Interview mit Almuth Schult

Almuth Schult ist ehemalige Nationaltorhüterin, Olympiasiegerin und eine der bekanntesten Torhüterinnen des deutschen Frauenfußballs. Als Spielerin erlebte sie den besonderen Druck der Position, bei der Fehler unmittelbar sichtbar werden.

Im Interview spricht sie über den Umgang mit Leistungsdruck und Rückschlägen, die Entwicklung des Themas mentale Gesundheit im Fußball und darüber, warum mentale Stärke bereits früh gefördert werden sollte.

Foto: Kansas City Current / Daniel Bartel

Leonie Kokott: Die Torwartposition ist sehr speziell, weil man ganz schnell vom Hero zum Zero – und umgekehrt – werden kann. Das ist wahrscheinlich noch extremer als bei Feldspielerinnen und Feldspielern. Wie sind Sie mit dieser besonderen Drucksituation umgegangen?

Almuth Schult: Das ist ein Prozess, in den man hineinwächst. Gerade als junger Mensch stellt einen die Torwartposition vor besondere Herausforderungen. Man kann in einer Situation zur Heldin werden, aber genauso schnell diejenige sein, der eine Niederlage oder verlorene Punkte zugeschrieben werden. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Gleichzeitig sollte man sich bewusst mit der Position auseinandersetzen – was sie bedeutet, aber auch, welches Privileg sie mit sich bringt. Dieses Verantwortungsbewusstsein muss man verinnerlichen. Auf der mentalen Seite ist es wichtig, sich sehr stark damit zu beschäftigen, ob diese Position wirklich zu einem passt und ob man sie am Ende auch genießen kann. Denn nur dann kann man etwas Positives daraus ziehen.

Leonie Kokott: Gab es spezielle Tools, mit denen Sie nach einem Gegentor mental wieder in den Fokus gefunden haben?

Almuth Schult: Spezielle Tools hatte ich eigentlich nicht, mir haben aber Selbstgespräche immer etwas Halt gegeben. Ich habe schon sehr früh angefangen, mich mit diesem Thema zu beschäftigten, vor allem in Zusammenarbeit mit meinem Torwarttrainer, aber auch im Austausch mit anderen Torhütern. Für mich war es immer wichtig, eine logische Herangehensweise zu haben. Ich habe mich gefragt: Warum stehe ich überhaupt hier auf dem Platz? Weil mich jemand nominiert hat und davon überzeugt ist, dass ich der Mannschaft am besten helfen kann.
Wenn ich mit mir und meiner Trainingsleistung zufrieden bin und das Gefühl habe, dass die Mannschaft gerne mit mir zusammen auf dem Platz steht, gibt mir das Rückenwind. Dann kann man die Situation eher genießen, anstatt es als Druck zu empfinden.
Genauso bin ich mit Fehlern umgegangen. Fehler sind menschlich und gehören zum Sport, das ist die logische Herangehensweise. Ich wusste, dass meine Mitspielerinnen mir Fehler verzeihen, genauso wie ich ihnen Fehler verzeihe. Dafür spielen wir schließlich einen Mannschaftssport. Außerdem ist ein Spiel nach einem Fehler nicht vorbei. Als Torhüterin könnte man in einer anderen Situation noch spielentscheidend eingreifen und das Spiel retten. Manchmal sorgt ein Fehler sogar dafür, dass die Mannschaft aufgerüttelt wird, nochmal ein paar Prozent mehr investiert und man dadurch das Spiel gewinnt. Das klingt zunächst absurd, kommt aber durchaus vor. Solche Eventualitäten habe ich gedanklich oft durchgespielt und gedacht: „Das ist egal, ich kann mich nach dem Spiel ärgern, aber nicht im Spiel.“

Leonie Kokott: Kann man lernen, mit Leistungsdruck und auch mit externem Druck, etwa durch die Medien, zu leben, oder gewöhnt man sich nie ganz daran?

Almuth Schult: Ich würde sagen, man muss lernen, damit zu leben. Es ist im Leistungssport notwendig. Schließlich wünscht man sich auch eine gewisse Aufmerksamkeit, denn mehr Medienaufmerksamkeit bedeutet normalerweise mehr Zuschauer im Stadion, mehr Emotionen und letztlich bessere Möglichkeiten, den Sport professionell auszuüben. Das ist erstrebenswert und das eine ist notwendig, um das andere zu haben.
Aus dem Grund muss man sich auch mental damit beschäftigt. Es wird noch sehr oft vernachlässigt, dass man den Kopf genauso trainieren kann wie den Körper. Das wird heute zum Glück immer stärker erkannt – und das ist auch gut so -, auch wenn das vor ein paar Jahrzehnten noch komplett anders war.

Leonie Kokott: Das leitet schon zu meiner nächsten Frage über: Wie hat sich die Bedeutung mentaler Gesundheit im Fußball in den vergangenen Jahren verändert?

Almuth Schult: Nicht nur im Fußball, sondern im Sport allgemein. Es gibt auch die Initiative „Mehr als Muskeln“ von Léa Krüger.

Leonie Kokott: Mit ihr habe ich tatsächlich vor ein paar Tagen ein Interview darüber geführt.

Almuth Schult: Dann ist das ja eine perfekte Grundlage für das Thema. „Mehr als Muskeln“ macht öffentlich, dass mentale Herausforderungen jeden treffen können, dass niemand damit allein ist und dass man lernen kann, etwas zu tun und damit umzugehen. Man kann wieder Spaß am Sport finden oder neue Wege entdecken, um sich selbst zu verwirklichen.
Dieses Thema war lange Zeit verpönt. Viele hatten das Gefühl, allein damit zu sein, deshalb finde ich diese Entwicklung sehr gut. Gerade der Fußball in Deutschland ist sehr von klassischen männlichen Rollenbildern geprägt: Man muss stark sein und darf keine Schwäche zeigen. Dabei empfinde ich es nicht als Schwäche, sich Probleme einzugestehen. Im Gegenteil: Wer seine Schwächen erkennt, kann an ihnen arbeiten und daraus eine Stärke machen. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, das gehört nun mal dazu.
Deshalb freue ich mich, dass das Thema inzwischen auch in den Nachwuchsleistungszentren angekommen ist. Vor allem bei den männlichen Nachwuchsspielern, aber auch bei den weiblichen wird es immer mehr. Jugendliche werden heute schon mit 13, 14 oder 15 Jahren – teilweise sogar noch früher – darauf hingewiesen. Das ist wichtig, denn so geht es um Prävention und Hilfe. Später, mit Anfang oder Mitte 20, ist es eher ein Reparieren von Dingen, die schon passiert sind. Frühzeitige Begleitung kann verhindern, dass man überhaupt in gewisse Strudel gerät.

Leonie Kokott: Ist mentale Gesundheit in Fußballvereinen und -verbänden noch immer ein Tabuthema oder kann man inzwischen offen darüber sprechen?

Almuth Schult: Ich würde sagen, dass man es im Frauenbereich mittlerweile offener ansprechen kann. Im Männerbereich finde ich es  schwierig zu beurteilen, weil ich dort nicht so stark involviert war. Viel hängt von der Kultur des jeweiligen Vereins ab und was dort von den Verantwortlichen an die Trainerinnen und Trainer und an die Spielerinnen und Spieler weitergegeben wird. Es gibt Vereine, in denen Fehler als Teil des Lernprozesses zugelassen werden, und andere, in denen sie eher bestraft werden. Eine gewisse Offenheit dafür ist entscheidend.
Ich habe den Eindruck, dass der Deutsche Fußball-Bund in diesem Bereich viel macht. In den Jugendnationalmannschaften stehen Mentaltrainer oder Psychologen zur Verfügung, sodass alle Spielerinnen und Spieler Zugang dazu haben. Das ist ein wichtiger Schritt, aber es geht auch darum, was im Alltag im Verein passiert. Wenn man es dort nicht gewohnt ist, über mentale Gesundheit zu sprechen, ist es schwierig, diese Einstellung für ein paar Tage bei der Nationalmannschaft zu ändern.

Leonie Kokott: Das finde ich interessant, denn gerade im Fußball würde ich sagen, dass die sportpsychologische Betreuung bei den Männern besser ausgebaut ist als bei den Frauen. Warum wird mit dem Thema bei Frauen und Männern dennoch unterschiedlich umgegangen?

Almuth Schult: Das hat viel mit der allgemeinen Fußballkultur zu tun. Ich glaube, dass im Frauenfußball insgesamt mehr Offenheit herrscht. Das zeigt sich beispielsweise auch beim Thema sexuelle Orientierung. Ob jemand eine Partnerin oder einen Partner mitbringt, wird im Frauenfußball meist deutlich selbstverständlicher behandelt als im Männerfußball. Und das hat ebenfalls etwas mit mentaler Gesundheit zu tun, ob man das Gefühl hat, sich verstecken zu müssen. Dieses Versteckspiel ist meiner Meinung nach bei den Frauen weniger gegeben als bei den Männern.
Gleichzeitig kann ich den Männerbereich nicht im gleichen Detail beurteilen, weil ich meine Erfahrungen als Spielerin natürlich im Frauenbereich gesammelt habe.

Leonie Kokott: Welche Veränderungen wünschen Sie sich im Umgang mit mentaler Gesundheit im Profisport?

Almuth Schult: Es hat sich bereits viel verbessert, aber ich würde mir vor allem wünschen, dass schon im Kindesalter an dem Thema gearbeitet wird – nicht nur im Sportverein, sondern auch in den Schulen, damit es wirklich jedes Kind erreicht. Mentale Belastungen entstehen schließlich nicht nur im Sport, sondern überall dort, wo Leistung bewertet wird: in der Schule, in der Musik, in der Kunst oder später im Berufsleben und sogar im familiären Umfeld. Deshalb betrifft mentale Gesundheit die gesamte Gesellschaft.
Ein Teil oder vielleicht auch eine Vielzahl der Kinder bekommen im Elternhaus eine gute Grundlage mit auf den Weg. Wenn diese Grundlage aber nicht da ist, wird oft erst sehr spät daran angeknüpft. Diese Anknüpfung könnte in der Schule und vielleicht auch schon im Kindergarten passieren. Wenn man diese Grundlage hat, kann man mit Herausforderungen ganz anders umgehen. Ich glaube auch, dass das zu mehr gegenseitigem Respekt in unserer Gesellschaft beitragen würde. Daher kommt es nicht nur auf den Sport an, sondern auch auf das, was darüber hinausgeht.
Im Sport freue ich mich aber, dass es mittlerweile Regelungen gibt, vor allem im Männerbereich, wo mehr Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel vorhanden sind. In den Nachwuchsleistungszentren müssen mittlerweile Psychologen oder Mentaltrainer zur Verfügung stehen. Es muss mit den Spielern gearbeitet werden und das möchte man auch bei den Spielerinnen und in den Nachwuchsleistungszentren der Frauen umsetzen, das finde ich gut. Langfristig sollte jeder Profisportler und jede Profisportlerin Zugang zu entsprechender Unterstützung haben.
Dabei spielt aber auch die persönliche, subjektive Beziehung eine große Rolle. Wenn man während der gesamten Karriere nur eine einzige Ansprechperson in Richtung mentale Gesundheit oder Psychologie hat und zu dieser keinen Zugang findet, wird das Angebot möglicherweise gar nicht genutzt und als unwichtig erachtet. Andere haben vielleicht einen viel besseren Zugang zu dem Thema, weil die Ansprechperson sympathischer ist. Von daher würde ich mir wünschen, dass es mehrere Ansprechpersonen gäbe, etwa durch unterschiedliche Workshops, sodass jeder jemanden finden kann, zu dem er Vertrauen aufbaut.

Leonie Kokott: Sie haben auch in den USA gespielt. Unterscheidet sich der Umgang mit mentaler Gesundheit dort von dem in deutschen Vereinen?

Almuth Schult: Ja, das finde ich schon. Das Thema wird dort deutlich regelmäßiger abgefragt. Sowohl in Deutschland als auch in den USA gibt es meist tägliche Abfragen zur physischen und psychischen Gesundheit. In den USA werden zusätzlich am Anfang des Jahres ausführlichere Befragungen durchgeführt, um ein Statuslevel zu haben und Entwicklungen über mehrere Saisons hinweg nachvollziehen zu können.
Außerdem gibt es noch Möglichkeiten, anonym Feedback zu geben. Nach jeder Saison können die Spielerinnen den kompletten Staff – das Trainerteam, das Betreuerteam und weitere Verantwortliche – bewerten. Dadurch schafft man eher ein Umfeld, in dem Kritik geäußert werden darf und in dem man es gewohnt ist, miteinander über Qualitäten und Verbesserungsmöglichkeiten zu sprechen. Das ist in Deutschland noch weniger ausgeprägt.
Hinzu kommt, dass sich einige Spielerinnen in der US-Liga bereits öffentlich zu mentalen Problemen oder Krisen geäußert haben. Die Liga ist da sehr unterstützend. Durch den Tarifvertrag kann man eine längere Auszeit nehmen, ohne irgendwelche Nachteile befürchten zu müssen.

Leonie Kokott: Wie kann ich mir so einen Fragebogen vorstellen?

Almuth Schult: Das ist digital und funktioniert wie ein Multiple-Choice-Test. Ich würde schätzen, dass er etwa 40 Fragen umfasst, die unterschiedliche Ziele haben. Manche Fragen wirken zunächst vielleicht etwas ungewöhnlich, aber dahinter steckt ein entwickeltes Verfahren, ähnlich wie bei Persönlichkeits- oder Charakterfragebögen. Anscheinend sind sie damit auch einigermaßen erfolgreich.

Leonie Kokott: Haben Sie das Gefühl, dass Leistungssportlerinnen heute – nicht nur im mentalen Bereich – besser unterstützt werden als zu Beginn Ihrer Karriere?

Almuth Schult: Definitiv. Die Entwicklung ist in nahezu allen Bereichen spürbar. Vor allem der athletische Bereich ist sehr stark gewachsen. Früher hatte nicht jeder Verein einen Athletiktrainer oder eine Athletiktrainerin, heute gehören individualisierte Trainingspläne eher zum Standard.
Auch das Wissen über die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Athleten ist deutlich größer geworden. Es wird beispielsweise zyklusbasierter trainiert und stärker auf individuelle Gegebenheiten eingegangen. Hinzu kommen deutlich bessere Trainingsbedingungen wie die Kabine oder die Trainingsplätze. Auch die Staff-Teams sind deutlich größer, Reisen werden professioneller organisiert und die Spielerinnen verdienen natürlich mehr Geld. Im Großen und Ganzen ist der Frauenfußball gewachsen und das ist auch gut so.

Leonie Kokott: Wo sehen Sie den Frauenfußball in Deutschland aktuell?

Almuth Schult: Ich sehe ihn noch nicht in der kompletten Weltspitze, weil mir das Niveau der Bundesliga noch nicht gut genug ist. Wenn ich beispielsweise nach England schaue, gibt es dort inzwischen zwei professionelle Ligen mit festgeschriebenen Mindestgehältern. So weit sind wir in Deutschland noch nicht. Wir sind froh, dass mittlerweile alle Spielerinnen berufsgenossenschaftlich versucht sind, auch das war ein großer Schritt und hat lange gedauert. Zu meiner aktiven Zeit gab es noch Spielerinnen, die ohne Vertrag in der Liga gespielt haben. Nach einer schlimmen Verletzung standen sie praktisch ohne Absicherung da, das ist heute zum Glück anders.
Was mir dennoch fehlt, ist ein höherer Anspruch an die Liga. Ich war auch in der US-Liga und dort gibt es beispielsweise einen Tarifvertrag, der für alle Vereine gültig ist und Vorgaben zu Reisemodalitäten, Größe und Ausstattung von Besprechungsräumen oder anderen Rahmenbedingungen macht. Dahinter steht eine Spielergewerkschaft, die dafür arbeitet – eine vergleichbare Spielergewerkschaft gibt es im Frauenbereich in Deutschland nicht.
Aus meiner Sicht wäre genau das die Basis, um weiterzukommen. Einzelne Spielerinnen können zwar Forderungen stellen oder verhandeln, das führt aber nicht unbedingt zum gleichen Ergebnis wie im Kollektiv. In anderen Ländern wie den USA, Australien oder in den skandinavischen Ländern haben Spielergewerkschaften unheimlich viel erreicht, daher bin ich gespannt, wann dieser Schritt auch in Deutschland passiert.
Trotzdem geht es uns sehr gut, weil der Fußball in Deutschland ein sehr hohes Ansehen genießt – vor allem der männliche Fußball. Es ist sehr viel Geld im Umlauf und dadurch lassen sich auch einige Strukturen auf den Frauenbereich übertragen. Viele Vereine haben den Frauenfußball mittlerweile als Produkt entdeckt, um den kommerziellen Anteil weiter auszubauen, um noch mehr Fans zu binden und um vielleicht mehr Spieltage in großen Stadien zu veranstalten. Dadurch wächst die Liga, aber sie bleibt aufgrund dessen sehr unausgeglichen, weil nach wie vor große Unterschiede zwischen professionellen und semiprofessionellen Strukturen bestehen.

Leonie Kokott: Welche Chancen sehen Sie insbesondere in der Ausrichtung der Heim-Europameisterschaft 2029 in Deutschland?

Almuth Schult: Ich sehe darin eine sehr große Chance. Ich war bei der Heim-Weltmeisterschaft 2011 dabei und habe erlebt, welche Begeisterung ein solches Turnier auslösen kann. Es wurden unheimlich viele Tickets verkauft – auch bei Spielen ohne deutsche Beteiligung – und man hat gespürt, was für eine Kraft dahinter steckt oder stecken kann.
Die Europameisterschaft 2029 könnte genau diesen nächsten Schritt ermöglichen, damit die Liga professioneller wird, Vereine weiter investieren und auch der Deutsche Fußball-Bund seine Bemühungen weiter verstärkt. Nun soll die Liga  in einen neuen Ligaverband übergehen, wodurch die Möglichkeit entsteht, neue Lizenzauflagen zu erlassen und vielleicht einen Tarifvertrag abzuschließen – insbesondere mit dem Ziel der Heim-EM, wo es diese große Fußballbühne im Frauenbereich gibt.

Leonie Kokott: Was wünschen Sie sich für zukünftige Generationen von Spielerinnen?

Almuth Schult: Ich würde mir grundsätzlich wünschen, dass jedes Kind die Möglichkeit hat, Sport auszuüben – unabhängig vom Geschlecht. Mädchen sollten genau die gleichen Chancen haben wie Jungs, ganz egal, für welche Sportart sie sich entscheiden. Dazu gehören die gleiche Förderung, das gleiche Gefühl, in dieser Sportart willkommen zu sein, und die gleiche Qualität an Trainerinnen und Trainern. Außerdem wünsche ich mir, dass mentale Gesundheit von Anfang an selbstverständlich dazugehört. Der Zugang zu mentaler Stärke und damit auch zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung sollte aber nicht nur im Sport vermittelt werden, sondern am besten schon in Schule oder Kindergarten. So hängt es nicht allein vom Elternhaus ab, sondern jedes Kind kann früh lernen, was ihm guttut und wie es mit Herausforderungen umgeht.

Leonie Kokott: Nach Ihren Schwangerschaften sind Sie in die USA gegangen, da die Bedingungen dort für Spielerinnen mit Kindern deutlich besser sind als in Europa. Welche Unterstützung braucht es hier noch, damit mehr Spielerinnen Familie und Profisport miteinander verbinden können?

Almuth Schult: Es beginnt mit der grundsätzlichen Einstellung. Es wird zwar weniger, aber in Europa hat man teilweise noch das Gefühl, dass man als Mutter im Fußball nicht so gewollt ist. Viele denken an den organisatorischen Aufwand und dass es vielleicht anstrengend ist, wenn die Kinder dabei sind. Manche zweifeln auch daran, ob man nach der Schwangerschaft wieder den früheren Fitnesszustand erreicht.
In den USA ist die Einstellung eine komplett andere. Dort freuen sich Vereine normalerweise über Mütter in der Mannschaft, weil sie sagen: Wer Mutter ist, hat gelernt, eine ganz andere Verantwortung zu übernehmen, man hat den eigenen Körper viel besser kennengelernt und ist dadurch ein noch besseres Teammitglied, als man es vorher gewesen sein kann. Außerdem sind Mütter Vorbilder für die anderen Spielerinnen. Auch die Kinder werden dort als Bereicherung gesehen. Sie bessern die Stimmung im Team auf, schaffen eine familiäre Atmosphäre und erinnern alle daran, dass Fußball nicht alles ist und man in der Gemeinschaft viel stärker funktioniert.

Leonie Kokott: Wenn Ihre Karriere verfilmt werden würde, welche Szene dürfte auf keinen Fall fehlen?

Almuth Schult: Ich bin eigentlich kein Mensch, der auf einzelne Momente blickt. Ich bin dankbar für meine gesamte Karriere und würde weder die positiven noch die negativen Erfahrungen streichen, weil sie mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin. Natürlich gibt es Schlüsselmomente wie Titelgewinne, die nach außen sehr viel Strahlkraft haben. 
Oftmals wird dann nicht gezeigt, was dahinter für Arbeit gesteckt hat: Rückschläge, Verletzungen, Reha-Phasen oder Herausforderungen innerhalb der Mannschaft und im familiären Umfeld. Gerade diese Details machen die Geschichte eigentlich aus. Deshalb fällt es mir schwer, eine einzelne Szene auszuwählen. Am liebsten würde ich alles reinpacken, aber dann würde der Film wohl viel zu lang werden. Wahrscheinlich müsste jemand von außen entscheiden, welche Momente aus dieser Zeit wirklich entscheidend sind.

Leonie Kokott: In Ihrem Podcast „Almuths Pausen-T“ geben Sie regelmäßig Ihre Hot Takes für die nächsten Fußballspiele ab. Was sind – zum Abschluss dieses Interviews – Ihre Hot Takes für die Frauen- und Männer-Bundesliga-Saison 2026/27?

Almuth Schult: Ein Hot Take muss ja etwas Unwahrscheinliches sein. Bei den Männern wäre daher mein Hot Take, dass der FC Bayern nicht Deutscher Meister wird.

Leonie Kokott: Sondern wer?

Almuth Schult: Ich sage jetzt mal, dass es der VfB Stuttgart schafft.

Leonie Kokott: Das freut mich als Stuttgarterin natürlich!

Almuth Schult: Perfekt. Und bei den Frauen sage ich, dass Union Berlin den DFB-Pokal gewinnt.

Leonie Kokott: Spannend. Dann muss ich in einem Jahr auf jeden Fall noch einmal nachgucken, was daraus geworden ist.

Almuth Schult: Schauen wir mal.

Almuth Schults Erfahrungen zeigen, dass sich im Leistungssport zwar vieles verändert hat, mentale Gesundheit aber noch längst nicht überall selbstverständlich dazugehört. Gerade ihre Erfahrungen aus verschiedenen Fußballsystemen machen deutlich, wie wichtig Strukturen sind, die Athletinnen und Athleten nicht erst dann auffangen, wenn bereits Probleme entstanden sind. Gleichzeitig geht es um weit mehr als den Sport: Wer früh lernt, mit Druck, Rückschlägen und den eigenen Erwartungen umzugehen, kann diese Fähigkeiten auch in andere Lebensbereiche mitnehmen. Der Frauenfußball hat dabei noch einige Aufgaben vor sich, aber auch die Chance, neue Maßstäbe für einen nachhaltigeren und ganzheitlicheren Leistungssport zu setzen.

Juli 2026

Interview mit Hanna de Haan

Hanna de Haan kennt den Leistungssport aus eigener Erfahrung, denn sie hat viele Jahre Fußball auf Leistungsniveau gespielt. Heute arbeitet die ehemalige Torhüterin als Sportpsychologin unter anderem beim 1. FC Köln und beim Deutschen Fußball-Bund.

Sie erklärt, warum Sportpsychologie nicht erst dann gefragt sein sollte, wenn es Probleme gibt, wie Athletinnen und Athleten mit Druck und Rückschlägen umgehen können und welche Rolle Trainerinnen und Trainer dabei spielen. Außerdem geht es um die noch immer lückenhafte sportpsychologische Betreuung im Frauenfußball.

Leonie Kokott: Du warst selbst viele Jahre Leistungssportlerin. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, Sportpsychologin zu werden?

Hanna de Haan: Genau, ich habe insgesamt 25 Jahre Fußball gespielt, viele davon auf Leistungsniveau. Schon als Jugendliche wurde mir recht schnell klar, dass mich Psychologie fasziniert. Ich finde es super interessant, Menschen zu verstehen, wie sich Verhalten in verschiedenen Situationen zeigt und wie man es erklären kann. Dieses Interesse hat sich zunächst in der Schule entwickelt, später habe ich es im Bachelor im Psychologiestudium vertieft. Während meiner Zeit als Profifußballerinnen kamen dann noch eigene Erfahrungen hinzu.
Ich war Torhüterin, aber ich war nicht in jedem Verein, in dem ich gespielt habe, die Nummer eins. Das heißt, dass ich teilweise wenig Spielzeit bekommen habe und mich mit der Frage auseinandersetzen musste, wie ich damit umgehe, dass ich jeden Tag in der Woche trainiere, am Spieltag aber nicht auf dem Platz stehe, sondern „nur“ dafür zuständig bin, meine Mannschaft anzufeuern. Mich hat interessiert, wie man in solchen Situationen trotzdem motiviert bleibt, seine Ziele verfolgt oder sie gegebenenfalls neu ausrichtet.
Außerdem habe ich bei Mitspielerinnen erlebt, wie groß der Einfluss mentaler Faktoren sein kann, besonders im Bereich Wettkampfangst. Da waren beispielsweise Fußballspielerinnen dabei, die im Training konstant auf höchstem Niveau gespielt haben, aber nicht in der Lage waren, ihre Leistung im Spiel abzurufen. Das fand ich unglaublich spannend, denn das Talent und die Motivation sind vorhanden – wieso gelang es dann nicht im Spiel? Genau diese Fragen haben mich schließlich dazu bewegt, im Master Sportpsychologie zu studieren und noch spezifischer auf das Thema einzugehen.

Leonie Kokott: Würdest du sagen, dass dir deine eigenen Erfahrungen als Spielerin heute in der Arbeit mit Athletinnen und Athleten helfen?

Hanna de Haan: Auf jeden Fall. Meine Erfahrungen helfen mir, viele Situationen besser nachzuvollziehen. Ich hatte selbst zwei Knieoperationen und Verletzungen, mit denen ich zu kämpfen hatte. Dadurch kann ich oft besser verstehen, wie sich Athletinnen und Athleten dabei fühlen, wenn sie solche Phasen durchmachen.

Leonie Kokott: Gibt es einen typischen Arbeitsalltag als Sportpsychologin oder ist jeder Tag anders?

Hanna de Haan: Einen klassischen Arbeitsalltag gibt es tatsächlich gar nicht, das ist aber auch das Schöne daran. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, eine Bindung und eine Beziehung zu den Athletinnen und Athleten aufzubauen und die immer weiter zu stärken. Denn nur wenn Vertrauen da ist, kommen die Athletinnen und Athleten im entscheidenden Moment auch auf mich zu. Aktuell arbeite ich zum einen an der Universität in der sportpsychologischen Forschung. Dort sitze ich viel im Büro und führe Studien durch. Zum anderen arbeite ich in der angewandten Sportpsychologie, unter anderem beim 1. FC Köln und beim DFB. Dort bin ich bei den Trainingseinheiten und bei den Spielen dabei. Außerdem führe ich Workshops mit den Mannschaften durch und arbeite gemeinsam mit Gruppen von 20 bis 30 Personen an unterschiedlichen Themen.
Den größten Teil meiner Arbeit machen jedoch Gespräche aus. Das sind entweder vereinbarte Termine, also richtige Einzelgespräche, oder viele kurze Begegnungen im Alltag, die auch zum Beziehungsaufbau beitragen. Wenn ich beim 1. FC Köln bin und eine Trainingseinheit stattgefunden hat, gehe ich zum Beispiel mit einer Athletin zur Kabine, frage, wie es ihr geht, oder greife eine Situation aus dem Training auf, über die wir kurz sprechen. Meine Arbeit besteht deshalb vor allem aus Beobachten, Zuhören und Gesprächen, diese Mischung macht sie so abwechslungsreich.

Leonie Kokott: Mit welchen Anliegen kommen Spielerinnen und Spieler am häufigsten auf dich zu?

Hanna de Haan: Das ist ganz unterschiedlich. Ein großes Thema sind Verletzungen oder Krankheiten. Viele Athletinnen und Athleten haben oft das Gefühl, dass ihr Körper ihnen immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Sie arbeiten hart daran, die Verletzung auszukurieren, sind endlich wieder fit und verletzen sich erneut. Dadurch entsteht oft das Gefühl, keine Konstanz aufbauen zu können.
Im Grunde geht es dabei also häufig um den Umgang mit Rückschlägen. Darüber spielen auch Themen wie Stressmanagement und Leistungsdruck eine große Rolle. Viele möchten lernen, besser mit Drucksituationen im Sport umzugehen und Routinen zu entwickeln, die ihnen helfen, im Alltag gelassener zu bleiben.

Leonie Kokott: Also beginnt die sportpsychologische Betreuung nicht erst, wenn Probleme auftreten, sondern bereits präventiv?

Hanna de Haan: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass das oft missverstanden wird. Manchmal werden Sportpsychologinnen und Sportpsychologen noch immer wie eine Feuerwehr gesehen: Wir werden erst gerufen, wenn es irgendwo brennt. Natürlich unterstützen wir auch in akuten Krisen, aber im Optimalfall arbeiten wir präventiv.
Ich vergleiche das gern mit einem Rucksack voller Werkzeuge, den man trägt. Ich gebe den Athletinnen und Athleten diese Tools mit an die Hand, wie sie in verschiedenen Situationen agieren oder reagieren können. Im besten Fall muss man diesen Rucksack nie aufmachen, aber wenn doch eine schwierige Situation kommt, sind die passenden Werkzeuge bereits da und man kann direkt darauf zurückgreifen.

Leonie Kokott: Was sind das für Werkzeuge? Welche Übungen oder Methoden können Athletinnen und Athleten in ihren Trainingsalltag integrieren?

Hanna de Haan: Das ist ganz unterschiedlich und kommt natürlich auf die Thematik an, mit der die Person zu kämpfen hat. Ein häufiges Thema sind zum Beispiel Konzentrationsroutinen. Wie diese aussehen, unterscheidet sich allerdings je nach Sportart. Im Turnen gibt es klare Abfolgen, ich bewege mich viel im Fußball, da ist vieles deutlich dynamischer. Ich hatte beispielsweise eine Turnerin, die Konzentrationsprobleme hatte und sich in der Wettkampfhalle leicht ablenken ließ, durch andere Athletinnen, Trainer oder das Geschehen um sie herum. Im Fußball könnten ein volles Stadion oder die Atmosphäre dazu führen, dass man abgelenkt ist und der Fokus verloren geht.
Es gibt verschiedene Routinen, die man einarbeiten kann, in solchen Situationen kann man zum Beispiel mit der Atmung spielen und sagen: „Ich atme einmal tief ein und langsam wieder aus oder halte den Atem kurz an, um zu versuchen, die Aufmerksamkeit wieder auf den Moment zu lenken und störende Gedanken loszuwerden.“ Eine weitere Möglichkeit ist, den Fokus gezielt zu verändern.
Als Torhüterin habe ich das selbst erlebt: Wenn ich einen Fehler gemacht habe und dadurch ein Gegentor entstanden ist, bestand die Gefahr, mich in negativen Gedanken zu verlieren. Bevor ich mich damit selbst fertig mache und vielleicht auch ein sehr negatives Selbstgespräch an den Tag lege, versuche ich stattdessen, einen bewussten Reset zu machen. Ich bin zu meinem Torpfosten gegangen, habe einen Schluck getrunken, meinen Fokus wieder ganz breit gemacht und mir gesagt: „Der Fehler ist passiert, ich akzeptiere ihn, aber jetzt geht das Spiel weiter.“ So konnte ich den Moment abhaken und mich wieder auf das konzentrieren, was vor mir lag.
Manche Athletinnen und Athletinnen nutzen dafür auch kleine Anker im Alltag. Wer zum Beispiel ein Haarband trägt, kann kurz daran schnippen und sich gleichzeitig ein Stoppschild vorstellen. Solche kleinen Rituale helfen dabei, negative Gedankenspiralen bewusst zu unterbrechen.

Leonie Kokott: Welche Rolle spielt die Sportpsychologie innerhalb eines Trainerteams?

Hanna de Haan: Ich habe den Eindruck, dass Sportpsychologie und mentale Gesundheit in den Trainerausbildungen langsam einen größeren Stellenwert bekommen. Gerade in den Lizenzlehrgängen wird das Thema zunehmend aufgegriffen. Das ist wichtig, denn Trainerinnen und Trainer sollten Kompetenzen entwickeln, um ihre Athletinnen und Athleten besser verstehen und unterstützen zu können.
Im Fußball habe ich einen ganz guten Einblick und dort versucht man schon, das viel stärker in die Lizenzen einzubauen. Es gibt verschiedene Module, in denen die Trainerinnen und Trainer Zugang zu ihrer eigenen mentalen Gesundheit bekommen. Das ist sehr wichtig, um auch verschiedene Signale zu verstehen, wenn wir über klinische Bilder wie beispielsweise Depressionen oder Burnout sprechen. Gleichzeitig geht es darum, zu verstehen, wie Leistung mithilfe von mentalen Faktoren optimiert und gesteigert werden kann.  
Ich glaube aber, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Es gibt nach wie vor Trainerinnen und Trainer, die sagen: „Ich habe das früher nicht gebraucht, dann ist das heute auch kein Thema.“ Von diesem Gedanken müssen wir wegkommen. Nur weil Sportpsychologie in der eigenen Karriere keine Rolle gespielt hat, heißt das nicht, dass sie heute nicht sehr, sehr hilfreich sein kann.
Ein weiteres bekanntes Bild in der Sportpsychologie ist die Annahme: „Mir geht es ja nicht schlecht, ich brauche keinen Sportpsychologen.“ Dabei geht es nicht nur darum, Krisen zu bewältigen. Sportpsychologie kann dazu beitragen, die eigene Leistung zu verbessern. Genauso wie ich zum Beispiel zu einem Athletiktrainer gehe, um meine Athletik zu verbessern oder zu einem Ernährungsberater, um noch mehr Prozentpunkte aus meiner Leistung rauszuholen. Wir Sportpsychologinnen und Sportpsychologen verstehen uns als Puzzleteil im Gesamtprozess. Ein kleiner Prozentteil, der irgendwie dazu beiträgt, dass du deine Leistung optimieren oder steigern kannst.

Leonie Kokott: Ist es im Trainingsalltag so, dass du dem Trainerteam – natürlich anonymisiert – Rückmeldungen gibst, wenn sich bestimmte Themen bei mehreren Spielerinnen oder Spielern häufen?

Hanna de Haan: Tatsächlich läuft es häufig eher andersherum. Die Trainerinnen und Trainer sind viel häufiger bei den Trainingseinheiten dabei als ich und nehmen deshalb oft Veränderungen oder Verhaltensmuster wahr. Dann kommen sie auf mich zu und sagen zum Beispiel: „Mir ist aufgefallen, dass ein Spieler nach jedem Fehler komplett den Kopf verliert. Hast du eine Idee, wie ich damit umgehen kann?“ Solche Beobachtungen sind oft der Ausgangspunkt für unsere Zusammenarbeit. Die Trainerinnen und Trainer fragen, wie sie Athletinnen und Athleten besser unterstützen können oder bitten mich, mit einer Person ins Gespräch zu gehen.
Alles, was ich mit Athletinnen und Athleten bespreche, unterliegt selbstverständlich der Schweigepflicht. Nur wenn mir jemand ausdrücklich sagt: „Hey Hanna, besprich das bitte mit meinem Trainer, das ist mir wichtig.“ Dann passiert es auch hin und wieder, dass man das Trainerteam mit ins Boot holt. Aber meistens bespreche ich meine Beobachtungen immer direkt mit der jeweiligen Athletin oder dem jeweiligen Athleten.

Leonie Kokott: Was verstehst du unter Leistungsdruck im Sport?

Hanna de Haan: Druck kann ganz viele verschiedene Quellen haben. Deshalb muss man das ein bisschen ausklamüsern und erstmal schauen, woher dieser Druck überhaupt kommt. Vielleicht kommt der Druck von außen, durch Eltern, Freundinnen und Freunde oder Trainerinnen und Trainer. Er kann aber auch durch das Sportsystem selbst entstehen, etwa wenn finanzielle Unsicherheit besteht oder Athletinnen und Athleten auf ihre sportlichen Erfolge angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Auch Faktoren wie hoher Reisestress durch einen vollen Wettkampfkalender können zusätzlichen Druck erzeugen.
Sehr häufig kommt der größte Druck von innen. Viele Athletinnen und Athleten setzen sich selbst hohe Erwartungen und möchten diesen unbedingt gerecht werden. Deshalb ist für mich immer die erste Frage: Woher kommt der Leistungsdruck eigentlich? Denn erst wenn man seine Ursache versteht, kann man gezielt daran arbeiten.

Leonie Kokott: Kann Druck auch positive Auswirkungen auf die Leistung haben?

Hanna de Haan: Auf jeden Fall. Es gibt verschiedene Modelle in der Sportpsychologie, die zeigen, dass ein bestimmtes Maß an Anspannung notwendig ist, um optimale Leistung abzurufen. Ein Beispiel dafür sind die „Individual Zones of Optimal Functioning“, die beschreiben, dass jeder Mensch einen individuellen Bereich hat, in dem die eigene Leistung am besten funktioniert.
Das kenne ich aus meiner eigenen Karriere gut. Vor wichtigen Spielen hatte ich oft ein Kribbeln im Bauch und eine gewisse Aufregung. Ich nenne das manchmal den „inneren Applaus“, denn es hat mir gezeigt: Jetzt geht es los, das ist mir wichtig. Diese Anspannung hat mir Energie gegeben und mich fokussiert. Deswegen würde ich auf jeden Fall sagen, dass sich Druck – oder diese Anspannung, von der wir reden, – auch positiv äußern kann, weil es mir zeigt, dass es mir etwas bedeutet.
Problematisch wird es aber, wenn die Anspannung zu gering oder zu hoch ist. Wenn man überhaupt keine Anspannung verspürt, kann es sein, dass man die Leistung nicht abrufen kann und es einem quasi egal ist. Ist die Anspannung dagegen zu stark – wenn man sich beispielsweise vor jedem Wettkampf übergeben muss -, kann sie natürlich auch dazu führen, dass die Leistung nicht abrufbar ist.

Leonie Kokott: Ab wann wird Leistungsdruck aus deiner Sicht problematisch?

Hanna de Haan: Druck wird dann problematisch, wenn ich meine Leistung nicht mehr abrufen kann und dadurch nicht erfolgreich bin. Wenn sich der Druck positiv auswirkt, treibt er mich an und ich erreiche im Optimalfall meine Ziele. Wenn das aber nicht mehr funktioniert, gibt es natürlich ganz viele verschiedene Ursachen.
Es gibt beispielsweise Athletinnen und Athleten, die vor Wettkämpfen in Ohnmacht fallen oder die sich ständig übergeben müssen und dadurch gar nicht antreten können. Dann ist der Druck eindeutig zu hoch.
Dabei muss man aber immer die Ursache betrachten: Kommt dieser Druck vielleicht von außen? Oder entsteht er, weil die Athletin oder der Athlet die Sportart vielleicht gar nicht mehr ausüben möchte? Wenn ich grundsätzlich davon ausgehe, dass jemand Leistung erzielen und erfolgreich sein möchte, aber es trotzdem nicht gelingt, muss man gemeinsam herausfinden, woran es liegt und was verändert werden kann.

Leonie Kokott: Ist es eigentlich geregelt, ob jeder Verein in der Frauen-Bundesliga eine sportpsychologische Betreuung haben muss?

Hanna de Haan: Nein, in der Frauen-Bundesliga ist das leider nicht verpflichtend. Solche Vorgaben gibt es lediglich für Nachwuchsleistungszentren der Männer und Jungs. Dort muss, je nach Ligazugehörigkeit, eine Sportpsychologin oder ein Sportpsychologe angestellt sein. Aber bei den Frauen-Bundesligateams ist das nicht verpflichtend.
Deswegen haben nicht alle Teams eine eigene sportpsychologische Betreuung, häufig auch aus finanziellen Gründen. Manchmal betreuen die Sportpsychologinnen und Sportpsychologen, die im NLZ sind, zusätzlich ein paar Spielerinnen aus der Frauenmannschaft – wenn die Kapazitäten vorhanden sind. Aber das ist natürlich keine ausreichende Abdeckung.
Ich betreue beispielsweise die U17-Juniorinnen-Nationalmannschaft und arbeite dort mit Spielerinnen aus vielen verschiedenen Vereinen. Natürlich würde ich immer gerne an die jeweiligen Vereinspsychologinnen und Vereinspsychologen berichten, aber bei ganz vielen Vereinen gibt es diese Stellen einfach gar nicht.
Einige Vereine, wie beispielsweise der SC Freiburg, haben bereits Strukturen im Frauen- und Mädchenfußball aufgebaut. Ein paar andere Vereine haben das auch, aber eine flächendeckende Versorgung gibt es aktuell noch nicht überall. Leider.

Leonie Kokott: Du hast in vier verschiedenen Ländern Fußball gespielt. Gab es Unterschiede darin, wie in Deutschland, den Niederlanden, den USA und er Schweiz mit mentaler Gesundheit im Fußball umgegangen wird?

Hanna de Haan: Das ist total spannend. Während meiner eigenen Karriere hatte ich tatsächlich gar nicht so viele Angebote in dem Bereich. Ich habe unter anderem in den USA am College gespielt und grundsätzlich ist Sportpsychologie dort ein Riesenthema. Die Sportpsychologie per se kommt eigentlich von dort.
Trotzdem habe ich mich da persönlich gar nicht gut aufgehoben gefühlt. Es gab an der Universität einen Mental Health Counselor, der allen Studentinnen und Studenten zur Verfügung stand. Ich war einmal dort, aber ich hatte das Gefühl, dass die Person keine Ahnung von den Themen hatte, denen ich im Sport begegnet bin. Auch in anderen Vereinen hatte ich keine feste Ansprechperson für sportpsychologische Themen. Vielleicht war das Thema während meiner Karriere aber auch noch nicht so präsent wie heute.
Mittlerweile hat sich das zum Glück verändert. Ich betreue beispielsweise die Frauen des 1. FC Köln, wo die Spielerinnen eine feste Ansprechpartnerin haben. Wenn weitere Unterstützung notwendig ist oder es um klinische Themen geht, kann ich beispielsweise an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten weitervermitteln.

Leonie Kokott: Wenn es in den klinischen Bereich geht und eine Therapie notwendig wird: Wie läuft die Vermittlung ab? Über dich, den Verein oder muss sich die Spielerin selbst darum kümmern?

Hanna de Haan: Auch hier entwickeln sich die Strukturen langsam weiter. In Nordrhein-Westfalen gibt es beispielsweise das Netzwerk MentalGestärkt der Deutschen Sporthochschule. Dort können sich alle Kaderathletinnen und -athleten melden und werden an Sportpsychologinnen, Sportpsychologen oder auch an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten vermittelt. Das ist sehr wertvoll, weil wir wissen, dass es in der Gesellschaft teilweise sehr, sehr schwierig ist, einen Therapieplatz zu bekommen. 
Beim 1. FC Köln haben wir zusätzlich ein therapeutisches Netzwerk aufgebaut. Wenn ich in einem Coaching merke, dass ein Thema in den klinischen Bereich geht, bespreche ich das mit der Athletin oder dem Athleten und vermittle bei Bedarf weiter. Meine Ausbildung als Sportpsychologin ist da quasi vorbei, denn sie ersetzt keine Psychotherapie, dafür sind andere Fachpersonen zuständig.
Gemeinsam schauen wir dann beispielsweise, welche Art von Unterstützung benötigt wird und ob eine bestimmte Präferenz bei der Therapeutin oder dem Therapeuten besteht. Anschließend stelle ich den Kontakt her.
Das kommt tatsächlich häufiger vor, als man denkt, dass sie das dann auch in Anspruch nehmen. Wenngleich ich die Versorgung in Deutschland katastrophal finde. Ich bin der Meinung, dass es für alle Menschen möglich sein sollte, einen relativ schnellen Therapieplatz zu bekommen.
Daher bin ich super dankbar, dass wir solche Netzwerke haben und ich mit den Personen zusammenarbeite, die mir wirklich innerhalb von einer Woche einen Termin für die Sportlerinnen und Sportler besorgen können.

Das Gespräch mit Hanna de Haan macht deutlich, dass Sportpsychologie weit mehr ist als eine Anlaufstelle für Athletinnen und Athleten, die bereits mit großen Problemen zu kämpfen haben. Mentale Stärke lässt sich genauso trainieren wie körperliche Fähigkeiten und kann helfen, mit Druck, Rückschlägen und schwierigen Situationen besser umzugehen. Dafür braucht es Vertrauen, Zeit und vor allem Strukturen, die solche Angebote selbstverständlich machen. Gerade im Frauenfußball fehlt es daran vielerorts noch. Prävention sollte deshalb nicht erst dann beginnen, wenn es bereits brennt, sondern von Anfang an Teil des Leistungssports sein.

Juli 2026

Interview mit Léa Krüger

Léa Krüger hat bereits als Kind mit dem Fechten begonnen. Sie beschreibt den Sport als ihre größte Leidenschaft und gleichzeitig als einen Ort, an dem sie zwischenzeitlich das Gefühl entwickelte, nur dann etwas wert zu sein, wenn sie Leistung brachte.

Im Interview erzählt die ehemalige Säbelfechterin offen von diesem Weg, von Leistungsdruck, mentaler Gesundheit und der schwierigen Suche nach Hilfe. Heute setzt sie sich mit „Mehr als Muskeln“ dafür ein, dass Athletinnen und Athleten nicht erst dann Unterstützung bekommen, wenn es bereits zu spät ist.

Leonie Kokott: Du hast 17 Jahre lang Leistungssport betrieben. Was hat dich ursprünglich zum Fechten gebracht?

Léa Krüger: Ich bin in Nürnberg hinter der Ritterburg groß geworden. Als kleines Mädchen wollte ich deshalb unbedingt Ritterin werden und habe mich an Fasching auch immer als Ritterin verkleidet. Ein paar Jahre später habe ich dann Fechten im Fernsehen gesehen und gedacht: „Das ist ja wie Ritter spielen, aber im Erwachsenenleben und als Profi.“
Ich habe meiner Mama so lange damit in den Ohren gelegen, bis sie mich schließlich in einem Verein angemeldet hat. Damals wusste ich noch gar nicht, dass es im Fechten verschiedene Waffen gibt, nämlich die Disziplinen Säbel, Degen und Florett. Ich bin dann eher zufällig in einen Säbelverein reingestolpert und war nach dem ersten Training sofort Feuer und Flamme. Ich habe eine so große Leidenschaft für diesen Sport entwickelt, wie ich sie seitdem nie wieder erlebt habe. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals wieder etwas Vergleichbares finden werde, weil ich so darin aufgegangen bin, dass plötzlich alles andere unwichtig wird. Ich habe mich einfach in diesen Sport verliebt. Erst drei Monate später habe ich erfahren, dass es überhaupt noch andere Waffen gibt, aber da war es längst um mich geschehen. Im Grunde war es ein Kindheitstraum, den ich mir dann als Profisportlerin erfüllen konnte.

Leonie Kokott: Die Begeisterung dafür merkt man dir sofort an. Du hast gerade richtig gestrahlt, als du davon erzählt hast. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass aus sportlichem Ehrgeiz eine gesundheitliche Belastung geworden ist?

Léa Krüger: Ich glaube, man muss sich immer bewusst machen: Sport ist gesund, Leistungssport aber nicht. Das gilt sowohl körperlich als auch psychisch, denn im Leistungssport herrschen permanente Drucksituationen. Du wirst ständig an deiner Leistung gemessen und du lernst bereits als junger Mensch, dass unser Sportsystem ausschließlich nach Leistung funktioniert. Wenn du deine Leistung aber nicht bringst, dann wirst du nicht nominiert. Gerade in jungen Jahren fühlt sich das schnell so an, als wäre man dadurch weniger wert.
Bei mir hat sich dieser Gedanke immer stärker verfestigt: Wenn ich meine Gefechte nicht gewinne, bin ich nicht gut genug.
Meine sportliche Entwicklung verlief am Anfang fast raketenartig, ich kannte Niederlagen eigentlich nicht. Nach zwei Jahren bin ich ans Sportinternat am Bundesstützpunkt gezogen, vier Jahre später war ich in der Nationalmannschaft und nach sechs Jahren war ich zum ersten Mal bei den Aktiven in der Damenmannschaft mit dabei. Irgendwann kommt aber bei jedem der Punkt, an dem dieser kometenhafte Aufstieg endet. Man stagniert, andere holen auf oder ziehen sogar vorbei. Genau das war auch bei mir der Fall und ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr dauerhaft an meine bisherigen Leistungen anknüpfen konnte.
Dann kamen die Ängste: Ich bin nicht gut genug, wenn ich mein Ergebnis nicht erreiche. Ich bin nicht gut genug, wenn ich verliere. Ich hatte irgendwann regelrecht Panik vor Niederlagen. Da habe ich erstmals angefangen, mit Sportpsychologen zu arbeiten und habe überhaupt verstanden, welche enorme Rolle die mentale Komponente im Leistungssport spielt – und wie stark man sein kann, wenn man lernt, damit umzugehen. Gleichzeitig wurde mir aber auch bewusst, dass ich zum Teil richtig daran zu knabbern hatte.
Ich konnte vor Wettkämpfen nicht mehr schlafen, weil ich so aufgeregt war. Und wenn ich ein Gefecht knapp verloren hatte, lag ich auch danach oft wach. Ich habe mich selbst fertig gemacht, dass ich in meinem Wert schlecht bin. Damals habe ich das gar nicht bewusst wahrgenommen, sondern für mich war es selbstverständlich, dass ich Schuld war, weil ich nicht gut genug gewesen bin. Das waren die ersten Male, als es passiert ist, da war ich wahrscheinlich 18 oder 19.

Leonie Kokott: Du sprichst relativ offen über deine Bulimie. Warum war es dir wichtig, deine Geschichte zu veröffentlichen?

Léa Krüger: Weil ich weiß, dass es vielen anderen Athletinnen und Athleten ähnlich geht. Das heißt nicht, dass jede oder jeder sofort eine mentale Erkrankung hat. Ich glaube, die Gefühle, die aufkommen – nicht gut genug zu sein, Einsamkeit, ein hohes Bedürfnis nach Kontrolle und die Überforderung mit den eigenen Emotionen – kennen wir alle im Leistungssport.
Deshalb war es mir wichtig, meine Geschichte zu erzählen. Ich wünsche mir, dass sich in unserem Sportsystem etwas verändert. Wir brauchen Strukturen, die uns als Menschen sehen und auffangen. Vor allem möchte ich, dass junge Mädchen nicht dieselben Erfahrungen machen müssen wie ich. Sie sollen wissen, dass ihr Wert nicht von einem Ergebnis in einem Becken oder auf einer Tartanbahn abhängt. Das erreicht man aber nur, wenn man offen darüber spricht.
Das ist natürlich schon sehr reflektiert, ich habe auch erst später angefangen, darüber zu sprechen. Meine Bulimie-Erkrankung entwickelte sich erst einige Jahre nach den ersten psychischen Belastungen, über die ich gerade gesprochen habe.

Leonie Kokott: Wie schwer oder leicht ist es momentan für Athletinnen und Athleten, mit mentalen Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen?

Léa Krüger: Aktuell erfordert es nach wie vor sehr viel Mut, weil unser Sportsystem nicht darauf ausgelegt ist, mentale Erkrankungen aufzufangen. Es wird weniger, weil es immer mehr mutige Athletinnen und Athleten gibt, die darüber sprechen, trotzdem wird mentale Belastung häufig noch als Schwäche wahrgenommen – gerade bei Männern. Wer zugibt, dass es ihm nicht gut geht oder dass er überfordert ist, gilt schnell als jemand, der nicht mehr funktioniert. Dabei wird im Leistungssport genau das erwartet.
Hinzu kommt, dass Vereine und Verbände häufig Sorge haben, in ein schlechtes Licht zu geraten. Wenn sie in der Öffentlichkeit so dastehen, dass sie ihre Athleten quasi verbrennen, dann ist das natürlich eine Art Reputationsschaden.
Gleichzeitig herrscht eine absolute Überforderung, weil viele gar nicht wissen, wie sie mit einer mental erkrankten Person umgehen sollen, weil nicht darüber gesprochen wird. Genau deshalb habe ich mich entschieden, offen zu sein. Ich bin keine Porzellanpuppe, mir ist es lieber, wenn man mich direkt fragt. Ich sage schon, wenn ich an meine Grenzen komme. Das ist für alle einfacher, als einen Eiertanz um das Thema aufzuführen.
Eine besonders große sportspezifische Hürde ist außerdem die Finanzierung. Wer sich öffnet, muss damit rechnen, vom Trainer aus dem Kader oder der Trainingsgruppe genommen zu werden. Vielleicht zum einen, weil er die Person schützen und ihr den Raum und die Zeit geben möchte. Auf der anderen Seite stehen Trainerinnen und Trainer aber auch selbst unter enormen Druck und müssen dafür sorgen, dass das Team funktioniert und Leistung bringen kann.
Die Folge ist häufig ein Teufelskreis: Du öffnest dich, du wirst aus dem Kader genommen, du kannst keine Leistung mehr bringen, deshalb verlierst du wiederum deinen Kaderstatus und damit oft auch deine finanzielle Absicherung. Zwar gibt es erste Unterstützungsangebote, etwa über die Deutsche Sporthilfe, aber die erreichen nur einen kleinen Teil der Athletinnen und Athleten. Die allermeisten haben keine Möglichkeiten, in so einer Situation aufgefangen zu werden.
Für jemanden, der ohnehin schon in einer mentalen Erkrankung oder in einer herausfordernden Phase steckt, verschärft das die Situation noch viel weiter, weil alle Strukturen wegfallen und du keine Sicherheit mehr hast. Genau deshalb schweigen viele – und solange sich an diesen Strukturen nichts ändert, wird das auch nicht funktionieren.

Leonie Kokott: Wie schwer war es für dich, dir während deiner aktiven Karriere Hilfe zu suchen, gerade mit all den Konsequenzen, die das mit sich ziehen kann?

Léa Krüger: Das war alles andere als leicht. Natürlich hatte ich große Angst, aus dem Kader zu fliegen. Ich war nur noch ein Strich in der Landschaft und konnte meine Leistung längst nicht mehr abrufen. Dahinter stand wieder dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein und meinen eigenen Wert ausschließlich über den Sport zu definieren.
Mein Ausweg, um diese sehr, sehr extremen Gefühle wenigstens für einen Moment unter Kontrolle zurückzubekommen, war, mich zu übergeben. Danach waren die Gefühle erstmal ganz kurz weg – wie „ausgekotzt“ – und das hat mir kurzfristig geholfen. Diese kurzfristige Erleichterung hat mich immer tiefer in die Ess-Brech-Sucht gezogen, das ist das Absurde an der Bulimie, mir ging es ja kurzfristig gut damit.
Irgendwann war ich an einem Punkt, an dem ich einfach nicht mehr konnte, mit einer Essstörung kann man keinen Hochleistungssport betreiben, das funktioniert nicht. Also habe ich meinem Trainer davon erzählt und er hat total menschlich reagiert, mich in den Arm genommen und gesagt: „Wir schaffen das alles. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich bin für dich da. Léa, mein kleiner Sonnenschein.“ Nach außen war ich immer diejenige, die gestrahlt hat, das Team zusammengehalten und darauf geachtet hat, dass es allen anderen gut geht. Mich selbst habe ich dadurch vergessen.
Mein Trainer hat mich rausgenommen, um mich zu schützen, und genau das hat mich komplett reingerissen. Mir hat plötzlich jede Struktur gefehlt und ich hatte extreme Ängste, dass ich aus dem Kader fliege. Trotzdem habe ich erstmal versucht, offen mit meiner Erkrankung umzugehen und mit dem Team und dem Verband darüber zu sprechen – auch wenn das alles erstmal nicht so leicht war.
Drei Monate später saß ich wieder vor meinem Trainer und habe ihn angelogen, dass ich alles unter Kontrolle hätte, ausgeheilt und wieder ganz gesund sei. Rückblickend ist das erschreckend, aber ich habe wirklich mit allen Mitteln, auch mit Lügen, versucht, wieder in dieses Team zurückzukommen, um weiter meiner Leidenschaft nachgehen zu können und im Kader zu bleiben. Natürlich spielte auch die finanzielle Absicherung eine Rolle.

Leonie Kokott: Wo können sich Athletinnen und Athleten denn hinwenden, wenn sie Hilfe brauchen?

Léa Krüger: Grundsätzlich sollte jeder Verband eine psychologische Ansprechperson haben. Ob das tatsächlich überall der Fall ist, wird allerdings nicht kontrolliert, das liegt in der Verantwortung der einzelnen Verbände.
Im Deutschen Fechter-Bund gibt es einen Psychologen, allerdings keinen Therapeuten. Er ist für alle Sportlerinnen und Sportler zuständig. Aber bei drei Waffen und dann jeweils Männern und Frauen in allen Altersklassen wird schnell deutlich, dass er sich natürlich nicht im Detail um jeden Einzelnen kümmern kann. Trotzdem sollte eine solche Person der erste Ansprechpartner sein.
Das vorrangige Problem dabei ist, dass Sportpsychologinnen und Sportpsychologen oftmals direkt bei den Verbänden angestellt sind. Zwar unterliegen sie der Schweigepflicht, dennoch haben viele Athletinnen und Athleten Hemmungen, sich ihnen anzuvertrauen. Die Sorge, dass Informationen doch beim Trainer oder beim Verband landen könnten und dieselben Konsequenzen entstehen, ist oft sehr groß.
Neben den Verbänden bieten auch die Olympiastützpunkte Netzwerke an Psychologinnen und Psychologen an, mit denen man zusammenarbeiten kann.
Wenn es allerdings um eine tatsächlich mentale Erkrankung und eine Therapie geht, ist das Angebot sehr erschreckend. Mittlerweile gibt es mit dem Netzwerk MentalGestärkt der Deutschen Sporthochschule eine wichtige Anlaufstelle, die Therapeuten und Sportler matchen und weitervermitteln. Auch der Olympiastützpunkt Köln hat erstmals einen Therapeuten im Netzwerk, an den man sich wenden kann, und bietet eine sportpsychologische Sprechstunde in Kooperation mit der Uni-Klinik Köln an. Das sind wichtige Entwicklungen, aber das Problem bleibt häufig, dass die Angebote nicht ausreichend finanziert sind, die Sichtbarkeit fehlt und man oftmals mehrere Monate auf einen Termin warten muss, wenn man sich Unterstützung holen möchte.

Leonie Kokott: Muss man sich dann um alles selbst kümmern?

Léa Krüger: Ja, man kann sich zum Beispiel zunächst beim Netzwerk MentalGestärkt melden und seine Situation schildern. Dann vermittelt dich eine externe Person der Sporthochschule und man erhält Vorschläge für passende Therapeutinnen und Therapeuten. Um einen Therapieplatz muss man sich anschließend aber selbst bemühen.
Wir alle wissen, wie es um das Gesundheitssystem bestellt ist: Einen Platz zu bekommen, ist extrem schwer. Wer die Behandlung nicht privat finanzieren kann, muss im Zweifel mehrere Monate warten. Für Leistungssportlerinnen und Leistungssportler ist das ein enormes Problem, denn ihre Karriere ist zeitlich begrenzt. Ich kann nicht zwei Jahre auf einen Platz warten, dann ist meine Karriere vorbei, das funktioniert nicht. Schon für die Allgemeinbevölkerung sind diese Wartezeiten viel zu lang, im Leistungssport können sie das Karriereende bedeuten.

Leonie Kokott: Wie würdest du mentalen Druck im Spitzensport beschreiben?

Léa Krüger: Ich würde mentalen Druck gar nicht grundsätzlich negativ bewerten. Er gehört zum Leistungssport dazu, denn ohne Druck könnten wir keine Leistungssportler werden und wir könnten unsere Spitzenleistungen nicht abrufen. Wir brauchen den Druck, um erfolgreich zu sein, sonst kommen wir nicht dahin, wo wir hinkommen wollen.
Aber Druck wird dann zum Problem, wenn er alles bestimmt und sich vom Sport auf unser komplettes Leben überträgt. Wenn wir anfangen, unseren gesamten Selbstwert von unserer Leistung abhängig zu machen, wird der Druck ungesund. Dann können wir daran kaputt gehen.

Leonie Kokott: Welche Verantwortung tragen Trainerinnen und Trainer für die mentale Gesundheit ihrer Athletinnen und Athleten?

Léa Krüger: Trainerinnen und Trainer tragen insofern Verantwortung, dass sie sich im Klaren sein müssen, dass sie diejenigen sind, die uns in dem Moment als Menschen formen. Sie sind aber nicht dafür verantwortlich, dass wir am Ende nicht mit dem Druck umgehen können und sie tragen vor allem nicht die Verantwortung dafür, uns gesund zu machen. Sie müssen sich aber bewusst sein, dass ihr Verhalten den mentalen Druck verstärken kann. Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass es mentale Erkrankungen gibt und dass ihr Verhalten auch dazu beitragen kann, dass so etwas ausgelöst wird, insbesondere was Essstörungen angeht. Kommentare wie: „Noch ein Teller, hast du so viel Hunger?“, „Guck mal, die geht heute schon zum dritten Mal ans Buffet“, „Oh, du hast über die Feiertage zugenommen, du musst wieder abnehmen“ oder auch Bemerkungen wie „Ah, Blondie ist wieder da“ können viel auslösen. Worte formen Körper. Wer ständig auf sein Äußeres oder auf sein Frausein reduziert wird, beginnt irgendwann zu glauben: Wenn ich meine Leistung schon nicht mehr abrufen kann, dann muss ich wenigstens noch gut aussehen, um auf diese Weise die Anerkennung vom Trainer zu bekommen. Insbesondere in den starken Abhängigkeitsverhältnissen, in denen wir uns als Athletinnen und Athleten zu den Trainerinnen und Trainern befinden. 
Außerdem finde ich, dass Trainerinnen und Trainer Verantwortung dafür tragen, sich selbst Unterstützung zu holen, wenn sie einen Athleten oder eine Athletin haben, der oder die eine mentale Erkrankung hat. Sie müssen die Person nicht heilen, aber sie müssen in dem Moment wissen, wie sie mit der Person umgehen. Das können sie nicht alleine, deshalb sollten sie wissen, wo sie Hilfe bekommen und an wen sie sich wenden können. Genau diese Strukturen fehlen bislang.

Leonie Kokott: Was wären solche Anlaufstellen für Trainerinnen und Trainer?

Léa Krüger: Im Idealfall gäbe es beim DOSB oder an der Trainerakademie des DOSB eine zentrale Anlaufstelle. Trainerinnen und Trainer müssten genau wissen: Wenn ich eine Athletin oder einen Athleten mit mentalen Problemen, Herausforderungen oder Erkrankungen betreue, kann ich dort anrufen und bekomme Unterstützung. Denn auch Trainerinnen, Trainer und das gesamte Betreuerteam sind häufig überfordert. Sie wollen den Menschen schützen und gleichzeitig Leistung bringen, es ist also ein Teufelskreis.

Leonie Kokott: Mitunter auch, um das Thema sichtbarer zu machen, hast du vermutlich Mehr als Muskeln gegründet. Was möchtet ihr mit der Organisation langfristig verändern?

Léa Krüger: Unser großes Ziel ist, dass mentale Gesundheit im Leistungssport genauso abgesichert ist wie die physische Gesundheit. Wenn jemand mental erkrankt, sollte diese Person weiterhin finanziell abgesichert sein, beispielsweise durch eine Art Krankengeld. Dann muss man sich über diese Komponente schon mal keine Gedanken machen.
Unsere ganz große Vision ist, dass wir es schaffen, dadurch nicht nur im Sport, sondern vielleicht sogar gesamtgesellschaftlich etwas zu bewegen. Dass mentale Gesundheit genauso normal sein darf wie die körperliche und auch genauso behandelt wird. Dazu gehört die finanzielle Absicherung, aber auch schnelle und unbürokratische Hilfe, wenn jemand sie braucht. Es gibt Suizide, weil mentale Erkrankungen zu spät erkannt oder nicht richtig behandelt wurden oder weil sich die Person nicht getraut hat, darüber zu sprechen.
Wir wünschen uns ein Sportsystem, in dem auch junge Mädchen, die gerade mit dem Sport anfangen, gesund darin aufwachsen können und in dem der Mensch wieder an erster Stelle steht. Das ist sehr pathetisch, denn natürlich wird Leistungssport immer Leistungssport bleiben – und das ist auch gut so. Aber wir möchten das Bewusstsein dafür verändern, dass hinter jeder Leistung immer ein Mensch steht.
Im Kleineren bedeutet es für uns erstmal, mentale Gesundheit überhaupt sichtbar zu machen und Tabus zu brechen. Leistungssportlerinnen und Leistungssportler sind keine perfekten Menschen und müssen es auch nicht sein. Deshalb möchten wir Räume schaffen, in denen Athletinnen und Athleten sich treffen und offen und geschützt über mentale Gesundheit und Herausforderungen sprechen können.
Darüber hinaus wollen wir die Netzwerke, die es zum Teil auch schon gibt, aus- und aufbauen, neue Strukturen schaffen und uns für schnelle, unbürokratische Hilfe einsetzen, die dann finanziert ist. Da sind wir dran. Dazu gehört auch, Trainerinnen und Trainer besser auszubilden und Anlaufstellen für sie zu schaffen. Am Ende haben wir im besten Fall noch eine Absicherung über eine Krankenkasse, damit wir die mentale Gesundheit genauso versichern können wie die körperliche.

Leonie Kokott: Welche Rückmeldungen erhaltet ihr von Athletinnen und Athleten, die sich bei Mehr als Muskeln melden?

Léa Krüger: Die Rückmeldungen sind unglaublich positiv. Wir hatten bereits fünf oder sechs Calls, an denen jeweils über 200 Athletinnen und Athleten teilgenommen haben. Wir merken, dass wir etwas bewegen, weil wir Menschen zusammenbringen, die diese extremen Gefühle alle kennen, aber bisher keinen Raum hatten, um wirklich offen darüber zu sprechen.
Beim letzten Call war beispielsweise Benedikt Höwedes dabei. Da ging es um den Umgang mit und nach Höhepunkten und er hat von der WM-Zeit erzählt. Genau das ist das Schöne an unserem Ansatz, es ist komplett sportartenübergreifend.
Wir richten uns nicht nur an olympische Athletinnen und Athleten, sondern auch an den paralympischen, nicht-olympischen Sport und den Profifußball. Aktuell machen wir das alles noch ehrenamtlich, auch wenn es langsam größer wird. In den nächsten Monaten möchten wir aber wieder einen Call anbieten, um möglichst viele Menschen zu erreichen und ihnen einen Raum zu geben, in dem sie sich verstanden und aufgefangen fühlen. Und wir werden Mehr als Muskeln als Organisation gründen, damit diese Strukturen, die wir bereits geschaffen haben, auch nachhaltig bestehen bleiben.

Während unseres Interviews hat mich vor allem beeindruckt, wie offen Léa Krüger über ihre eigenen Erfahrungen spricht und wie klar sie gleichzeitig auf die Strukturen im Leistungssport blickt. Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, mentale Gesundheit nicht länger als Schwäche zu betrachten. Als angehende Sportjournalistin nehme ich daraus vor allem mit, dass wir mentale Gesundheit nicht erst dann thematisieren dürfen, wenn etwas passiert ist. Wir müssen auch die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Athletinnen und Athleten sich überhaupt trauen, offen über ihre Belastungen zu sprechen.

Juli 2026

Interview mit Kathrin Lehmann

Ob als Expertin für die deutsche Nationalmannschaft sowie Welt- und Europameisterschaften beim ZDF, als Bundesliga-Expertin bei MagentaSport oder als Expertin für die Spiele der Schweizer Herren-Nationalmannschaft beim SRF: Wer (Frauen-) Fußball in Deutschland und der Schweiz verfolgt, kommt um Kathrin Lehmann nicht herum. Doch Kathrin Lehmann ist nicht bloß TV-Expertin, sondern eine sehr beeindruckende Sportlerin. Sie ist die einzige Frau, die sowohl in der höchsten deutschen Spielklasse im Fußball als auch im Eishockey einen Treffer erzielte, die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey den höchsten europäischen Club-Titel, die Champions League, gewann und zudem die einzige Frau, die sowohl im Fußball als auch im Eishockey gleichzeitig im selben Land Meister wurde. Kathrin Lehmann ist Schweizer Fußballerin des Jahres 1999 und hat die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft als Kapitänin zu den Olympischen Spielen geführt.

In unserem Gespräch hat sie mir erzählt, wie sie den Profifußball und den Profieishockey unter einen Hut bekommen hat, wie sie mit medialem Druck im Sport umgegangen ist und wie sie die Sportberichterstattung heute wahrnimmt.

Leo: Ich muss sagen, dass ich von Ihrer Karriere wirklich sehr, sehr beeindruckt bin. Ich habe mich gefragt, wie man das über so viele Jahre hinweg schafft, Profifußball, Profieishockey, Studium, Privatleben und und und allesamt unter einen Hut zu bekommen?

Kathrin Lehmann: Ich glaube, ich bin so ein bisschen ähnlich wie Sie. Ich mache etwas unglaublich gerne und dann lasse ich mir das von niemandem nehmen. Und ich habe eine Konstellation, die mir in die Karten gespielt hat, ohne die das gar nicht möglich gewesen wäre: Ich war im Fußball im Tor und im Eishockey im Sturm. Die Fußballposition ist eine Maximal- und Schnellkraft-Position und Eishockey ist eine Maximal- und Schnellkraft-Sportart. Das heißt, alles, was ich trainiert habe, habe ich immer für beides trainiert. Wäre ich im Fußball Außenverteidigerin gewesen, dann hätte ich das physisch nie und nimmer leisten können. Und so war es für mich einfach, am Freitagabend Eishockey zu spielen, am Samstag Fußball und am Sonntag wieder Eishockey. Weil das einfach eine ganz andere mentale Belastung ist, wenn ich im Fußballtor stehe. Ich hatte eine zweite Komponente, die mir sehr in die Karten gespielt hat: Ich war sehr gut. Das heißt, alle, die mich verpflichtet haben, wussten immer, man kauft das ganze Paket Kathrin Lehmann. Dadurch konnte ich immer recht gut verhandeln und es war eigentlich fast immer nur im März, April, wenn die Playoffs im Eishockey und die Eishockey-Weltmeisterschaft waren, dass es sich wirklich überschnitten hat. Ob ich im September, Oktober, November ein Eishockey-Spiel mehr oder weniger gespielt habe, war „nicht relevant“. Ich habe auch immer nur in Städten gespielt, wo beides auf höchster Stufe war und dann hatte ich ganz viel Glück mit den Spielplänen. Dass sowohl im Eishockey als auch im Fußball ein Heimspiel-Wochenende war. Dass ich nicht mit dem Fußball im Norden in Umeå war und ich hätte aber in Stockholm Eishockey gespielt. Es gab viele Zufälle, manchen Zufällen habe ich ein bisschen nachgeholfen, und so ist das gekommen. Und das Zweite ist: Nie hat man so viel Zeit, zu studieren, wie wenn man Spitzensportlerin oder Spitzensportler ist. Du verbringst so viel Zeit im Bus oder im Trainingslager und das ist etwas, um seine Gehirnzellen mit etwas anderem zu beschäftigen als nur mit Sprints von A nach B oder einem Pass von C nach D.

Leo: Das heißt, dass Sie die Inhalte für das Studium dann immer auf den Fahrten bearbeitet haben?

Kathrin Lehmann: Ja, ich war sehr, sehr kreativ, was Lernen anbelangt, auch schon während des Abiturs. Ich war in einer normalen Klasse, nicht in einer Sportklasse, und ich war schon immer sehr verspielt. Ich wusste, wenn mein Trainingsweg zehn Zugstationen hatte und ich musste Lateinvokabeln büffeln, dann habe ich zwischen Station eins und fünf die neuen Vokabeln gelernt, zwischen Station sechs und acht habe ich sie repetiert und zwischen Station neun und zehn waren die Wörter dran, die ich noch nicht konnte. Ich bin sehr kreativ im effizienten Nutzen von Zeit. Bei mir ist alles irgendwie ein Spiel. Deswegen habe ich gerne gelernt und lerne noch immer gerne. Ich habe viel gelernt und gelesen während Zugfahrten oder Krafttrainings. Mein erstes Studium war Literaturwissenschaften, Mediävistik und neue Geschichte – und Bücher lesen oder Texte schreiben, das kann ich überall.

Leo: Sehr beeindruckend. Sie haben den direkten Vergleich, weil Sie selbst sehr erfolgreiche Profispielerin waren und heute zahlreiche Spiele medial begleiten. Was würden Sie sagen, ist der größte Unterschied in der Sportberichterstattung? Was hat sich im Laufe der Zeit am meisten verändert, seit Sie mit dem Profisport begonnen haben?

Kathrin Lehmann: Social Media war und ist natürlich bahnbrechend für den Sport, insbesondere für den Frauensport, weil Social Media den Athletinnen und Athleten eine eigene Sichtbarkeit gibt. Dass ich damals 1999 eine eigene Webseite hatte, das war ja schon bahnbrechend, ich hatte einen eigenen Fanclub, ich habe Newsletter geschrieben. Dieses eigene Darstellen und die Sichtbarkeit des eigenen Tuns, das hat sich natürlich verändert. Ich finde, dass gerade im Frauenfußball, nehmen wir Deutschland, die EM 2022 für den Frauensport ein riesiger Turn Around war. Wir haben auch an der EM in diesem Jahr in der Schweiz gesehen, dass es sich von der Darstellung der Persönlichkeit der Spielerin, also der Geschichte an sich, zur sportlichen Analyse veränderte. Während die Berichterstattung früher einfach über die Persönlichkeiten war, haben wir jetzt Berichterstattung über den Sport. Natürlich immer noch mit dem Mitschwingen vom Persönlichen, genau das macht ja den Frauensport authentisch. Aber im Frauensport ist es angekommen, dass man hauptsächlich über das Sportliche berichtet, ohne die spannenden Hintergrundgeschichten zu vergessen.

Leo: Ich würde mal die These in den Raum stellen, dass trotzdem ein verstärkter medialer Druck auf den Spielerinnen lastet. Sie haben auch zahlreiche wichtige Turniere gespielt. Kann man den medialen Druck ausblenden oder belastet das einen vielleicht sogar? Wie kann man als Sportler oder Sportlerin damit zum Beispiel vor einem super wichtigen Spiel umgehen?

Kathrin Lehmann: Das ist sehr typenabhängig.

Leo: Und wie sind Sie damit umgegangen?

Kathrin Lehmann: Ich konnte das sehr gut ausblenden. Eine meiner großen Stärken war das Hier und Jetzt. Das hatte ich noch durch meinen permanenten Wechsel: Eishockey, Fußball, Eishockey, Fußball. Da war ich einem riesigen Druck ausgesetzt. Ich glaube, es geht auch darum, wie man mit den Medien umgeht und wie man sich selbst darstellt. Je realistischer man sich darstellt, desto weniger ist der Druck da und desto mehr verzeihen einem die Fans und die Medien, wenn es vielleicht mal nicht läuft. Ich glaube, gerade heutzutage mit Social Media, zahlt sich ehrliches Erzählen und ehrliche Selbstdarstellung auf den eigenen Plattformen aus in Momenten, wo es extrem ist. Ein Moment, der extrem ist, ist entweder der super Erfolg oder der super Misserfolg. Ich konnte super gut damit umgehen und ich kann nur bedingt nachvollziehen, wie sehr jemand daran zerbricht. Da ich immer Captain war und natürlich immer eine, die viel in den Medien war, auch schon zu meiner Zeit, haben sich natürlich viele unter meinem Flügel versteckt. Und das ist voll in Ordnung. Ich finde, jede Spielerin und jeder Spieler muss die Situation realistisch angehen: Kann ich damit umgehen, ja oder nein? Das ist ganz wichtig, das ist das Zentralste. Ich finde, jetzt sind wir in einer ganz spannenden Phase, denn nächste Woche spielt Deutschland gegen Spanien in der Nations League (Freitag, 28. November 2025, 20.30 Uhr). Und jetzt kommt diese Erwartungshaltung der deutschen Medien und der deutschen Gesellschaft, die momentan eigentlich keine Erwartungshaltung, sondern eher ein Wunsch, eine große Sehnsucht der deutschen Bevölkerung ist, die Besten zu sein. Jetzt spielt Deutschland gegen Spanien und ich glaube, dieses Spiel wird zeigen, inwiefern Medienarbeit gesteuert wird und wie dann tatsächlich der Showdown auf dem Platz ist. Das wird unglaublich spannend, zu sehen.

Leo: Welche Verantwortung tragen Medien und Journalisten und Journalistinnen Ihrer Meinung nach im Umgang mit Sportlern und Sportlerinnen und deren öffentlichem Bild?

Kathrin Lehmann: Eine sehr große Verantwortung. Auch ich als Expertin habe eine unglaubliche Verantwortung. Im Moment glaube ich, dass sehr viele Journalistinnen und Journalisten ihrer Sorgfaltspflicht wirklich sehr gut nachkommen. Es ist im Moment kein Sensationsjournalismus, sondern er ist momentan sehr realistisch, sachlich und behutsam. Das heißt, es ist ein guter Moment vor allem gegenüber dem Frauensport. Und sie tragen eine sehr große Verantwortung. Im Moment kann man als Journalistin oder Journalist im Frauensport, wenn wir jetzt insbesondere im Frauenfußball bleiben, sehr viel dazu beitragen, etwas aufzubauen, ohne sensationsgeil zu sein. Also sehr realistisch, kritisch, sorgfältig recherchiert, aber trotzdem dem Ganzen ein Bild und ein Gesicht gebend.

Leo: Sie haben das eben auch schon angesprochen, dass Sie die Sportberichterstattung in Deutschland und der Schweiz aktiv mitgestalten. Was würden Sie sich von der Sportberichterstattung der Zukunft wünschen, was würden Sie vielleicht gern verändern?

Kathrin Lehmann: Das ist eine gute Frage. Ich bin eben vielleicht auch zu sehr schon mittendrin mit allem. Ich finde, bleiben wir im Frauenfußball, dass da viele Journalisten und Journalistinnen doch schon seit einigen Jahren – und einige Jahre heißt für mich fünf aufwärts – in dem Geschehen drin sind und bei der Entwicklung, die seit 2022 passiert, dabei sind und deshalb alles gut einordnen können. Was wünsche ich mir? Dass auch die anderen Sportarten Journalistinnen und Journalisten haben, die aus der Sportart kommen und das Wachsen einordnen können. Ich finde das sehr spannend, ich kann das ja auch beurteilen, weil ich seit zehn Jahren Expertin der Herren-Nationalmannschaft der Schweiz bin. Ich begleite die Schweizer Herrennationalmannschaft teilweise länger als viele junge Journalisten und Journalistinnen von großen Tageszeitungen. Die können manche Dinge nicht in den Kontext setzen von vor vier oder fünf Jahren. Deswegen wünsche ich mir, dass solche „Journalistinnen-Dinos“ oder „Journalisten-Dinos“ in jeder Sportart noch lange mit dabei sind, die permanent etwas einordnen können.

Leo: Gerade die Entwicklung im Frauenfußball ist, wie Sie sagen, im Laufe der Jahre auch sehr beeindruckend zu sehen, da hoffe ich auch, dass sich da weiterhin ganz viel tut. Das ist gerade für ein Fußball spielendes Mädchen spannend, das so von außen zu beobachten.

Kathrin Lehmann: Absolut.

Leo: Sie veranstalten in der Schweiz seit 20 Jahren Ihre eigenen Sport-Camps. Was ist Ihnen am wichtigsten, den Teilnehmerinnen von jung bis etwas älter im Fußball und Eishockey mitzugeben?

Kathrin Lehmann: Gemeinsam spielen, lachen, lernen.

Leo: Das ist doch schön. Ich habe auch ganz lange Fußball gespielt und am Anfang auch recht lange in einem Jungsteam. Da haben die Spieler und Eltern der gegnerischen Teams schon immer mal wieder komisch geschaut, was denn das kleine 5-jährige Mädchen da eigentlich mitmischen will. Es hat sich in den letzten Jahren auf jeden Fall gebessert, aber sowohl der Fußball als auch Eishockey sind tendenziell doch eher männlich dominierte Sportarten. Sie haben auch als Frau in Männermannschaften gespielt. Wie war das so? Haben Sie da mal schlechte Erfahrungen damit gemacht? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Kathrin Lehmann: Es ist nach wie vor so, da müssen wir uns nichts vormachen. Auch der Fußball, auch wenn der Frauenfußball da auf einem vorstehenden Ast ist, ist immer noch männlich dominiert und das wird auch erstmal so bleiben. Wir sind zwar weit, aber so weit, dass wir sagen, es ist das Normalste auf der Welt, dass alle Mädchen auf dem Land Fußball spielen und dass man da einfach hinkommen kann, so weit sind wir noch nicht. Da dürfen wir nicht die Augen verschließen und alles gutreden. Das hat auch mit Kabinenaufteilung, Platzaufteilung und so weiter zu tun, auch im Eishockey, da sind wir noch meilenweit davon entfernt. Ich muss das leider immer wieder sagen, was heißt leider, aber ich war halt einfach gut, ich war sehr gut. Und wenn man gut ist, hat man nie ein Problem. Deswegen hatte ich insofern eigentlich keine verschlossenen Türen. Außer selbstverständlich dann irgendwann im Eishockey zwischen 14 und 16, als es hieß, ich darf nicht im A-Team spielen, weil ich einem guten Jungen den Platz wegnehme. Aber immer, wenn es um Auf- und Abstieg ging, dann musste ich natürlich schon schnell ins A-Team gehen. Also wenn es um Meistertitel ging oder darum, nicht abzusteigen, dann wurde ich immer hochtransferiert, weil ich eben doch die Beste war. Das ist mir schon widerfahren und ich weiß, dass es auch jetzt noch der Fall ist. Dieser Satz „Du nimmst einem guten Jungen den Platz weg!“, wird auch heute noch oft ausgesprochen.

Leo: Das ist tatsächlich einfach sehr schade.

Kathrin Lehmann: Ja und das ist immer noch so. Und solange da nicht in den Vorständen oder in der Geschäftsleitung einfach eine wertfreie Kultur gelebt wird, wird das weiterhin so bleiben. Es gibt auch viele coole Geschäftsführerinnen – meistens Geschäftsführer – oder Vorstände, aber momentan geht es meistens noch immer um das Geld, ob ich irgendwann mit irgendjemandem etwas verdienen kann. Und auch wenn alle Statistiken zeigen, dass es vielleicht nicht mal ein Prozent aller Jungen ist, die Fußball spielen, die überhaupt mal irgendwas machen. Und dennoch verschließt man sehr guten Mädchen fast alle Türen.

Leo: Dann ist es natürlich trotzdem schön, Vorbilder wie Sie im Sport zu haben.

Kathrin Lehmann: Dankeschön.

Leo: Sie waren 2006 (7. Platz) und 2010 (5. Platz) mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Turin und Vancouver. Man hört immer in den Medien von Olympia-Teilnehmern und -Teilnehmerinnen, wie sehr sie diese Erfahrung geprägt hat und was für ein besonderes Erlebnis diese Veranstaltung ist. Was sind Ihre besten Erinnerungen an die Turniere?

Kathrin Lehmann: Vancouver 2010, in der Geburtsstadt des Eishockeys an Olympischen Spielen teilzunehmen, ich war Kapitänin der Schweiz und wir hatten das Eröffnungsspiel gegen Kanada, also da kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Ich meine, mehr geht nicht. Ich glaube, das ist mit das Größte und Emotionalste, was es gibt, was in unserer Reichweite war – es war verwegen, zu sagen, wir holen Olympia-Gold -, das habe ich erreicht. Ich bin unendlich dankbar, dass ich zweimal an den Olympischen Spielen teilnehmen konnte, weil du brauchst die ersten, um das Ganze einmal zu verarbeiten und um zu wissen, wie das alles läuft. Und beim zweiten Mal kannst du es richtig genießen.

Leo: Und es war ja auch recht erfolgreich.

Kathrin Lehmann: Ja, ich meine, wir haben zwei Olympische Diplome geholt, ich habe Tore erzielt, meine Schlittschuhe sind im Olympischen Museum, also es ist cool.

Leo: Sie wurden 2021 vom FC Bayern München angefragt, ob Sie nochmal als dritte Torhüterin einspringen könnten und sind dann am Ende der Saison mit 41 Jahren doch noch deutsche Meisterin geworden. Das sind alles wirklich beeindruckende Dinge, die Sie erreicht haben. Und durch den Sport haben Sie auch viele Orte gesehen. Ich habe gelesen, dass es ein Wunsch von Ihnen war, unter anderem in Schweden zu spielen. Gibt es rückblickend auf Ihre Sportkarriere vielleicht aber eine Sache, für die Sie bis heute am meisten dankbar sind, sie durch den Sport erlebt zu haben?

Kathrin Lehmann: Ich bin dankbar für meine Karriere. Und ich würde es wieder so machen, ich bereue nichts. Ich habe in vier verschiedenen Ländern gelebt. Also ich habe nicht nur dort gespielt, ich habe in vier verschiedenen Ländern gelebt: Schweiz, Schweden, Deutschland, USA. Und ich habe es geschafft, in jedem Land einen Titel mit dem Team und einen individuellen Titel zu gewinnen. Das heißt, es ist mir gelungen, meine eigene Identität zu bewahren und diesen Mehrwert, was es bedeutet, als Ausländerin in einem Land zu spielen – da ist der Druck unweigerlich größer -, ich habe meine Identität bewahrt, aber es geschafft, mich der Kultur anzupassen und daraus etwas mitzunehmen. Ich glaube, diese Fähigkeit oder dass ich das geschafft habe, ist wahrscheinlich auch die Gabe, die ich auch jetzt in meinem Leben genieße. Ich weiß, dass ich ich bleiben kann, aber ich bin fähig, zu adaptieren – egal, welche Kultur um mich herum ist.

Leo: Das ist einfach sehr cool. Vielen Dank für die spannenden Einblicke!

Während unseres Gesprächs ist mir wieder einmal klar geworden, was der Sport alles bewegen und auch was er für eine tolle Plattform sein kann. Auch wenn der Frauensport noch einen langen Weg gehen muss, bin ich als angehende Sportjournalistin sehr froh, dass es Vorbilder wie Kathrin Lehmann gibt, die die Sportberichterstattung erfrischend und fachlich präzise besser machen.

Interview mit Sebastian Kneißl

Sebastian Kneißl kommt aus der Jugend von Eintracht Frankfurt und hat beim FC Chelsea in England, in Schottland, Belgien und Deutschland Fußball gespielt. Mit 24 Jahren hat er seine Profi-Karriere beendet, erlitt wenig später ein Burnout. Seitdem arbeitet er in Karriere-Mentorings eng mit Sportlern und Sportlerinnen sowie Unternehmen zusammen, um seine Erfahrungen weiterzugeben. Seit 2016 ist Sebastian Kneißl außerdem TV-Experte bei DAZN und begleitet und kommentiert für den Streamingdienst regelmäßig sowohl Bundesliga- als auch Champions League-Spiele.

In unserem Gespräch hat er mir erzählt, was er in seinen Coachings weitergibt, was er sich von der Sportberichterstattung wünscht und wie er sich auf seine Einsätze bei DAZN vorbereitet.

Foto: Luca Weigand

Leo: Du hast bei Chelsea mit Fußball-Legenden wie Frank Lampard, John Terry oder Gianfranco Zola gespielt, hast unter Trainern wie Mourinho trainiert, was sind die größten Learnings, die du mitgenommen hast?

Sebastian Kneißl: Tatsächlich hat das ewig gedauert, bis ich das überhaupt verstanden habe, was die Jungs und Mädels auf dem Level machen. Das ist eine ganz langweilige Antwort. Die Basics, die halten sie tatsächlich auf einem sehr hohen Level und das jeden Tag. Dass sie es einfach schaffen, erstmal konstanten Output zu generieren, der total langweilig erscheint, der gar nicht so spektakulär ist und gleichzeitig immer dieses „mehr machen als die anderen“. Bei Frank Lampard war es, sich jeden Tag zehn Bälle zu nehmen und die Weitschüsse zu trainieren, bei John Terry waren es die Abwehraktionen. Ein José Mourinho, der sich immer wieder hinterfragt, was er besser machen kann. Das habe ich vielleicht ein bisschen zu spät gemerkt, wie wichtig es ist, neugierig zu bleiben.

Leo: Profitierst du davon bis heute?

Sebastian Kneißl: Gott sei Dank hat die DAZN-Karriere angefangen, das heißt, ich kann das letzten Endes seit 2016 wieder leben beziehungsweise mitgeben. Es ist ja nicht nur die DAZN-Experten-Nummer, sondern ich begleite auch Spieler und Spielerinnen auf dem Weg, teilweise auch Eltern, und da ist das natürlich ein zentraler Punkt.

Leo: Du sendest fast jedes Wochenende aus einem anderen Stadion. Hast du mal nachgezählt, in wie vielen Stadien du schon warst?

Sebastian Kneißl: Tatsächlich nicht. Es gibt in der Bundesliga ein Stadion, das ich noch nie besucht habe. Vor ein paar Wochen war es noch der HSV, da war ich davor auch noch nie. Aber es ist tatsächlich Werder Bremen.

Leo: Echt? Das ist überraschend!

Sebastian Kneißl: Da hatte ich noch nie einen Einsatz. Ansonsten kann ich es dir wirklich nicht sagen. Das waren so viele und ich kann es dir schon gar nicht sagen, wie viele Einsätze es waren. Es waren mehr als 400 mittlerweile, das weiß ich, aber genau kann ich es dir nicht sagen.

Leo: Welches war das beeindruckendste oder schönste Stadion, in dem du bisher warst?

Sebastian Kneißl: Da kann ich dir sofort nur ein Stadion nennen und zwar Celtic (Celtic Park in Glasgow). Das war in der letzten Saison in der Champions League, ich glaube, es war gegen RB Leipzig. Oh mein Gott, das war das erste Mal, dass ich Tränen in den Augen hatte. Man muss aber den Kontext dazu packen: Der Celtic-Trainer war mein ehemaliger Trainer bei Chelsea, Brendan Rodgers. Der Physio war damals noch bei Chelsea mein Physio.

Leo: Dann ist das nochmal echt was Besonderes.

Sebastian Kneißl: Genau! Ich mag die Atmosphäre dort und das war einfach ein Moment bei diesem „You’ll never walk alone“, da kommt kein Stadion heran, auch Liverpool nicht. Ich habe damals mit Chelsea im FA Youth Cup ein Spiel im Anfield gespielt, da war logischerweise nichts los, es waren vielleicht 3.000 oder 4.000 Leute dabei. Das war schon cool, da rauszulaufen und dieses Schild „This is Anfield“ zu berühren. Auch wenn man das als Auswärtsmannschaft nicht darf, aber ich hab’s trotzdem gemacht. Das war schon besonders, aber Celtic muss ich nennen.

Leo: Cool! In Liverpool war ich auch schon mal bei einem Spiel und bei Celtic war ich erst in diesem Sommer, aber nicht bei einem Spiel, sondern nur beim Stadion.

Sebastian Kneißl: Hast du eine Stadionführung gemacht? Oder warst du nur außerhalb?

Leo: Leider nur außerhalb. Aber ich mag das ganz gern, egal, wo ich in den Urlaub gehe, die Fußballstadien zu besichtigen.

Sebastian Kneißl: Stark. Also wenn du es irgendwann schaffst, auch wenn kein Spiel ist, eine Stadionführung zu machen, musst du das auf jeden Fall machen. Das ist so der besonderste Spielertunnel, den ich bis jetzt gesehen habe. Es gibt mittlerweile viele moderne Spielertunnel, in denen auch die Zuschauer sind. Zum Beispiel in Stuttgart oder bei Tottenham ist es so, dass die Zuschauer dich sehen können, wenn du rausläufst. Eigentlich wie in einem Käfig.

Leo: Ich komme ja aus Stuttgart und das war hier in den Nachrichten auch Thema, dass das wie im Zoo sei.

Sebastian Kneißl: Genau, da ist der Porsche Tunnel Club drin. Und bei Celtic ist es super eng, also du kannst nicht nebeneinander durchlaufen und musst quasi hintereinander wie im Reißverschlussverfahren laufen. Entlang des Tunnels sind lauter Fliesen mit den Namen der verstorbenen Celtic-Fans. Oh mein Gott, also wenn du das weißt…

Leo: Das ist krass!

Sebastian Kneißl: Du läufst da so vorbei, und da ist so viel Geschichte – das ist in Großbritannien ja generell so.

Leo: Neben deiner Tätigkeit als TV-Experte bist du auch Sport-Mentaltrainer, was ist dir am wichtigsten, in deinen Coachings zu vermitteln, gerade wenn du mit Sportlern und Sportlerinnen zusammenarbeitest?

Sebastian Kneißl: Ich habe tatsächlich mit Mentaltraining angefangen, das ist jetzt fast zehn Jahre her, einfach nur, um zu hinterfragen, was ich eigentlich will, wie meine Karriere war und wo ich falsch abgebogen bin. Um erstmal grundsätzlich ein Verständnis dafür zu haben, weil ich gemerkt habe, dass der Kopf das Unmittelbare ist und sehr, sehr viel steuert. Dadurch hat sich dann mehr so ein Individualtraining ergeben. Ich habe dann irgendwann gedacht: „Okay, jetzt mache ich auch Mentaltraining, weil ich die Ausbildung dafür habe.“ Das hat Spaß gemacht. Ich habe aber gemerkt, dass es nicht der einzige Punkt ist, den du im Fußball brauchst, und habe es dann ein bisschen weiterentwickelt. Ich nenne es mittlerweile eher Karriere-Mentoring statt Mentaltraining. Das arbeitet auf drei Säulen: Mindset, Kommunikation und Strategie. Und gerade das Mindset ist logischerweise der Anfang. Kleine Story dazu, diesmal nicht bei Celtic, sondern ein paar Tage vorher im Ibrox (Stadion der Glasgow Rangers). Da habe ich als Spieler mein erstes Spiel vor 50.000 Menschen gemacht. Ich merkte beim Warm-up, alles ist cool, in Schottland ist ja niemand im Stadion, da ist alles leer, das ist anders als in Deutschland. Ich merkte, es ist alles gut, ich stand in der Startelf und hatte ein paar Tage vorher gegen Celtic getroffen. Ich gehe dann in die Kabine rein, um das Trikot und Schienbeinschoner anzuziehen, fertig machen und als dann die Sirene ertönt, um rauszukommen, merke ich – ich spüre -, wie die 50.000 auf einmal im Stadion sind. Ich habe gemerkt, wie die Wände wackeln und in dem Moment bin ich komplett eingefroren, ich konnte mich wirklich für ein paar Sekunden gar nicht mehr bewegen. Da habe ich gemerkt, dass ich so nervös war und damit einfach nicht umgehen konnte, daran wollte ich arbeiten. Das ist der zentrale Punkt, dass ich mit den Jungs und Mädels am Anfang daran arbeite, wie man Situationen bewertet. Du hast immer die Wahl, Situationen positiv oder negativ, wenn wir es jetzt mal einfach halten, zu bewerten und damit steuerst du auch deinen Umgang mit der Situation.

Leo: Kann man den medialen Druck, der auf vielen Sportlern und Sportlerinnen lastet, ausblenden oder belastet das einen? Wie kann man als Sportler oder Sportlerin damit zum Beispiel vor einem super wichtigen Spiel umgehen?

Sebastian Kneißl: Jetzt ist es ja spannend, weil ich mit 24 Jahren aufgehört habe, professionell Fußball zu spielen. Ich habe wirklich auch bewusst die Entscheidung getroffen, wo ich hin möchte. Ich bin nicht der Monsterspieler geworden nach diesen fünf, sechs Jahren als Profi. Und gleichzeitig habe ich auch immer ein Thema gehabt mit dem Umgang mit Druck. Wenn sich jemand im Stadion gemeldet hat oder damals war es noch der Kicker, der allein bewertet hat. Da gab es noch kein Social Media. Und wenn ich beispielsweise beim Kicker eine 3,5 bekommen habe und gemeint habe, dass das schon ein Spiel war, wo ich eine 2,5 verdient hätte, dann hat mich das die ganze Woche über beschäftigt. Ich habe dann irgendwann hinterfragt, wer denn überhaupt diese Noten macht und so weiter. Daher ist es natürlich spannend, dass ich jetzt auf der anderen Seite bin und ich das Ganze bewerten muss. Und zum Großteil lesen die Spieler Dinge über sich und bekommen das schon mit, auch wenn sie immer sagen: „Nein, das interessiert mich nicht. Ich blende das aus.“

Leo: Das ist echt interessant, man hört ja, wie alle Spieler immer sagen, dass sie sich Social Media-Kommentare nicht anschauen, weil es einen runterzieht oder zu sehr pusht.

Sebastian Kneißl: Wenn ich mit den Jungs spreche, ist natürlich immer die Frage, was der Grund dafür ist, dass sie sich das anschauen. Wenn wir ehrlich sind, liest du natürlich gern positive Dinge, aber insgeheim suchst du irgendwo nach jemandem, der mich nicht mag, nach einem negativen Kommentar. Das hat logischerweise einen Effekt. Da brauchst du tausende positive Kommentare, um diesen einen irgendwie zu löschen. Und den vergisst du gar nicht mehr, den kannst du gar nicht löschen. Das ist dann wirklich die bewusste Entscheidung, auch zu sagen: „Nein, ich schaue das wirklich nicht an.“ Das habe ich beispielsweise auch bei mir am Anfang bei DAZN gemacht. Am Anfang habe ich immer geschaut, ob ich gut ankomme, alles gepasst hat, wie die Leute denken und habe dann natürlich auch negative Kommentare gelesen, die sind zwangsläufig da drin. Und das hat mich dann beschäftigt. Bei Medienpsychologie geht es darum, wirklich auch darauf zu achten, gerade als Spieler. Da geht es einmal beim Kicker um die inhaltliche Bewertung oder eben bei Social Media und da ist es wirklich ein mini, mini, mini Bereich, in dem konstruktiv inhaltlich kommentiert oder bewertet wird.

Leo: Wie viel Einfluss nimmt die mediale Sportberichterstattung, ob Social Media oder traditionelle Sportberichterstattung, auf das Verhalten der Sportler und Sportlerinnen?

Sebastian Kneißl: Inhaltlich, also auf dem Spielfeld, glaube ich, dass es nichts weiter macht. Du hast ja deine Abläufe, du hast deine Inhalte, die du trainierst, wie du dich auf den Gegner vorbereitest und das versuchst du dann umzusetzen. Es ist tatsächlich so, so habe ich es zumindest kennengelernt, dass du auf den Platz gehst und du bist so nervös vorher, du bist vielleicht auch mal in einer Pause nervös, aber wenn du auf dem Platz bist, blendest du es dann meistens aus.

Leo: Also kann man das dann tatsächlich ausblenden?

Sebastian Kneißl: Ja, schon. Interviews danach sind aber ein großes Thema. Das hast du bestimmt auch schon gemerkt, dass du da viele Floskeln hörst. Da gibt es auch zwei, drei, mit denen ich daran arbeite, dass sie einfach wieder stärkere Interviews geben, weil es auch das Thema Branding nach vorne bringt. Je besser du Interviews gibst… Nenne mir mal einen deutschen Profi, der richtig starke Interviews gibt, da gibt es normalerweise eigentlich nur einen.

Leo: Thomas Müller.

Sebastian Kneißl: Genau. Thomas Müller hat sich bei Interviews diese Brand geschaffen. Genauso wie ein niederländischer Spieler, der bei den Bayern rechts außen gespielt hat und immer nach innen gezogen ist und mit links abgeschlossen hat, den Namen wirst du mir sicher auch gleich sagen können.

Leo: Arjen Robben.

Sebastian Kneißl: Genau. Er hat sich damit eine Marke geschaffen. Thomas Müller profitiert, jetzt ist er ja logischerweise im Ausland, nicht nur durch seine Spielweise, sondern ganz besonders durch seine Art und Weise, wie er Interviews gibt – nach der Karriere. Er wird jetzt immer wieder Experten-Jobs bekommen und zwar keine für 2.000 €, sondern er kriegt dann vielleicht sechsstellig pro Einsatz. Alles bewusst deshalb, weil du sagen kannst, dass er dir interessante Interviews gibt. Das bewusst zu steuern, er traut sich und er hat auch das Wissen, wie er damit umzugehen hat – ganz viele wissen und kennen eben nicht den Umgang mit Social Media oder auch generell mit den Medien und können das nicht ganz so gut steuern. Dann gehen sie auf Nummer sicher, um sich nicht angreifbar zu machen und dann siehst du eben ganz viele Floskeln. Weil sie auch wissen: „Okay, wenn ich jetzt wieder was raushaue, gibt es wieder einen Shitstorm, gibt es wieder irgendwelche Kommentare, dann muss ich wieder beim Pressesprecher oder beim Vorstand antanzen, was hast du denn da wieder gesagt und ich muss Angst um meine Position in der Mannschaft haben.“ Das ist dann schon wieder im Kopf.

Leo: Das heißt also eher ums Spiel herum und nicht, dass man irgendwas verstärkt auf Social Media gelesen hat und sich dann im Privatleben oder im Training in der Spielweise davon beeinflussen lässt?

Sebastian Kneißl: Es gibt Spieler, die sehr verbissen sind, beispielsweise ein Joshua Kimmich oder ein Dominik Kohr, der weit über hundert gelbe Karten gesammelt hat. Je nachdem, wie das ist, entwickelt sich in Phasen eine gewisse Dynamik, die, wenn es Social Media nicht gäbe… Wie alt bist du, 16?

Leo: Genau, ich bin 16, ich bin im Prinzip damit aufgewachsen.

Sebastian Kneißl: Du kennst es in dem Fall ja gar nicht ohne Social Media. „Damals“ war es sehr ruhig, du hattest letztlich nur SPORT BILD, den Kicker und sonst gab es eben nichts.

Leo: Gut, vielleicht noch die Fernsehberichterstattung, aber es war schon deutlich weniger.

Sebastian Kneißl: Es konnte keine Dynamik aufkommen im Vergleich zu dem, was es jetzt gibt. Natürlich bekommen das die Spieler mit und dann musst du da eine Entscheidung treffen, möchtest du das weitermachen oder nicht. Ein Joshua Kimmich hat das schon gemerkt, auf wirklich harter, harter Ebene, wie das wahrgenommen wird. Er hat Teile verändert, das weiß ich, aber trotzdem ist er immer noch dieser Verbissene geblieben. Früher war es von der Körpersprache deutlich negativer, wenn du darauf achtest, wie er gestikuliert – auch zu seinen Mitspielern. Das wurde ihm negativ angekreidet und das hat er komplett verändert. Er ist unterstützend geworden und er hat jetzt diesen Switch gemacht, eben mehr auf die Schiedsrichter oder die Mitspieler zu gehen (lacht). Damit wird es schon etwas anders bewertet. Also ja, es beeinflusst schon ein bisschen.

Leo: Weil du das eben angesprochen hast, ich finde es auch sehr spannend, dass sich manche Spieler in Interviews an Floskeln halten oder wie Thomas Müller außergewöhnlichere Interviews geben – und dann gibt es aber Spieler wie Michael Olise, der einfach gar keine Interviews gibt.

Sebastian Kneißl: Das finde ich extrem spannend. Er spricht ja sensationelles Englisch, ist, glaube ich, auch familiär bedingt.

Leo: Ja, er ist in England aufgewachsen.

Sebastian Kneißl: Genau, Französisch, Englisch. Ich weiß nicht, ob du dann einfach die Route nimmst „okay, ich spreche die Sprache nicht“, wobei es mit dem Englischen ja total easy wäre.

Leo: Heutzutage spricht eigentlich jeder Profispieler mehr oder weniger Englisch.

Sebastian Kneißl: Es ist bei den meisten Vereinen fast schon die Kabinensprache. Wenn du es komplett durchziehst, kann das auch zu einer Marke werden und leider Gottes ist der Fußball nun mal mittlerweile auch so weit, dass du größer denken musst als nur inhaltlich. Weil es nach dem Fußball Möglichkeiten gibt. Mit Mitte 30 bist du irgendwann fertig und was machst du denn dann? Natürlich haben die meisten Bundesliga-Profis dann genügend Geld auf der Seite, um das Ganze entspannt zu machen, aber du willst ja auch mehr machen. Selbstwertgefühl ist ein Thema, du möchtest einen Wert haben. Das ist natürlich auch schwer zu verstehen, dann zu sagen: „Lass uns mal an deiner Interviewarbeit feilen.“ Ja, es ist eine Marke, bei einem Olise finde ich es auch interessant. Ich würde mir halt wünschen, dass gerade die Jungs, die ein Gespür für Kommunikation haben und vielleicht auch taktischer Natur verstehen, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen jetzt intelligenter sind und auch einfach bessere Interviews haben wollen. Dann zu sagen: „Geil, das mache ich mir zunutze. Ich weiß, was ich zu sagen habe oder ich weiß, wie ich es verpacken kann und werde dadurch noch interessanter.“ Das ist auch wirklich die Möglichkeit, online davon zu profitieren. Ich sage dir mal ganz ehrlich: Meine Frau spielt selbst professionell Fußball und sie ist total verhalten, was Social Media betrifft. Sie macht das richtig gut, es sind immer tolle Beiträge und ich sage dann immer: „Warum antwortet ihr nicht auf Kommentare?“ Es ist natürlich auch Arbeit, aber wie krass wäre das, zu sagen, ich beantworte die ersten fünf oder zehn Kommentare unter jedem Post. Du würdest noch mehr Traffic generieren, du würdest noch mehr Leute anziehen. Es wäre ein noch größeres Vertrauensverhältnis. Stichwort Community, Vertrauensbildung,…

Leo: Das ist ja genau die spannende Dynamik an Social Media.

Sebastian Kneißl: Absolut! Wenn ich jetzt noch Profi wäre, würde ich es genauso machen! Du merkst, bei so einem Thema habe ich Lust, darüber zu reden, das finde ich spannend.

Foto: Luca Weigand

Leo: Ich auch. Machen wir jetzt aber trotzdem mal wieder einen etwas krasseren Themenwechsel. Würdest du sagen, dass mentale Gesundheit und psychische Erkrankungen im Fußball noch immer ein Tabuthema sind?

Sebastian Kneißl: Wir sind auf einem sehr, sehr guten Weg. Weil speziell auch die jüngere Generation einfach verstanden hat, wie wichtig das ist, aus dieser Kraft schöpfen zu können, sie verstehen, was damit auch gemeint ist. Wenn ich jetzt meinen Papa als Referenz nehme, der Mitte, Ende 60 ist und einfach noch so erzogen wurde: „Nicht jammern, weitermachen!“ Dann ist das in Teilen auch richtig, absolut, aber über das Thema mentale Gesundheit wurde nie gesprochen, da wurde sich nie damit auseinandergesetzt. Das ist schade, weil auch da eben Potenzial verloren geht und auch das Risiko besteht, dass du damit irgendwann ein Thema entwickelst. Deshalb sehe ich uns schon auf einem sehr guten Weg. Viele Athleten und Athletinnen nutzen das Ganze auch schon, aber klar, es könnte noch deutlich mehr werden. Es ist weiterhin ein Tabuthema, weil es nicht greifbar ist. Ein gebrochenes Bein ist einfach sichtbar, da weiß man, was damit zu tun ist. Aber bei einem mentalen Thema weiß es halt keiner. Ich glaube also, es ist eher Unsicherheit, man weiß nicht, wie man es ansprechen soll und deshalb wird es eher verschwiegen.

Leo: Was könnten denn die Medien bei der Sportberichterstattung machen, um Spieler und deren mentale Gesundheit mehr zu schützen?

Sebastian Kneißl: Jetzt kommen wir in einen großen Konflikt bei der ganzen Nummer. Denn auf der einen Seite steht die Schlagzeile bei den Medien. Auf der anderen Seite ist es, wirklich darauf zu achten, ist die Schlagzeile überhaupt gerechtfertigt und da ist der Mensch. Du siehst sofort, das sind zwei Dinge, Schlagzeile und der Mensch, das beißt sich. Denn es geht hier darum, wir wollen Aufmerksamkeit. Da geht’s auch mal darum, ein Zitat aus dem Kontext zu nehmen, einfach nur um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ein aktuelles Beispiel ist Uli Hebel, ein Kommentatorenkollege, der mit Fred Luhede einen Podcast gemacht hat. Super Format, sensationell gemacht. Fred hat natürlich für Social Media immer wieder Teile rausgeschnitten und da ging es darum, ob Uli die Sponsorennamen der Stadien nennt, Deutsche Bank Park, Allianz Arena. Er hat sich bewusst dagegen entschieden. Er sagt dann Waldstadion oder Stadion in Fröttmaning. Er würde nicht MHP Arena sagen, sondern es dann Neckarstadion nennen. Da hat sich dann eine krasse Dynamik entwickelt, weil alle sagen: „Was ist das für ein Depp? Was soll denn der Scheiß?“ Uli sagt: „Hey, der Verein hat den Deal mit diesem Unternehmen und bekommt Geld. Wenn ich das nenne, bekomme ich aber kein Geld dafür.“ Völlig legitim, aber es wurde dieser Teil rauskopiert und jetzt gibt es natürlich einen Shitstorm gegen Uli. Dann musste er drunter schreiben: „Stopp, stopp, stopp! Das war alles im Kontext, bitte hört euch den ganzen Podcast an.“ Uli hat jetzt also ein Thema, das ihn zwangsläufig mental beschäftigt nur aufgrund dieses einen Zitats. Und so funktionieren letztlich die Medien. Es ist deutlich mehr Angebot, das heißt, um rauszustechen, attraktiv zu bleiben, braucht es Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit kommt über Schlagzeilen, das kennst du alles. Auf der anderen Seite ist jetzt natürlich der Mensch da, und wenn du es als Mensch auf der anderen Seite besser verstehst, dass nicht die Person, also dieses ganze Konstrukt, angegriffen wird, sondern vielleicht nur ein Teil, dann kannst du damit umgehen. Aber die Medien haben eine riesige Verantwortung, die aufgrund des Wettbewerbs schon auch mal vergessen wird. 

Leo: Das wäre meine nächste Frage gewesen, welche Verantwortung Medien und Journalisten und Journalistinnen deiner Meinung nach im Umgang mit Sportlern und Sportlerinnen und deren öffentlichem Bild tragen. Das heißt, du würdest dir wünschen – du hast vorhin Joshua Kimmich als Beispiel genommen -, dass mehr auf den Menschen Joshua Kimmich eingegangen wird und nicht nur auf die Figur des öffentlichen Lebens, die nicht greifbar ist, wo vielleicht eine gewisse Distanz wirkt, wenn du weißt, was ich meine?

Sebastian Kneißl: Ja, ich befürchte, das wird leider nicht passieren und ich glaube auch nicht, dass du es aufhalten kannst. Es geht darum, bei den Journalisten auch drauf zu schauen, wie stellst du deine Frage, was ist eigentlich deine Absicht dahinter. Jetzt bin ich in der zehnten Saison dabei, ich nenne mich ja gerne immer „No-Name-Experte“, weil ich eben keine große Karriere hatte. Und das ist für mich so dieser Erfolg, den ich geschafft habe von „nicht wirklich bekannt gewesen als Spieler“ zu „ich habe mir jetzt einen größeren Namen als TV-Experte geschaffen“. Weil ich am Anfang natürlich dieses Taktische in den Vordergrund gehoben habe. Aber ich gehe in meiner Herangehensweise im Kommentar, aber auch im Dialog, also sprich in den Interviews, so heran, dass ich immer das Gesicht wahre. Ich werde niemanden bloßstellen. Du kannst nachfragen, du musst ja nachfragen. Es gilt auch mal, eine kritische Frage zu stellen, aber da geht es darum, wie stelle ich denn die Frage. Ganz oft hört man, dass die Formulierung „Du bist so und so.“ verwendet wird statt „Ich habe bemerkt, dass ihr das so und so gemacht habt, stimmst du mir da zu?“ Um erstmal nur eine Standortbestimmung zu haben und es etwas weicher zu formulieren. Und im Nachgang dann auch. Eine „Warum?“-Frage ist eine Druckfrage und wenn du weißt, da schauen jetzt gerade 100.000 Leute zu und ich werde so attackiert, dann ist es total verständlich, dass du jemanden hast, der total defensiv wird oder der dagegen geht. Der Sender wünscht sich eine Diskussion, damit du eine Schlagzeile hast: „Experte und Spieler haben sich gefetzt“.

Leo: Das ist wieder die Medien-Thematik mit den Schlagzeilen.

Sebastian Kneißl: Richtig. Was ich aber spannender finde, ist, wenn ich sage: „Ich habe das und das bemerkt, ging es dir ähnlich als Trainer?“ „Ne, sehe ich gar nicht so.“ Dann sage ich: „Oh, spannend, woraus leitest du es dann ab? Denn ich habe nach der Umstellung bemerkt, da und da hattet ihr etwas Stress oder da kam der Gegner besser durch.“ Dann kriege ich eine inhaltliche Antwort und dann kann ich irgendwann sagen: „Machst du dir Gedanken um deinen Job?“ Das heißt, ich baue es auf. Aber ich baue es auf im Sinne von „ich möchte dir nichts Böses“, sondern wirklich ein inhaltliches, konstruktives Gespräch, das natürlich auch kritisch ist, wenn du auf Platz 17 stehst und die letzten fünf Spiele verloren hast. Da wissen wir ja alle, was die Dynamik ist. Und daraus habe ich mir, glaube ich, einen Namen gemacht, dass ich so mit den Mannschaften umgehe, auch nach außen, denn ich produziere keine Schlagzeilen.

Leo: Du hast mittlerweile viele verschiedene Perspektiven eingenommen, du warst Profispieler, kannst aber auch aus deiner Erfahrung als Coach sprechen und studierst ja jetzt auch, um Spieler beraten zu können. Wenn du diese ganzen Learnings, die du über die Jahre gesammelt hast, mitnimmst, welchen Tipp würdest du deinem 18-jährigen Ich geben?

Sebastian Kneißl: (lacht) Bau dir ein wirklich qualitatives Netzwerk auf. Netzwerk eher im Sinne von Support-Netz. Hab einen richtig guten Arzt, den du immer wieder anrufen kannst, unabhängig vom Mannschaftsarzt, hab einen guten Physio, zu dem du immer wieder gehen kannst, einen Mentaltrainer zum Beispiel oder auch Medien. Hab das griffbereit in jedem Bereich, der für deine Karriere wichtig ist, unabhängig von einer Berateragentur, du brauchst auch einen guten Berater. Damit du einfach sicher bist. Ganz oft merke ich, dass Spieler dem vertrauen, was die Berater sagen, und ich wünsche mir dann schon immer in den Coachings, dass dann die Perspektive geändert wird. Nicht du arbeitest für die, sondern die arbeiten für dich, denn du spielst Fußball und nur wenn du das gut machst, kommt Geld rein, an dem alle verdienen. Genau das ist eben der Punkt, das habe ich nicht gemacht, ich hatte kein wirkliches Support-Netz um mich herum, speziell im mentalen und psychologischen Bereich. Da hätte ich wirklich jemanden gebraucht, mit dem ich einfach ganz entspannt reden kann, der mir Tools an die Hand gibt und der mich versteht, ohne dass ich jetzt irgendwelche Konsequenzen befürchten musste.

Leo: Du meintest gerade, man soll sich auch zu den Medien ein Kontaktnetzwerk aufbauen. Ist das tatsächlich so, dass ihr im Vorfeld zu einer DAZN-Übertragung Infos von den Spielern bekommt? Oder wie meinst du Kontakt zu den Medien während der Karriere?

Sebastian Kneißl: In meinem Fall ist es schon so, dass ich meistens vor den Spielen mit den Trainern telefoniere. Damit ich Informationen bekomme, was die letzten Trainingseindrücke sind, wie der Matchplan ist, wie die Aufstellung ist. Das sind natürlich extrem sensible Informationen, das ist klar. Mittlerweile wissen die Trainer und Funktionäre, dass das, was sie mir sagen, auch bei mir bleibt. Es gab mal ein, zwei Trainer, die gesagt haben: „Du hast doch bestimmt schon mit dem anderen Verein telefoniert. Sag mal, was machen die?“ Dann habe ich gesagt: „Ne, das mache ich nicht.“ „Ach, komm, sag doch mal!“ Ich dann so: „Okay, aber nur damit du es weiß, ich werde direkt danach beim anderen Trainer anrufen und sagen, was du vorhast, weil dann ist es fair.“ „Ne, ne!“ „Ja gut, dann machen wir das Ganze nicht.“ Dann ist es schon wichtig, zu sehen, dass es nicht die Medienlandschaft gegen die Fußballmannschaft ist, sondern es ist ein Miteinander. Und je besser du die jeweilige Seite verstehst, desto klarer wird es. Auf Dauer wirst du merken, wem du vertrauen kannst und wem nicht. Das ist nicht nur auf der Medienseite so, das ist selbst innerhalb einer Mannschaft so. Das sollten sie schon immer wieder auf dem Schirm haben, wie sie das für sich nutzen können. Es ist ein Business. Es ist nicht der Fußball, den man geliebt hat, wenn man als kleiner Junge oder kleines Mädchen angefangen hat, Fußball zu spielen, es ist ein Business. Und im Business geht es nun mal mit Ellenbogen zu und da gibt es auch Leute, die dir was Böses wollen, das ist einfach nur Fakt. Trotzdem gilt es, in dieser kurzen Zeit als Profi zu gucken, wie kann ich das Maximale rausholen, das mich auch nach der Karriere trägt. Letztlich bin ich, glaube ich, das beste Beispiel dafür. Ich hatte eine mini, mini, mini Karriere, aber das reize ich wirklich aus und bin jetzt in der zehnten Saison bei DAZN.

Leo: Ich habe auch gelesen, dass du in London als Streetworker gearbeitet hast und jungen Menschen aus schlechten Verhältnissen den Fußball nähergebracht hast. Beeinflussen die Sachen, die du da gesehen und erlebt hast, vielleicht auch heute deine Sichtweise auf den Fußball?

Sebastian Kneißl: Oh, ja, definitiv! Ich konnte mir am Anfang gar nicht wirklich etwas darunter vorstellen, sondern es hieß nur: „Hey, Seb, hast du Lust, die ersten Trainerscheine zu machen?“ „Ja.“ „Brauchst du Trainingseinheiten? Es wird alles Mögliche angerechnet in der Akademie.“ Teilweise war es so, dass ich morgens in Schulen unterwegs war und da den Schulunterricht übernommen habe, wenn der Schwerpunkt Fußball war. Da warst du eher in den reicheren Gegenden unterwegs.

Leo: Also dann im Sportunterricht?

Sebastian Kneißl: Genau, ich habe ja null Lehramt studiert, ich war noch nicht mal Fußballtrainer, ich hatte noch gar keine Ausbildung, ich war einfach nur ein Ex-Profi und habe Trainingspläne mitbekommen. Mittags war ich dann in der Akademie bei Chelsea und habe mit reingeschaut in Einheiten und Teile begleitet. Und abends sind wir dann mit Ballsäcken auf die Straße. Ich habe an einem Tag letztlich alle sozialen Schichten durchgemacht. Und dann kommst du dahin und der ehrlichste Fußball war tatsächlich der abends auf der Straße. Die Jungs und Mädels, die dabei waren, haben auf ihre Eltern – wenn überhaupt noch beide Eltern da waren – fast nie gehört, auf Lehrer haben sie sowieso nie gehört, die waren eh selten in der Schule, dann hatten sie immer Stress mit der Polizei. Es gab wenig Menschen, denen sie vertraut haben – außer dem Fußballtrainer. Denn das war etwas, das ihnen Spaß gemacht hat. Sie haben Training bekommen, sie wurden gefördert und wir hatten recht schnell einen ganz guten Draht zur Gruppe. Es waren zwei Gruppen, einmal von 11 bis 13 und von 14 bis 17 Jahren. Das hat so viel Spaß gemacht, weil ich letztlich alles miterlebt habe. Von sensationell schönen Momenten über Schlägereien, weil es Gang-Fights gab. Da kam beim Training einfach eine andere Gang vorbei und es gab für 20 Sekunden auf die Nuss, bis die ersten Polizeisirenen zu hören waren, dann waren sie alle wieder weg. Es gab tatsächlich Messerstechereien und das alles vor uns.

Leo: Beim Training?!

Sebastian Kneißl: Ja, beim Training. Die Trainer, die dabei waren, die haben schon gewusst, was demnächst passiert. Sie haben dann immer gesagt: „Seb, wir wissen, was jetzt gleich passiert, bleib ruhig! Wir dürfen da nicht rein, wir sind nicht versichert, wenn das jetzt passiert.“ Und du stehst dann einfach da und siehst, wie 17-Jährige auf 12-Jährige einschlagen. Einmal wollte ich eingreifen und dann haben sie mich zurückgehalten, selbst die Jugendlichen. Die haben gesagt: „Nein, stopp, du darfst hier nicht mitmachen!“ Das ist schon krass gewesen. Was dir aber gleichzeitig auch gezeigt hat, egal, wo du durch die Straßen Londons gelaufen bist, du hattest irgendwie immer eine gewisse Sicherheit, weil sie auf dich aufgepasst haben. Selbst ein 12-Jähriger hat mal zu mir gesagt: „You’re my younger!“ Ich habe nicht verstanden, was das heißt. Irgendwann bin ich dann zu meinem Trainerkollegen gegangen und habe ihn gefragt: „Was ist denn das?“ Da sagte er: „Oh, jetzt hast du den Ritterschlag.“ „Was heißt denn „you’re my younger“?“ „Sein Bruder ist der Ranghöchste der zweitgrößten Gang in London. Das heißt, wann immer du ein Problem in London hast, sag Bescheid, sie kommen und retten dich.“ Viele würden mit dem Kopf schütteln, weil das logischerweise mit illegalen Mitteln gemacht wird. Aber das war eine Form der Wertschätzung. Das war nicht nur eine Wertschätzung, das war ein Ritterschlag, das war deren Art von Liebe. Das fand ich extrem spannend, da erinnere ich mich gerne dran. Tatsächlich ist ein Spieler aus dieser Zeit Profi geworden, der hatte leider vor kurzer Zeit auch einen schweren Autounfall, Michail Antonio, der hat lange für West Ham gespielt. Den habe ich auf der Straße trainiert.

Leo: Cool. Das ist auch einfach spannend zu sehen, was Fußball bewegen kann.

Sebastian Kneißl: Ja, einer der Spieler war bis vor drei Jahren mein Fitnesstrainer. Den habe ich irgendwann über Social Media wieder gesehen, der hat sich aus diesem Viertel quasi rausgearbeitet und ist ein sehr seriöser Fitnesstrainer geworden. Da habe ich gesagt, das möchte ich unterstützen, dass er nicht auf der schiefen Bahn geblieben ist, sondern auf die gerade Bahn gekommen ist. Und dann war er drei Jahre lang mein Fitnesstrainer und hat mich über eine App trainiert.

Leo: Mega schön. 

Vielen lieben Dank an Sebastian Kneißl, dass er sich die Zeit genommen hat, mit mir über den Fußball, seine Arbeit und die Sportberichterstattung in den Medien zu fachsimpeln. Ich bin begeistert von den vielen spannenden Einblicken, die er mir gegeben hat und werde eine Stadionführung im Celtic Park in Glasgow auf jeden Fall auf meine Bucket List setzen.