den Blick für sich selbst. Knox bleibt ebenfalls ambivalent. Seine Zurückhaltung und seine Schwierigkeiten, offen zu kommunizieren, sorgen für viele Konflikte, die sich einfacher hätten lösen lassen. Die anhaltenden Missverständnisse und das Ausweichen vor klaren Gesprächen empfand ich stellenweise als anstrengend. Der emotionale Stillstand zwischen den beiden zieht sich teilweise etwas in die Länge. Positiv hervorzuheben ist jedoch das Setting in Aspen, das wieder eine vertraute Kulisse bietet. Auch der Einblick in den Leistungssport und den Druck vor Olympia wirkt authentisch und verleiht der Geschichte eine zusätzliche Ebene. Die Nebenfiguren sorgen für Momente der Auflockerung, auch wenn nicht jede Szene für den eigentlichen Handlungsverlauf zwingend notwendig erscheint. Das Finale ist insgesamt stimmig und schließt die Geschichte rund ab. Einige Entwicklungen sind vorhersehbar, dennoch wirkt der Abschluss verdient. Besonders die letzten Kapitel bündeln die Emotionen noch einmal und sorgen für einen versöhnlichen Ausklang.

Fazit:
Mit „Like Hearts We Heal“ von Ayla Dade erhält die Geschichte von Paisley und Knox einen emotionalen Abschluss, der vor allem vom Thema zweite Chancen lebt. Insgesamt ein solider letzter Band mit gefühlvollen Momenten und kleinen Schwächen. Von mir gibt es 4 von 5 Sternchen.

{Rezension} Fighting for Love
(Bd. 3 der „San Diego Lightnings“-Reihe)

Fighting for Love
(Bd. 3 der „San Diego Lightnings“-Reihe)
von Tracy Wolff

Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
Paperback
Sports Romance
336 Seiten
Originaltitel: Rough & Ready
ISBN: 978-3-7341-1444-1
Ersterscheinung: 20.08.2025

Können zwei gebrochene Herzen trotz ihrer Narben zueinander finden?

Inhalt:
Elara Vance, ehemalige Basketballprofispielerin und engagierte Leiterin eines Jugend-Sportzentrums, sieht sich mit einem massiven Problem konfrontiert: Spendengelder bleiben aus, weil großzügige Förderer ihr Geld lieber in die prestigeträchtigen Projekte von Footballstar Tanner Green investieren. Für Elara fühlt sich das wie ein persönlicher Schlag an, denn ihr Zentrum ist auf jede Unterstützung angewiesen. Tanner wiederum ist sich der Tragweite seines Ruhms zunächst kaum bewusst. Als die Situation eskaliert, sucht er Elara auf, um die Fronten zu klären. Aus der angespannten Konfrontation entwickelt sich eine intensive Verbindung, bei der schnell deutlich wird, dass beide nicht nur ihre Leidenschaft für den Sport teilen, sondern auch tiefe emotionale Wunden aus der Vergangenheit.

Meinung:
Mich hat vor allem die Ausgangssituation der Geschichte überzeugt, weil sie moralisch interessant und ungewöhnlich für eine Sports Romance ist. Tanner ist kein klassischer „Schuldiger“, sondern jemand, der ungewollt von einem System profitiert, in dem Bekanntheit mehr zählt als tatsächlicher Bedarf. Das macht den Konflikt vielschichtig und glaubwürdig. Elara dagegen steht sinnbildlich für all jene, die mit Herzblut kämpfen, aber im Schatten großer Namen übersehen werden. Elara ist für mich eine starke, leidenschaftliche Protagonistin, deren Wut und Frustration absolut nachvollziehbar sind. Ihre Hingabe an das Jugendzentrum gibt der Geschichte emotionales Gewicht. Tanner hingegen ist ruhig, reflektiert und erstaunlich sensibel. Gerade seine Unsicherheit im Umgang mit seinem eigenen Einfluss hat ihn für mich sehr sympathisch gemacht. Dass er Elara nicht einfach mit Charme oder Geld „retten“ will, sondern wirklich zuhört und lernt, ist ein großer Pluspunkt. Die Beziehung zwischen Elara und Tanner entwickelt sich langsam und über Reibung, was ich sehr mochte. Ihre Dialoge sind schlagfertig, emotional und oft von unterschwelliger Spannung geprägt. Besonders gelungen fand ich, wie Tracy Wolff das Trope Shared Trauma einbindet: Beide Figuren tragen Verletzungen aus dem Profisport mit sich herum, gehen damit aber sehr unterschiedlich um. Auch hier hätte ich mir stellenweise noch mehr Tiefe gewünscht, doch die emotionale Grundstimmung hat mich trotzdem erreicht. Der Schreibstil ist wie gewohnt flüssig, intensiv und mit genau der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit.

Fazit:
„Fighting for Love“ von Tracy Wolff ist eine emotionale Sports Romance, die zeigt, wie Macht, Ruhm und gute Absichten ungewollt Schaden anrichten können. Die Liebesgeschichte von Elara Vance und Tanner Green lebt von starken Charakteren, ehrlichen Konflikten und spürbarer Leidenschaft für den Sport. Auch wenn einige Themen noch mehr Raum verdient hätten, ist es ein berührender Abschluss der „San Diego Lightnings“-Reihe. Von mir gibt es 4,5 von 5 Sternchen.

{Rezension} Rival Darling
(Bd. 1 der „Darling Devils“-Reihe)

Rival Darling
(Bd. 1 der „Darling Devils“-Reihe)
von Alexandra Moody

One Verlag
Paperback
Junge Erwachsene / Sports Romance
448 Seiten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-8466-0297-3
Ersterscheinung: 17.12.2025

Inhalt:
Nach dem schmerzhaften Betrug durch ihren Freund Jeremy, den Kapitän des Eishockey-Teams ihrer Highschool, fasst die 17-jährige Violet Sinclair einen klaren Entschluss: Nie wieder einen Sportler daten. Um Jeremy zu zeigen, dass sie über ihn hinweg ist, lässt sie sich auf einen riskanten Plan ein. Durch Zufall begegnet sie Reed Darling, dem gefürchteten Kapitän der Ransom Devils und gleichzeitig Jeremys größtem Rivalen. Spontan bittet sie ihn, ihren Fake-Freund zu spielen. Was als Zweckgemeinschaft mit festen Regeln beginnt, wird jedoch zunehmend kompliziert, denn hinter Reeds geheimnisvollem Ruf verbirgt sich ein ganz anderer Mensch. Während Violet versucht, emotionale Distanz zu wahren, geraten echte Gefühle immer mehr außer Kontrolle.

Meinung:
Dieses Buch hat mich von den ersten Seiten an vollkommen abgeholt. Der Schreibstil von Alexandra Moody ist unglaublich flüssig und angenehm, sodass man förmlich durch die Seiten gleitet und ständig „nur noch ein Kapitel“ lesen möchte. Obwohl die Handlung insgesamt eher ruhig bleibt, fühlt sich nichts zäh an, da der Fokus klar auf den Figuren und ihren Emotionen liegt – und genau das funktioniert hier hervorragend. Violet Sinclair ist für mich eine große Stärke der Geschichte. Sie ist impulsiv, emotional, manchmal widersprüchlich und gerade deshalb so authentisch. Ihre Unsicherheit nach dem Betrug durch Jeremy ist jederzeit spürbar, ebenso wie ihr innerer Konflikt zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst vor erneuter Verletzung. Ihre strikte Regel, keine Sportler mehr zu daten, wirkt dabei weniger wie Sturheit, sondern vielmehr wie ein Schutzmechanismus. Auch das angespannte Verhältnis zu ihrer Mutter verleiht Violet zusätzliche Tiefe und lässt erahnen, dass sie schon länger mit emotionaler Distanz und ungelösten Konflikten kämpft. Reed Darling hat sich still und leise in mein Herz geschlichen. Nach außen wirkt er ruhig, reserviert und einschüchternd – ein Ruf, der durch zahlreiche Gerüchte noch verstärkt wird. Doch hinter dieser Fassade steckt ein unglaublich aufmerksamer, loyaler und sensibler Charakter. Besonders seine kleinen Gesten, wie seine Rücksichtnahme auf Violets Grenzen oder seine stille Unterstützung, zeigen, wie ernst es ihm ist. Man merkt deutlich, dass ihm die Fake-Beziehung emotional nähergeht, als er zugeben möchte. Dass er seine Gefühle dennoch nicht in den Vordergrund drängt, macht ihn für mich zu einer echten Green Flag. Ein absolutes Highlight ist Reeds Familie, insbesondere die Dynamik zwischen den Darling-Brüdern. Ihr starker Zusammenhalt bringt Wärme, Humor und Leichtigkeit in die Geschichte und bildet einen schönen Kontrast zu den Vorurteilen, die ihnen in Sunshine Hills entgegengebracht werden. Szenen wie das Abendessen bei den Darlings zeigen eindrucksvoll, wie sehr Violet sich nach genau dieser Art von Geborgenheit sehnt und wie gut sie eigentlich in Reeds Welt passen würde. Jeremy entwickelt sich im Verlauf der Geschichte immer mehr zu einer unangenehmen und belastenden Präsenz. Sein Verhalten wirkt kontrollierend, egozentrisch und zunehmend beängstigend, was ihn zu einem glaubwürdigen Gegenspieler macht. Die Enthüllungen über seine Vergangenheit und seine Verbindung zu Reed verstärken den Eindruck, dass von ihm noch entscheidendes Drama ausgehen wird. Auch die Nebenfiguren – allen voran Mia – fügen sich stimmig ein und verleihen der Geschichte zusätzliche emotionale Tiefe. Ja, die Liebesgeschichte zwischen Violet und Reed entwickelt sich stellenweise recht schnell und intensiv, doch das hat meinen Lesespaß kaum geschmälert. Der Reiz liegt weniger in überraschenden Wendungen als vielmehr im emotionalen Weg dorthin. Dieser erste Band der „Darling Devils“-Reihe ist eine gefühlvolle, cozy Sportsromance ohne Spice, die stattdessen auf Nähe, Vertrauen und innere Konflikte setzt. Und genau das macht sie so wirkungsvoll.

Fazit:
„Rival Darling“ von Alexandra Moody ist eine Sports Romance, die leise unter die Haut geht und lange im Herzen bleibt. Die Geschichte von Violet Sinclair und Reed Darling lebt von ehrlichen Gefühlen, starken Charakteren und einem emotionalen Knistern, das ganz ohne Spice auskommt. Trotz bekannter Tropes fühlt sich alles authentisch und nahbar an. Für mich ein absolutes Wohlfühl-Highlight, weshalb ich liebend gerne 5 von 5 Sternchen vergebe.

Zwischen Flutlicht und Dunkelheit

Es ist kurz nach sieben Uhr morgens, als Filip Javorović den Motor abstellt. Das Nachwuchsleistungszentrum des SSV Jahn, in dem er heute einen seiner Spieler treffen wird, liegt still da, noch leer. Der Himmel ist grau, die Luft kühl. Javorović bleibt einen Moment sitzen, die Hände noch am Lenkrad. Er kennt diesen Ort gut: Hier werden Träume geboren. Aber oft beginnen sie auch genau hier, zu zerbrechen.

Filip Javorović arbeitet als Spielerberater im Jugendbereich, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Kristian ist er Inhaber der Stuttgarter Agentur Sport Cycle. Seit einigen Jahren bewegt er sich zwischen Kabinen, Tribünen und Trainingsplätzen. Bei ihm stehen U-Nationalspieler unter Vertrag, aber auch Spieler, die in den Nachwuchsleistungszentren schwerere Zeiten erleben. Die Jungs würden teilweise in einer Blase, der „Fußball-Bubble“, leben, erzählt er, während wir das Gelände betreten. In den Nachwuchsleistungszentren werden die Spieler rundum versorgt, „sie müssen im Grunde nur in die Schule und zum Training, aber das ist halt nicht die Realität“.

Der stille Druck

Im Profifußball ist der Druck sichtbar: volle Stadien, Millionenverträge, überall Kameras. Im Nachwuchsbereich ist er leiser, aber oft mindestens genauso gnadenlos. Der Kampf um Einsatzzeiten, Profi- oder Sponsorenverträge beginnt früh. Mentale Gesundheit? Die wird dabei kaum thematisiert, zumindest nicht offiziell. „Es gibt keine aktiven Programme“, erklärt Javorović. Ab und zu sei ein Speaker da, doch meist gebe es „pädagogische Ansprechprechpartner, die dann teilweise auch als Sportpsychologen dienen“, auf die die Spieler zugehen können sowie, „je nach finanzieller Ausrichtung des Vereins, einen Sportpsychologen, der die Jugend und die Profis betreut“. Wirklich offen darüber gesprochen wird jedoch nicht, wer Hilfe sucht, tut dies meist heimlich. „Es wird erstmal eine SMS oder ein Anruf sein, das alles soll diskret passieren“. Der Grund: das Stigma. Noch immer gilt jedes Gespräch über mentale Belastung als Zeichen von Schwäche.

Dabei ist der Bedarf real. Studien und Vereinsprojekte wie die von Lina Bürger im Rahmen ihrer Masterarbeit 2023 belegen, dass psychische Beschwerden im Fußball längst kein Einzelfall mehr sind. So ergab die Studie unter anderem, dass unter den 205 Spielerinnen und Spielern der TSG Hoffenheim einige „Leistungssportler von Depressionen und Angstzuständen betroffen sein können“. Der Leistungsdruck und die ständige Bewertung prägen bereits die Jugendlichen.

Perspektive eines ehemaligen Profis

Sebastian Kneißl weiß, wie sich dieser Druck anfühlt. Mit 24 Jahren beendete er seine Karriere als Profispieler (FC Chelsea, Eintracht Frankfurt) wegen seiner Burn-out-Erkrankung. Heute ist er als TV-Experte beim Streamingdienst DAZN aktiv. „Ich hatte immer ein Thema mit dem Umgang mit Druck“, sagt Kneißl. „Damals gab es noch kein Social Media, es war nur der Kicker, der allein bewertet hat“. Eine schlechte Bewertung hat ihn „die ganze Woche über beschäftigt“. Durch Social Media sind die Kanäle heute mehr, die Stimmen lauter, die Urteile schneller. „Zum Großteil lesen die Spieler Dinge über sich und bekommen das schon mit, auch wenn sie immer sagen: „Nein, das interessiert mich nicht. Ich blende das aus.““

Gegenüber dem Stern bestätigte Nationalspieler Nick Woltemade in einem Interview kürzlich Ähnliches: „Das Fatale ist: Wenn du zehn super Geschichten über dich liest und dann plötzlich eine negative, kreisen deine Gedanken nur um diese eine schlechte Geschichte.“

Auf die Frage, ob mentale Gesundheit ein Tabuthema im Fußball ist, antwortet Kneißl: „Wir sind auf einem sehr, sehr guten Weg.“ Insbesondere die jüngere Generation hat verstanden, wie wichtig das Thema ist, dennoch bleibt die Unsicherheit. „Ein gebrochenes Bein ist einfach sichtbar, da weiß man, was damit zu tun ist.“ Bei mentalen Problemen ist das anders, daher wird es oft verschwiegen.

Javorović als Vermittler

Während auf dem Platz das Vormittagstraining beginnt, steht Javorović am Spielfeldrand. Der 30-Jährige ist kein Manager im klassischen Sinne, für seine Spieler ist er eine Vertrauensperson. „Wir haben mit all unseren Spielern einen wöchentlichen Austausch“, erzählt er. „Und wenn wir merken, dass jemand mal einen Höhenflug bekommt, weil man in der Nationalmannschaft gespielt oder einen Puma-Vertrag unterschrieben hat, dann bremsen wir sie auch schnell ein und versuchen, dass sie den Bezug ins reale Leben nicht verlieren.“ Seine Rolle ist es, den Spielern Stabilität zu geben, denn „seine Jungs“ sind nicht nur auf dem Weg, Profispieler zu werden, sondern immer noch pubertierende Kinder. Und trotzdem werden in dieser anspruchsvollen Zeit bereits Nachwuchsspieler aussortiert, weil sie nicht gut genug sind. Er erklärt, dass sich ein Verein nicht um alle 23 Spieler einer Mannschaft gleich kümmern kann, daher „gibt es bei den Top-Talenten viele Sonderbehandlungen, manche Spieler fallen dabei aber auch hinten über“.

Strukturen mit Rissen

Die größte Baustelle ist dabei das System selbst, denn „in den Vereinen gibt es eine finanzielle Ungleichheit“. Daher haben Vereine wie die TSG Hoffenheim viel mehr Möglichkeiten als kleinere Nachwuchsleistungszentren mit weniger Budget. Denn mentale Betreuung kostet Geld: ausgebildete Fachkräfte, Programme, Zeit. Wer sparen muss, spart daher oft an dieser Stelle. Bundesliga-Vereine wie der FC Augsburg oder die TSG Hoffenheim arbeiten nach eigenen Angaben bereits seit längerer Zeit mit Sportpsychologinnen und Sportpsychologen zusammen, um die Jugendlichen in den Nachwuchsabteilungen zu begleiten. Laut der Akademie des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) ist „jedes anerkannte Leistungszentrum in Fußball-Deutschland […] dazu verpflichtet, eine Stelle mit einer Sportpsychologin oder einem Sportpsychologen zu besetzen“. Flächendeckende Regelungen oder Konzepte lassen sich aufgrund des wirtschaftlichen Aspekts jedoch nur bedingt umsetzen.

Die Verantwortung der Medien

Kneißl sieht die Verantwortung auch in seiner eigenen Branche: „Denn auf der einen Seite steht die Schlagzeile bei den Medien. Auf der anderen Seite gilt es, wirklich darauf zu achten, ob die Schlagzeile überhaupt gerechtfertigt ist, da ist der Mensch. […] Das sind zwei Dinge, die sich beißen.“ Aufmerksamkeit sei jedoch die Währung der Medienwelt. „Da geht’s auch mal darum, ein Zitat aus dem Kontext zu nehmen, einfach nur um Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Er selbst steht heute zwischen diesen Welten: Er weiß, wie es ist, bewertet zu werden – und er weiß, wie leicht Bewertungen belasten können, wenn der Druck zu groß wird. „Wenn du dieses Konstrukt verstehst, dann kannst du damit umgehen“, sagt er. „Aber die Medien haben eine riesige Verantwortung.“

Zwischen Hoffnung und Pflicht

Das Training ist vorbei. Die Jugendlichen lachen ausgelassen, ein Trainer bespricht sich mit einem seiner Spieler, ein anderer schießt einen Ball über den Platz. Javorović bleibt stehen, beobachtet. Er kennt die Statistiken: Nur ein Bruchteil dieser Spieler wird es schaffen, einen der begehrten Profiverträge zu ergattern. Er kennt die Gesichter derer, die den großen Traum einer Profikarriere irgendwann begraben müssen – oft still, ohne Auffangnetz. „Wir versuchen immer, […] eine gewisse Grundreife zu erzielen“, sagt er, „ein Fundament dafür, mental stabil zu sein“. Er wirkt müde, aber nicht resigniert. Seine Art von Sieg wird nicht nur auf dem Platz gefeiert. Sie passiert auch leise, in Gesprächen und Momenten, in denen junge Spieler lernen, mit Rückschlägen richtig umzugehen und dass es kein Makel ist, sich dabei professionelle Hilfe zu holen.

Mentale Gesundheit ist im Fußball längst kein Randthema mehr, aber trotzdem noch immer kein selbstverständlicher Teil der Struktur. Es gibt viele Fortschritte, Studien, Projekte. Und es gibt Menschen wie Filip Javorović, die in den Rissen des Systems arbeiten, auffangen und stabilisieren. Als wir das Gelände verlassen, sehen wir ein Foto des Jahnstadions, in dem die Profis des SSV Jahn Regensburg ihre Spiele austragen. Hiervon träumen die Spieler, die Sport Cycle betreut: von Ruhm, vollen Stadien und Profiverträgen. Aber vielleicht wird auch irgendwann von etwas anderem gesprochen: von Angst, Überforderung und von Hilfe – nicht als Tabu, sondern als normalem Teil des Spiels.

Bis dahin sitzt Filip Javorović jeden Morgen in seinem Auto, schaut auf das Gelände und steigt dennoch aus. Jeden Tag.