Almuth Schult ist ehemalige Nationaltorhüterin, Olympiasiegerin und eine der bekanntesten Torhüterinnen des deutschen Frauenfußballs. Als Spielerin erlebte sie den besonderen Druck der Position, bei der Fehler unmittelbar sichtbar werden.
Im Interview spricht sie über den Umgang mit Leistungsdruck und Rückschlägen, die Entwicklung des Themas mentale Gesundheit im Fußball und darüber, warum mentale Stärke bereits früh gefördert werden sollte.

Leonie Kokott: Die Torwartposition ist sehr speziell, weil man ganz schnell vom Hero zum Zero – und umgekehrt – werden kann. Das ist wahrscheinlich noch extremer als bei Feldspielerinnen und Feldspielern. Wie sind Sie mit dieser besonderen Drucksituation umgegangen?
Almuth Schult: Das ist ein Prozess, in den man hineinwächst. Gerade als junger Mensch stellt einen die Torwartposition vor besondere Herausforderungen. Man kann in einer Situation zur Heldin werden, aber genauso schnell diejenige sein, der eine Niederlage oder verlorene Punkte zugeschrieben werden. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Gleichzeitig sollte man sich bewusst mit der Position auseinandersetzen – was sie bedeutet, aber auch, welches Privileg sie mit sich bringt. Dieses Verantwortungsbewusstsein muss man verinnerlichen. Auf der mentalen Seite ist es wichtig, sich sehr stark damit zu beschäftigen, ob diese Position wirklich zu einem passt und ob man sie am Ende auch genießen kann. Denn nur dann kann man etwas Positives daraus ziehen.
Leonie Kokott: Gab es spezielle Tools, mit denen Sie nach einem Gegentor mental wieder in den Fokus gefunden haben?
Almuth Schult: Spezielle Tools hatte ich eigentlich nicht, mir haben aber Selbstgespräche immer etwas Halt gegeben. Ich habe schon sehr früh angefangen, mich mit diesem Thema zu beschäftigten, vor allem in Zusammenarbeit mit meinem Torwarttrainer, aber auch im Austausch mit anderen Torhütern. Für mich war es immer wichtig, eine logische Herangehensweise zu haben. Ich habe mich gefragt: Warum stehe ich überhaupt hier auf dem Platz? Weil mich jemand nominiert hat und davon überzeugt ist, dass ich der Mannschaft am besten helfen kann.
Wenn ich mit mir und meiner Trainingsleistung zufrieden bin und das Gefühl habe, dass die Mannschaft gerne mit mir zusammen auf dem Platz steht, gibt mir das Rückenwind. Dann kann man die Situation eher genießen, anstatt es als Druck zu empfinden.
Genauso bin ich mit Fehlern umgegangen. Fehler sind menschlich und gehören zum Sport, das ist die logische Herangehensweise. Ich wusste, dass meine Mitspielerinnen mir Fehler verzeihen, genauso wie ich ihnen Fehler verzeihe. Dafür spielen wir schließlich einen Mannschaftssport. Außerdem ist ein Spiel nach einem Fehler nicht vorbei. Als Torhüterin könnte man in einer anderen Situation noch spielentscheidend eingreifen und das Spiel retten. Manchmal sorgt ein Fehler sogar dafür, dass die Mannschaft aufgerüttelt wird, nochmal ein paar Prozent mehr investiert und man dadurch das Spiel gewinnt. Das klingt zunächst absurd, kommt aber durchaus vor. Solche Eventualitäten habe ich gedanklich oft durchgespielt und gedacht: „Das ist egal, ich kann mich nach dem Spiel ärgern, aber nicht im Spiel.“
Leonie Kokott: Kann man lernen, mit Leistungsdruck und auch mit externem Druck, etwa durch die Medien, zu leben, oder gewöhnt man sich nie ganz daran?
Almuth Schult: Ich würde sagen, man muss lernen, damit zu leben. Es ist im Leistungssport notwendig. Schließlich wünscht man sich auch eine gewisse Aufmerksamkeit, denn mehr Medienaufmerksamkeit bedeutet normalerweise mehr Zuschauer im Stadion, mehr Emotionen und letztlich bessere Möglichkeiten, den Sport professionell auszuüben. Das ist erstrebenswert und das eine ist notwendig, um das andere zu haben.
Aus dem Grund muss man sich auch mental damit beschäftigt. Es wird noch sehr oft vernachlässigt, dass man den Kopf genauso trainieren kann wie den Körper. Das wird heute zum Glück immer stärker erkannt – und das ist auch gut so -, auch wenn das vor ein paar Jahrzehnten noch komplett anders war.
Leonie Kokott: Das leitet schon zu meiner nächsten Frage über: Wie hat sich die Bedeutung mentaler Gesundheit im Fußball in den vergangenen Jahren verändert?
Almuth Schult: Nicht nur im Fußball, sondern im Sport allgemein. Es gibt auch die Initiative „Mehr als Muskeln“ von Léa Krüger.
Leonie Kokott: Mit ihr habe ich tatsächlich vor ein paar Tagen ein Interview darüber geführt.
Almuth Schult: Dann ist das ja eine perfekte Grundlage für das Thema. „Mehr als Muskeln“ macht öffentlich, dass mentale Herausforderungen jeden treffen können, dass niemand damit allein ist und dass man lernen kann, etwas zu tun und damit umzugehen. Man kann wieder Spaß am Sport finden oder neue Wege entdecken, um sich selbst zu verwirklichen.
Dieses Thema war lange Zeit verpönt. Viele hatten das Gefühl, allein damit zu sein, deshalb finde ich diese Entwicklung sehr gut. Gerade der Fußball in Deutschland ist sehr von klassischen männlichen Rollenbildern geprägt: Man muss stark sein und darf keine Schwäche zeigen. Dabei empfinde ich es nicht als Schwäche, sich Probleme einzugestehen. Im Gegenteil: Wer seine Schwächen erkennt, kann an ihnen arbeiten und daraus eine Stärke machen. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, das gehört nun mal dazu.
Deshalb freue ich mich, dass das Thema inzwischen auch in den Nachwuchsleistungszentren angekommen ist. Vor allem bei den männlichen Nachwuchsspielern, aber auch bei den weiblichen wird es immer mehr. Jugendliche werden heute schon mit 13, 14 oder 15 Jahren – teilweise sogar noch früher – darauf hingewiesen. Das ist wichtig, denn so geht es um Prävention und Hilfe. Später, mit Anfang oder Mitte 20, ist es eher ein Reparieren von Dingen, die schon passiert sind. Frühzeitige Begleitung kann verhindern, dass man überhaupt in gewisse Strudel gerät.
Leonie Kokott: Ist mentale Gesundheit in Fußballvereinen und -verbänden noch immer ein Tabuthema oder kann man inzwischen offen darüber sprechen?
Almuth Schult: Ich würde sagen, dass man es im Frauenbereich mittlerweile offener ansprechen kann. Im Männerbereich finde ich es schwierig zu beurteilen, weil ich dort nicht so stark involviert war. Viel hängt von der Kultur des jeweiligen Vereins ab und was dort von den Verantwortlichen an die Trainerinnen und Trainer und an die Spielerinnen und Spieler weitergegeben wird. Es gibt Vereine, in denen Fehler als Teil des Lernprozesses zugelassen werden, und andere, in denen sie eher bestraft werden. Eine gewisse Offenheit dafür ist entscheidend.
Ich habe den Eindruck, dass der Deutsche Fußball-Bund in diesem Bereich viel macht. In den Jugendnationalmannschaften stehen Mentaltrainer oder Psychologen zur Verfügung, sodass alle Spielerinnen und Spieler Zugang dazu haben. Das ist ein wichtiger Schritt, aber es geht auch darum, was im Alltag im Verein passiert. Wenn man es dort nicht gewohnt ist, über mentale Gesundheit zu sprechen, ist es schwierig, diese Einstellung für ein paar Tage bei der Nationalmannschaft zu ändern.
Leonie Kokott: Das finde ich interessant, denn gerade im Fußball würde ich sagen, dass die sportpsychologische Betreuung bei den Männern besser ausgebaut ist als bei den Frauen. Warum wird mit dem Thema bei Frauen und Männern dennoch unterschiedlich umgegangen?
Almuth Schult: Das hat viel mit der allgemeinen Fußballkultur zu tun. Ich glaube, dass im Frauenfußball insgesamt mehr Offenheit herrscht. Das zeigt sich beispielsweise auch beim Thema sexuelle Orientierung. Ob jemand eine Partnerin oder einen Partner mitbringt, wird im Frauenfußball meist deutlich selbstverständlicher behandelt als im Männerfußball. Und das hat ebenfalls etwas mit mentaler Gesundheit zu tun, ob man das Gefühl hat, sich verstecken zu müssen. Dieses Versteckspiel ist meiner Meinung nach bei den Frauen weniger gegeben als bei den Männern.
Gleichzeitig kann ich den Männerbereich nicht im gleichen Detail beurteilen, weil ich meine Erfahrungen als Spielerin natürlich im Frauenbereich gesammelt habe.
Leonie Kokott: Welche Veränderungen wünschen Sie sich im Umgang mit mentaler Gesundheit im Profisport?
Almuth Schult: Es hat sich bereits viel verbessert, aber ich würde mir vor allem wünschen, dass schon im Kindesalter an dem Thema gearbeitet wird – nicht nur im Sportverein, sondern auch in den Schulen, damit es wirklich jedes Kind erreicht. Mentale Belastungen entstehen schließlich nicht nur im Sport, sondern überall dort, wo Leistung bewertet wird: in der Schule, in der Musik, in der Kunst oder später im Berufsleben und sogar im familiären Umfeld. Deshalb betrifft mentale Gesundheit die gesamte Gesellschaft.
Ein Teil oder vielleicht auch eine Vielzahl der Kinder bekommen im Elternhaus eine gute Grundlage mit auf den Weg. Wenn diese Grundlage aber nicht da ist, wird oft erst sehr spät daran angeknüpft. Diese Anknüpfung könnte in der Schule und vielleicht auch schon im Kindergarten passieren. Wenn man diese Grundlage hat, kann man mit Herausforderungen ganz anders umgehen. Ich glaube auch, dass das zu mehr gegenseitigem Respekt in unserer Gesellschaft beitragen würde. Daher kommt es nicht nur auf den Sport an, sondern auch auf das, was darüber hinausgeht.
Im Sport freue ich mich aber, dass es mittlerweile Regelungen gibt, vor allem im Männerbereich, wo mehr Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel vorhanden sind. In den Nachwuchsleistungszentren müssen mittlerweile Psychologen oder Mentaltrainer zur Verfügung stehen. Es muss mit den Spielern gearbeitet werden und das möchte man auch bei den Spielerinnen und in den Nachwuchsleistungszentren der Frauen umsetzen, das finde ich gut. Langfristig sollte jeder Profisportler und jede Profisportlerin Zugang zu entsprechender Unterstützung haben.
Dabei spielt aber auch die persönliche, subjektive Beziehung eine große Rolle. Wenn man während der gesamten Karriere nur eine einzige Ansprechperson in Richtung mentale Gesundheit oder Psychologie hat und zu dieser keinen Zugang findet, wird das Angebot möglicherweise gar nicht genutzt und als unwichtig erachtet. Andere haben vielleicht einen viel besseren Zugang zu dem Thema, weil die Ansprechperson sympathischer ist. Von daher würde ich mir wünschen, dass es mehrere Ansprechpersonen gäbe, etwa durch unterschiedliche Workshops, sodass jeder jemanden finden kann, zu dem er Vertrauen aufbaut.
Leonie Kokott: Sie haben auch in den USA gespielt. Unterscheidet sich der Umgang mit mentaler Gesundheit dort von dem in deutschen Vereinen?
Almuth Schult: Ja, das finde ich schon. Das Thema wird dort deutlich regelmäßiger abgefragt. Sowohl in Deutschland als auch in den USA gibt es meist tägliche Abfragen zur physischen und psychischen Gesundheit. In den USA werden zusätzlich am Anfang des Jahres ausführlichere Befragungen durchgeführt, um ein Statuslevel zu haben und Entwicklungen über mehrere Saisons hinweg nachvollziehen zu können.
Außerdem gibt es noch Möglichkeiten, anonym Feedback zu geben. Nach jeder Saison können die Spielerinnen den kompletten Staff – das Trainerteam, das Betreuerteam und weitere Verantwortliche – bewerten. Dadurch schafft man eher ein Umfeld, in dem Kritik geäußert werden darf und in dem man es gewohnt ist, miteinander über Qualitäten und Verbesserungsmöglichkeiten zu sprechen. Das ist in Deutschland noch weniger ausgeprägt.
Hinzu kommt, dass sich einige Spielerinnen in der US-Liga bereits öffentlich zu mentalen Problemen oder Krisen geäußert haben. Die Liga ist da sehr unterstützend. Durch den Tarifvertrag kann man eine längere Auszeit nehmen, ohne irgendwelche Nachteile befürchten zu müssen.
Leonie Kokott: Wie kann ich mir so einen Fragebogen vorstellen?
Almuth Schult: Das ist digital und funktioniert wie ein Multiple-Choice-Test. Ich würde schätzen, dass er etwa 40 Fragen umfasst, die unterschiedliche Ziele haben. Manche Fragen wirken zunächst vielleicht etwas ungewöhnlich, aber dahinter steckt ein entwickeltes Verfahren, ähnlich wie bei Persönlichkeits- oder Charakterfragebögen. Anscheinend sind sie damit auch einigermaßen erfolgreich.
Leonie Kokott: Haben Sie das Gefühl, dass Leistungssportlerinnen heute – nicht nur im mentalen Bereich – besser unterstützt werden als zu Beginn Ihrer Karriere?
Almuth Schult: Definitiv. Die Entwicklung ist in nahezu allen Bereichen spürbar. Vor allem der athletische Bereich ist sehr stark gewachsen. Früher hatte nicht jeder Verein einen Athletiktrainer oder eine Athletiktrainerin, heute gehören individualisierte Trainingspläne eher zum Standard.
Auch das Wissen über die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Athleten ist deutlich größer geworden. Es wird beispielsweise zyklusbasierter trainiert und stärker auf individuelle Gegebenheiten eingegangen. Hinzu kommen deutlich bessere Trainingsbedingungen wie die Kabine oder die Trainingsplätze. Auch die Staff-Teams sind deutlich größer, Reisen werden professioneller organisiert und die Spielerinnen verdienen natürlich mehr Geld. Im Großen und Ganzen ist der Frauenfußball gewachsen und das ist auch gut so.
Leonie Kokott: Wo sehen Sie den Frauenfußball in Deutschland aktuell?
Almuth Schult: Ich sehe ihn noch nicht in der kompletten Weltspitze, weil mir das Niveau der Bundesliga noch nicht gut genug ist. Wenn ich beispielsweise nach England schaue, gibt es dort inzwischen zwei professionelle Ligen mit festgeschriebenen Mindestgehältern. So weit sind wir in Deutschland noch nicht. Wir sind froh, dass mittlerweile alle Spielerinnen berufsgenossenschaftlich versucht sind, auch das war ein großer Schritt und hat lange gedauert. Zu meiner aktiven Zeit gab es noch Spielerinnen, die ohne Vertrag in der Liga gespielt haben. Nach einer schlimmen Verletzung standen sie praktisch ohne Absicherung da, das ist heute zum Glück anders.
Was mir dennoch fehlt, ist ein höherer Anspruch an die Liga. Ich war auch in der US-Liga und dort gibt es beispielsweise einen Tarifvertrag, der für alle Vereine gültig ist und Vorgaben zu Reisemodalitäten, Größe und Ausstattung von Besprechungsräumen oder anderen Rahmenbedingungen macht. Dahinter steht eine Spielergewerkschaft, die dafür arbeitet – eine vergleichbare Spielergewerkschaft gibt es im Frauenbereich in Deutschland nicht.
Aus meiner Sicht wäre genau das die Basis, um weiterzukommen. Einzelne Spielerinnen können zwar Forderungen stellen oder verhandeln, das führt aber nicht unbedingt zum gleichen Ergebnis wie im Kollektiv. In anderen Ländern wie den USA, Australien oder in den skandinavischen Ländern haben Spielergewerkschaften unheimlich viel erreicht, daher bin ich gespannt, wann dieser Schritt auch in Deutschland passiert.
Trotzdem geht es uns sehr gut, weil der Fußball in Deutschland ein sehr hohes Ansehen genießt – vor allem der männliche Fußball. Es ist sehr viel Geld im Umlauf und dadurch lassen sich auch einige Strukturen auf den Frauenbereich übertragen. Viele Vereine haben den Frauenfußball mittlerweile als Produkt entdeckt, um den kommerziellen Anteil weiter auszubauen, um noch mehr Fans zu binden und um vielleicht mehr Spieltage in großen Stadien zu veranstalten. Dadurch wächst die Liga, aber sie bleibt aufgrund dessen sehr unausgeglichen, weil nach wie vor große Unterschiede zwischen professionellen und semiprofessionellen Strukturen bestehen.
Leonie Kokott: Welche Chancen sehen Sie insbesondere in der Ausrichtung der Heim-Europameisterschaft 2029 in Deutschland?
Almuth Schult: Ich sehe darin eine sehr große Chance. Ich war bei der Heim-Weltmeisterschaft 2011 dabei und habe erlebt, welche Begeisterung ein solches Turnier auslösen kann. Es wurden unheimlich viele Tickets verkauft – auch bei Spielen ohne deutsche Beteiligung – und man hat gespürt, was für eine Kraft dahinter steckt oder stecken kann.
Die Europameisterschaft 2029 könnte genau diesen nächsten Schritt ermöglichen, damit die Liga professioneller wird, Vereine weiter investieren und auch der Deutsche Fußball-Bund seine Bemühungen weiter verstärkt. Nun soll die Liga in einen neuen Ligaverband übergehen, wodurch die Möglichkeit entsteht, neue Lizenzauflagen zu erlassen und vielleicht einen Tarifvertrag abzuschließen – insbesondere mit dem Ziel der Heim-EM, wo es diese große Fußballbühne im Frauenbereich gibt.
Leonie Kokott: Was wünschen Sie sich für zukünftige Generationen von Spielerinnen?
Almuth Schult: Ich würde mir grundsätzlich wünschen, dass jedes Kind die Möglichkeit hat, Sport auszuüben – unabhängig vom Geschlecht. Mädchen sollten genau die gleichen Chancen haben wie Jungs, ganz egal, für welche Sportart sie sich entscheiden. Dazu gehören die gleiche Förderung, das gleiche Gefühl, in dieser Sportart willkommen zu sein, und die gleiche Qualität an Trainerinnen und Trainern. Außerdem wünsche ich mir, dass mentale Gesundheit von Anfang an selbstverständlich dazugehört. Der Zugang zu mentaler Stärke und damit auch zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung sollte aber nicht nur im Sport vermittelt werden, sondern am besten schon in Schule oder Kindergarten. So hängt es nicht allein vom Elternhaus ab, sondern jedes Kind kann früh lernen, was ihm guttut und wie es mit Herausforderungen umgeht.
Leonie Kokott: Nach Ihren Schwangerschaften sind Sie in die USA gegangen, da die Bedingungen dort für Spielerinnen mit Kindern deutlich besser sind als in Europa. Welche Unterstützung braucht es hier noch, damit mehr Spielerinnen Familie und Profisport miteinander verbinden können?
Almuth Schult: Es beginnt mit der grundsätzlichen Einstellung. Es wird zwar weniger, aber in Europa hat man teilweise noch das Gefühl, dass man als Mutter im Fußball nicht so gewollt ist. Viele denken an den organisatorischen Aufwand und dass es vielleicht anstrengend ist, wenn die Kinder dabei sind. Manche zweifeln auch daran, ob man nach der Schwangerschaft wieder den früheren Fitnesszustand erreicht.
In den USA ist die Einstellung eine komplett andere. Dort freuen sich Vereine normalerweise über Mütter in der Mannschaft, weil sie sagen: Wer Mutter ist, hat gelernt, eine ganz andere Verantwortung zu übernehmen, man hat den eigenen Körper viel besser kennengelernt und ist dadurch ein noch besseres Teammitglied, als man es vorher gewesen sein kann. Außerdem sind Mütter Vorbilder für die anderen Spielerinnen. Auch die Kinder werden dort als Bereicherung gesehen. Sie bessern die Stimmung im Team auf, schaffen eine familiäre Atmosphäre und erinnern alle daran, dass Fußball nicht alles ist und man in der Gemeinschaft viel stärker funktioniert.
Leonie Kokott: Wenn Ihre Karriere verfilmt werden würde, welche Szene dürfte auf keinen Fall fehlen?
Almuth Schult: Ich bin eigentlich kein Mensch, der auf einzelne Momente blickt. Ich bin dankbar für meine gesamte Karriere und würde weder die positiven noch die negativen Erfahrungen streichen, weil sie mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin. Natürlich gibt es Schlüsselmomente wie Titelgewinne, die nach außen sehr viel Strahlkraft haben.
Oftmals wird dann nicht gezeigt, was dahinter für Arbeit gesteckt hat: Rückschläge, Verletzungen, Reha-Phasen oder Herausforderungen innerhalb der Mannschaft und im familiären Umfeld. Gerade diese Details machen die Geschichte eigentlich aus. Deshalb fällt es mir schwer, eine einzelne Szene auszuwählen. Am liebsten würde ich alles reinpacken, aber dann würde der Film wohl viel zu lang werden. Wahrscheinlich müsste jemand von außen entscheiden, welche Momente aus dieser Zeit wirklich entscheidend sind.
Leonie Kokott: In Ihrem Podcast „Almuths Pausen-T“ geben Sie regelmäßig Ihre Hot Takes für die nächsten Fußballspiele ab. Was sind – zum Abschluss dieses Interviews – Ihre Hot Takes für die Frauen- und Männer-Bundesliga-Saison 2026/27?
Almuth Schult: Ein Hot Take muss ja etwas Unwahrscheinliches sein. Bei den Männern wäre daher mein Hot Take, dass der FC Bayern nicht Deutscher Meister wird.
Leonie Kokott: Sondern wer?
Almuth Schult: Ich sage jetzt mal, dass es der VfB Stuttgart schafft.
Leonie Kokott: Das freut mich als Stuttgarterin natürlich!
Almuth Schult: Perfekt. Und bei den Frauen sage ich, dass Union Berlin den DFB-Pokal gewinnt.
Leonie Kokott: Spannend. Dann muss ich in einem Jahr auf jeden Fall noch einmal nachgucken, was daraus geworden ist.
Almuth Schult: Schauen wir mal.
Almuth Schults Erfahrungen zeigen, dass sich im Leistungssport zwar vieles verändert hat, mentale Gesundheit aber noch längst nicht überall selbstverständlich dazugehört. Gerade ihre Erfahrungen aus verschiedenen Fußballsystemen machen deutlich, wie wichtig Strukturen sind, die Athletinnen und Athleten nicht erst dann auffangen, wenn bereits Probleme entstanden sind. Gleichzeitig geht es um weit mehr als den Sport: Wer früh lernt, mit Druck, Rückschlägen und den eigenen Erwartungen umzugehen, kann diese Fähigkeiten auch in andere Lebensbereiche mitnehmen. Der Frauenfußball hat dabei noch einige Aufgaben vor sich, aber auch die Chance, neue Maßstäbe für einen nachhaltigeren und ganzheitlicheren Leistungssport zu setzen.
Juli 2026

